An einem Tag im Jahr 2011 sprach Rolf Vogelsang* auf dem Billigstrich um die Potsdamer Straße im Westen Berlins eine schwarzhaarige, sehr zierliche Prostituierte an. Sie wechselten ein paar sachliche Sätze: 20 Euro für die orale Variante im Auto, 50 Euro für eine halbe Stunde im Hotel. Aber Vogelsangs Interesse an der Frau ging binnen Sekunden so weit übers Geschäftliche hinaus, als sei in ihm eine Bombe gezündet worden. "Es hat mich", sagte er später, "sofort erwischt."

Der coup de foudre katapultierte das bürgerliche Durchschnittsleben des 50-jährigen Akademikers in ein Drama von hollywoodhaften Dimensionen. Über Jahre hin unternahm der verzauberte Freier, der sich schon bei der zweiten Begegnung nicht mehr als solcher betrachtete, alles, um das Mädchen Hanka, Hani genannt, aus dem Schmutz der Straßenprostitution zu erretten. Er lud sie ins Kino und ins Café ein, bezahlte sie für Spaziergänge und lange Gespräche, fuhr abends an ihrem Standplatz vorbei, um ihr frisches Obst zu überreichen. Er wurde, "als wir uns im Januar 2013 unsere Liebe gestanden", vom Glück durchzuckt – und im Jahr darauf auf eine Art und Weise ausgeplündert, deren burlesker Aspekt die Infamie noch steigert.

Warum sie zu dem Zuhälter zurückgekehrt ist? "Weil ich eine gütige Seele habe"

Nun, im Spätsommer 2016, steht der silberhaarige Mann mit dem biederen kurzärmligen Karohemd als einer der Zeugen vor der 11. Strafkammer des Berliner Landgerichts, die den Fall der 29-jährigen Bulgarin Hanka V. und ihres 37-jährigen Landsmannes Dimitar A. verhandelt. Ihr wird Betrug vorgeworfen. Bei ihm kommt aus Sicht der Staatsanwaltschaft allerhand zusammen: Zuhälterei, Menschenhandel, gefährliche Körperverletzung, betrügerische Erpressung sind nur die gewichtigsten Anklagepunkte. Die Schwierigkeit, sie hieb- und stichfest nachzuweisen, deutet sich schon am ersten Prozesstag an, da sich wichtige Zeugen als wankelmütig erweisen. Beispielsweise die 27-jährige Tatjana M., ebenfalls eine bulgarische Prostituierte, die als Nebenklägerin auftritt, aber belastbar erscheinende Aussagen schon im nächsten Moment durch wirre oder seltsam blumige Erläuterungen relativiert.

Tatjana M. kam 2009 zum Anschaffen nach Berlin. Sie hatte, wie die meisten osteuropäischen Prostituierten, wie auch Hanka, nie eine andere Arbeit ausgeübt. Unmittelbar nach ihrer Ankunft ging sie mit Dimitar A. eine Partnerschaft ein, in der die Grenze zwischen Anhänglichkeit ihrerseits und finanzieller Ausbeutung seinerseits mäandernd verlief. Welchen Anteil ihrer Einkünfte sie ihm überließ, will sie vor Gericht so wenig präzisieren wie die Zahl ihrer Abtreibungen. Eine Wohnadresse gab es nicht. Die beiden übernachteten in billigen Hotels oder im Auto auf dem Parkstreifen der Bülowstraße, wo blutjunge Prostituierte bisweilen so dicht aufgereiht stehen, als gehörten sie zu einer Balletttruppe. Im Oktober 2013 wird Dimitar A. verhaftet und im Dezember 2013 wegen gemeinschaftlichen Raubes zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft verwickelt sich das Knäuel jener Ereignisse, die schließlich auch Rolf Vogelsang mitreißen und die das Gericht mühsam zu entwirren sucht.

Das persönliche Interesse des Dimitar A. gilt nun, da er sich wieder auf freiem Fuß befindet, einer namentlich nicht genannten Tschechin. Sein wirtschaftliches an Tatjana M. soll er dafür umso brutaler durchgesetzt haben. Ab Januar 2014 soll er sie gezwungen haben, Tag und Nacht auf dem Strich zu arbeiten, ihr Drogen aufgedrängt, sie regelmäßig geprügelt, einmal sogar mit einem Messer angegriffen haben. Über mehrere Vorfälle gibt es Polizeiprotokolle. Allerdings zog Tatjana M. die Anzeigen oft schon am nächsten Tag wieder zurück. Im Frauenhaus, wo ein Sozialdienst sie unterbrachte, hielt sie es genau eine Nacht aus. Auf die Frage des Verteidigers von Dimitar A., weshalb sie nach den Misshandlungen nicht nur immer wieder zum Angeklagten zurückgekehrt sei, sondern darum gekämpft habe, die Favoritinnenrolle in dessen zuhälterischem Management zurückzuerobern, gibt sie zu Protokoll: "Weil ich ein gütiges Herz und eine gütige Seele habe."

