In dieser Geschichte reimen sich, typisch Autoseite, Albtraum auf Hubraum, Jugendliebe auf Schaltgetriebe und Trauer auf Power. Auf Ölpeilstab natürlich Groschengrab (sowie auf Unwucht Sehnsucht, auf Viertakt Infarkt, auf PS Tristesse et cetera). Es geht um den Traum aller Kinder, aller Kinder im Manne, um den Traum von James Dean und der früheren ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff. Genauer: Es geht um die Abwesenheit dieses Traums – um den geklauten Porsche.

Einige Polizeimeldungen aus zwei Septemberwochen dieses Jahres. Stuttgart, 11. 9.: Ein Porsche Panamera wird gestohlen. Seltenes Fahnderglück: Der Dieb wird entdeckt, als er in einem Wald übermüdet einschläft. Aachen, 14. 9.: Einbrecher entwenden die Schlüssel eines roten Porsche 911, Baujahr 1990, und verschwinden mit dem Auto. Rheinberg, 19. 9.: Angebliche Kauf- interessenten schlagen den Besitzer eines schwarzen Porsche Carrera S 4 zu Boden und verschwinden mit dem Auto. 20. 9. Braunfels-Bonbaden: Autodiebe stehlen zwei in einem Carport hintereinander geparkte Wagen, einen BMW und einen Porsche Macan S. Eine Nacht später wird ein Porsche Macan in Oberndorf gestohlen. Alzenau, 25. 9.: Ein schwarzer Porsche Macan Turbo wird unter Ausschaltung der elektronischen Sicherung entwendet. Ebenfalls im September wird bekannt, dass zwei Hannoveraner Unternehmern, unter ihnen der berühmte Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe, hochwertige Porsche-Fahrzeuge abhandengekommen sind. Beide Bestohlenen setzten die enorme Belohnung von 25 000 Euro aus. Bisher vergeblich.

Unter den am häufigsten gestohlenen Automarken in Deutschland liegt Porsche, auf seinen Marktanteil bezogen, an der Spitze. Zu den begehrten Modellen gehören auch das alte Mercedes-SL-Cabrio, Spitzname "Pagode", und die VW-Bullis T2 und T3. Doch fast jeder zweite abhandengekommene Klassiker ist ein Porsche, und unter diesen liegt mit Abstand vorn der An-sich-Porsche, der Proto-Porsche 911, unter Insidern auch 11er genannt.

Gut zwanzig davon verschwanden 2015 allein in Hamburg. "Traurige Porsche-Owner" sind ein Lieblingsthema der Boulevardzeitungen. Nur mal ein Häppchen essen wollte der Hamburger Autohändler Francesco Rallo – schon war der Porsche weg. Für ein Bier und eine Schokolade war Norbert Klafack, Mitarbeiter einer Hamburger Privatbank, sieben Minuten in einem Rewe-Laden – der teuerste Snack seines Lebens, denn futsch war der heiß geliebte 11er. Ein in dieser Hinsicht heißes Pflaster sind auch Berlin und Nordrhein-Westfalen – vermutlich wegen der Dichte der teuren Fahrzeuge. Und der Grenznähe.

Die Beliebtheit der Zuffenhausener Automobile bei der Kundschaft und bei den Autodieben ist ein Phänomen, an dessen Entstehen drei Faktoren beteiligt sind, die sich gegenseitig unentwirrbar beeinflussen. Da ist einmal das erstaunlich endgültige Design des alten 911er und seines Vorgängers, des Porsche 356, der eigentlich ein flach geklopfter VW Käfer war. Mit dem teilt er die liebesbedürftigen Glubschaugen, den Boxermotor und die Heckansicht. Von der Seite allerdings sprach der Porsche vom Start weg eine Formsprache der Verheißung. Die Flanke singt von Dynamik und Eleganz, von mühsam gebremster Macht und vielleicht sogar von Intelligenz. Auf jeden Fall stößt diese Form bis heute umweglos in die Herzen aller kleinen reichen Autofreunde vor – und verbleibt dort bis ins hohe Alter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Ein zweites, nicht minder fantastisches Phänomen erklärt sich am besten, wenn man die Geschichte von Piet Klagenfurt hört. Klagenfurt – warum er auf einem Pseudonym besteht, versteht man gleich – fuhr schon als Student gebrauchte 911er, als das Wort Porsche noch als Synonym für Rostlaube gebräuchlich und ein Gebrauchter auch für Lehrlinge erschwinglich war.

Piet Klagenfurt wurde im Immobiliengeschäft reich. Er leistet sich immer mal wieder einen neuen Porsche. Eines Tages aber linkte ihn ein Geschäftspartner – Klagenfurt musste Konkurs anmelden und verlor alles. Alles? Nun, wie es so zugeht unter Bankrotteuren: Ein Notgroschen bleibt immer. Ein Porsche hier, ein Porsche da – Gläubiger und Fiskus erfuhren nichts davon.