Lange Zeit kursierte der selbstgefällige Rat, man könne als Patient getrost zu jedem Therapeuten gehen, egal wo es drücke und was er anbiete –, Hauptsache, die Chemie stimme. Dagegen formiert sich jetzt Widerstand. "Beim genauen Blick in die Studien zeigt sich, dass die Therapie von Patient zu Patient sehr unterschiedlich wirken kann", sagt Psychologin Brakemeier.

Nach heutigem Wissen lassen sich folgende Erkenntnisse festhalten: Je schwerer und chronifizierter das Seelenleiden, desto effektiver ist eine speziell zugeschnittene Methode. Auch die Idee "Je länger eine Therapie, desto besser" lässt sich nicht halten. Selbst kurze Interventionen von 25 Stunden können erstaunlich gut wirken. Kein Patient muss unbedingt 300 Stunden auf die Couch, wie es Lobbyisten alter Schule behaupten.

Das Gesundheitssystem vergeudet Ressourcen, wenn Langzeitverfahren bezahlt werden, deren Wirkung nicht belegt ist oder die nicht besser helfen als kürzere Ansätze. Durch Letztere könnten weit mehr Patienten versorgt werden. Viele psychische Leiden gelten zwar als Lebensthema, das heißt aber nicht, dass Betroffene über Jahre therapiert werden müssen. Sinnvoller sind Auffrischungen und vorübergehende Stützung zwischendurch. Niemand in der Fachwelt bezweifelt, dass auch eine tiefenpsychologische Behandlung mit 40 bis 80 Stunden helfen kann, und klar ist auch, dass begabte Therapeuten ohnehin eklektisch arbeiten, also bei den Patienten Bewährtes aus allen Ansätzen anwenden. Doch sie tun dies intuitiv und nicht so methodisch, wie es bei den meist besser untersuchten kürzeren Verfahren üblich ist.

Erkenntnisse aus der Hirnforschung sprechen dafür, die heilsamen Prozesse der Psychotherapie zu entmystifizieren. Emotionales Lernen funktioniert verblüffend simpel, in Mustern, die sich verändern lassen: durch Üben, Üben, Üben. Zunächst etwa in Rollenspielen, wie bei Michael Schieder, und dann täglich und dauerhaft im realen Leben. "Die moderne Psychotherapie geht heute davon aus, dass es nicht reicht, in einmaliger Ergriffenheit zu verstehen, woher unsere besondere Art des Erlebens oder Handelns stammt", so Martin Bohus. Psychische Gesundung braucht regelmäßiges Training, wie nach einem Bänderriss.

Psychotherapie ist weit mehr als längliches Monologisieren oder punktuelles Problemlösen: Wer einmal lernt, sein Gefühlsleben zu regulieren, erwirbt eine Fähigkeit, die ihm später in allen Lebenslagen nützlich sein kann.

Welche Tiefenwirkung dies entfaltet, zeigen Forscher, die sich der biologischen Psychologie und Psychiatrie verschrieben haben. Sie untersuchen, was im Körper eines Menschen abläuft, wenn er psychisch krank wird, und was mit seinen Immunzellen, Genen und Hirnsynapsen geschieht, wenn es ihm wieder besser geht, wenn er nach der Therapie weniger Ängste, Trauer oder Stress empfindet. "Psychotherapie hat Auswirkungen auf den ganzen Körper", sagt die Biologin Elisabeth Binder, Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Was manche Spötter für Gelaber beim Seelenklempner halten, wirkt tatsächlich bis in den Zellkern.