Dann werden die Karten neu gemischt. Hani tritt an die Seite von Dimitar. Wenn man beiden glauben mag – auch sie erlebten einen Blitzschlag der Liebe. In einer vom Verteidiger verlesenen Erklärung teilt Dimitar dazu mit: "Hani ist die Liebe meines Lebens. Was sollte ich machen? Ich musste mich von Tatjana M. und der Tschechin trennen, ich liebte beide nicht mehr." Bisweilen ähnelt der Prozess einem Bühnenschwank, der das Publikum in den Genuss gewundener Viertel- und Unwahrheiten bringt.Das auftretende Milieu erinnert indes an eine Dorfgesellschaft mit ihren sozialen Verstrickungen und internen Gesetzmäßigkeiten. Dieser Vergleich ist mitnichten verharmlosend. Der Anblick notdürftig bekleideter 20-jähriger Frauen, die beim Lächeln schwarz verfärbte Zahnstummel enthüllen, eignet sich wenig für die Beschwärmung urbaner Frivolität. Ebenso wenig der Volvo-Kombi mit dem Aufkleber "Baby an Bord", dessen Fahrer mit prüfenden Blicken am Prostituiertenspalier vorbeikriecht. Beides aber geschieht auf offener Straße. An keinem anderen Ort in Deutschland, von der Hamburger Reeperbahn abgesehen, vollzieht sich innerstädtische Straßenprostitution mit derart greller Selbstverständlichkeit wie in diesem abgewirtschaftet anmutenden Berliner Viertel, wo Tiergarten, Kreuzberg und Schöneberg aufeinandertreffen. Doch so eigenmächtig, verkommen, kriminell oder mafiös die Binnenwelt des Milieus auch sein mag: Es unterhält Beziehungen zur Außenwelt. Es hat nicht, und das verdeutlicht dieser Prozess, den Charakter einer hermetischen Unterwelt, den es durch ein Prostitutionsverbot wohl annähme.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

In der zweiten Prozesswoche betritt "Herr Neuscheid", so sein Titel im Milieu, mit einer gewissen pastoralen Feierlichkeit den Prozesssaal. Herr Neuscheid engagiert sich bei der Linderung des Prostituiertenelends in einem privaten Hilfsprojekt, das aus einer einzigen Person besteht – ihm selbst. Der Pensionär begleitet die "Mädchen", wie er sie nennt, zu Behörden, redet Zuhältern ins Gewissen, parkt sein Auto auf der Bülowstraße und stößt die Beifahrertür auf, wenn er ein entkräftetes Geschöpf heranwanken sieht. Offensichtlich ist Herr Neuscheid als Szenekenner auch ein Ansprechpartner der Polizei. Dem Gericht bestätigt er, Tatjana M. im Frühjahr 2014 mit zerschlagenem Gesicht gesehen und einmal dabei beobachtet zu haben, wie sie sich mit einer Frau auf der Straße lautstark prügelte.

Als Nächstes tritt ein junger Wirtschaftsjurist in den Zeugenstand. Er wohnt zufällig im Strichkiez. Er hat Dimitar A. im Sommer 2015 angezeigt, weil der ein iPhone nicht zurückgab, das er ihm zur Reparatur überlassen hatte. Man traut dem Angeklagten vieles zu – auch Spezialkenntnisse auf dem Gebiet der Elektronik? Und warum war Dimitar A. mehrfach Gast im Wohnzimmer des Zeugen? Könnte dies mit dem Erwerb von Crystal Meth zu tun gehabt haben? Auf solche Fragen des Vorsitzenden hin tun sich im Kopf des Wirtschaftsjuristen Gedächtnislücken von medizinisch bedenklichem Ausmaß auf. Gegen Ende der Zeugenparade erscheint der schwergewichtige und schweratmige Richard A. Seine Rolle im Dorfgeschehen ist verschwommen. Fest steht, dass er mit Hanis Schwester liiert war. Fest steht auch, dass er mit einem Betrieb bankrottging und seine Einnahmen mit der Untervermietung des Schlafzimmers an Leute aus dem Milieu aufbessert. Auch Hani wohnte gelegentlich bei ihm. Sie brachte Dimitar A. mit, dieser brachte einen Mercedes-Besitzer namens Erwin P. mit, der irgendwann mit Dimitar A. über eine Ablösesumme für Tatjana M. in Höhe von 25.000 Euro verhandelt haben soll. Auf diese Deals versucht sich der Anklagevorwurf des Menschenhandels zu stützen. Nur findet sich kein Zeuge, der die Vermutung urteilsfähig zu konkretisieren vermöchte.Auch der liebestolle Rolf Vogelsang war irgendwann eine Art Dorfbewohner. Wenn er Hani nicht antraf, weil sie gerade Kunden hatte, gab er seine Obsttüten im Café ab, in dessen Kundschaft sich das Rotlichtpersonal mit den verlorenen Seelen des Viertels mischt. Im "Froben-Café" strecken Prostituierte für eine Zigarette die Füße aus. Vor dem "Eros-Burger" sitzen im Sommer morgens um sieben bullige Kerle mit Trainingshosen und fettgoldenem Armschmuck und genehmigen sich Feierabenddrinks.