Gäbe es diese Stadt nicht, Kriminalautoren müssten sie erfinden. Ein Hafen für Schmuggel und Drogenhandel. Ein Rotlichtbezirk für die Verteilungskämpfe von Luden, Rockern und Mafia-Clans. Ein Großbürgertum, das seinen Wohlstand mit Diskretion verwaltet. Und eine taffe Polizei.

Hamburg ist ein Glücksfall für das Genre, aber bis vor Kurzem kamen die richtig guten deutschsprachigen Romane oft woandersher, aus Frankfurt (Jakob Arjouni), aus München (Friedrich Ani) oder aus Wien (Wolf Haas). Und die Helden waren grundsätzlich Männer, vom Schicksal zerbeulte Typen, die zu viel Bier tranken und sehr wenig Hoffnung hatten auf ein normales Leben mit Eigenheim und Familie. Und jetzt ist da Simone Buchholz mit ihrem Roman Blaue Nacht, und auf einmal gilt, was die Band Beginner sehr stolz und vollmundig in ihrem neuen Hit verkündet hat: "Wir packen Hamburg wieder auf die Karte."

Humor, Härte. Melancholie, Spannung. Sozialkritik. Was einen guten Kriminalroman ausmacht, steckt in diesem Text. Mächtige Schurken. Cops, die an sich selbst und an der Vergangenheit leiden. Und eine Hauptfigur, die feministische Seminare ebenso begeistern wird wie die Fans einer süffigen Erzählung: Chastity Riley, Staatsanwältin und Opferschutzbeauftragte.

Die Story, Twitter-Version: Riley kümmert sich um einen rätselhaften Österreicher, der halb totgeprügelt im Krankenhaus aufwacht. Der Mann ist ein Killer; seine Auftraggeber sind Drogenbosse aus Osteuropa, sie wollen ihn loswerden. Auf der Strecke bleiben diverse Handlanger, eine Liebschaft und in gewisser Weise auch die Justiz.

Man ist versucht, die Fiktion auf Belegstellen in der Wirklichkeit abzuklopfen. Wo sollen wir uns also treffen, Frau Buchholz?

Die Koralle, oder: Verlierer machen das Spiel

Freitagabend, Simon-von-Utrecht-Straße, überall Bars und Kioske. Die Reeperbahn in Rufweite. Das dominante Zeichen dieser Kulisse: der Totenkopf, Insignie des Fußballclubs St. Pauli. Totenköpfe auf Flaggen, auf Autohecks, auf Basecaps, Sweatshirts und Schals. Schon Kinder werden gezeichnet mit dem Piratenemblem.

St. Pauli ist Teil der kulturellen DNA dieses Milieus, das man als bürgerlich-liberal mit einem scharfen Drall nach links beschreiben könnte.

Die Bar heißt Koralle, ein orange glimmendes Lämpchen, kein Namensschild, in den Fenstern Oma-Gardinen. Innen Fischerkatenromantik, garniert mit Ironie: "Certified dining saloon" erklärt eine Tafel neben dem Tresen. Aus den Lautsprechern perlt Jazz. Simone Buchholz, 44, lebt nur ein paar Gehminuten entfernt, und seit sie 1997 aus München hierhergekommen ist, hat sie alles getan, um ein Kiezgewächs zu werden. Sie hat sich in St. Pauli verliebt, in den Stadtteil und den Fußballclub. Sie hat eine Aversion gegen Immobilienspekulanten und sonstige Gentrifizierungsgewinner entwickelt. Und sie hat sich dieses Faible für Verlierer zugelegt, aus dem sich erzählerisches Kapital schlagen lässt, wenn man es richtig macht. Nicht zu sentimental werden. Aber leidenschaftlich genug sein, dass der romantische Grundton erhalten bleibt. Bloß keinen Kitsch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Dieser Sound ist Buchholz nicht von Anfang an gelungen. Blaue Nacht ist ihr sechster Roman, aber nun wird sie bei Suhrkamp verlegt. Vielleicht ist dort das Lektorat schärfer als bei Droemer Knaur. Vielleicht hat sie sich auch freigeschrieben, wie man so schön sagt im Reporterjargon. Buchholz war auf der Henri-Nannen-Journalistenschule, sie arbeitete für Frauenzeitschriften, und den Emosprech, mit dem ein Großteil dieser Magazinprosa ausgestattet ist, fand man auch in ihren frühen Romanen. Da sitzt dann der Heldin "das Unbehagen unter der Haut wie eine dünne Schicht zersplitterter Lichterketten", und "zwischen den Männern wabert das, was man ein unbehagliches Schweigen nennt".

In Blaue Nacht wabert gar nichts, alles ist präzise und lakonisch auf den Punkt formuliert: "Der Österreicher hat noch drei Sonnenstrahlen auf der Stirn" wird eine Abendstimmung skizziert und gleichzeitig eine Figur dramatisch angestrahlt. "Ich rauche noch drei bis acht Zigaretten", heißt es von der Heldin – knapper kann man eine Charakterschwäche und ihre Leugnung nicht darstellen.