Die Synagoge ist mit prächtigen Holzschnitzereien reich geschmückt. Fromme Männer, angetan mit dem Tallit, dem Gebetsmantel, heben die Thora-Rollen aus dem Schrein und tragen sie gemessenen Schrittes durch den Betraum. Hinter einem Pult, das mit einem Davidstern geschmückt ist, steht der Kantor und dirigiert einen Knabenchor. Diese dichte filmische Stilisierung des Festes Simchat Tora liefert eine Innensicht auf das jüdische Leben im Wien der zwanziger Jahre: Einerseits verfolgen honorige Herren mit steifen Hüten regungslos die Zeremonie, während deutlich ärmer aussehende Gestalten beim Gebet ihre Oberkörper rhythmisch vor und zurück wiegen. In der Metropole der untergegangenen Monarchie lebte das assimilierte Judentum Seite an Seite mit den archaischen Schtetl-Juden, die aus den ehemaligen Ostprovinzen des Habsburgerreiches geflohen waren, in einer prekären Notgemeinschaft. Auf beiden Gruppen lastete gleichermaßen der Albdruck des Antisemitismus.

Die suggestive Filmszene ist vor allem auch deswegen bemerkenswert, weil sie rund 80 Jahre lang nicht mehr zu sehen war. Sie stammt aus der 1924 in Wien gedrehten Romanverfilmung Die Stadt ohne Juden, in der nach der Vorlage des Erfolgsschriftstellers und Skandalpublizisten Hugo Bettauer von der Vertreibung der jüdischen Wiener erzählt wird. Zehn Jahre nach der Erstaufführung verschwand der Stummfilm spurlos. Erst 1991 tauchte in Amsterdam eine schon stark zersetzte und unvollständige Kopie auf, die vom Filmarchiv Austria restauriert wurde. Doch dann geschah etwas, was Ernst Kieninger, der Leiter der Institution, als "kinematografisches Wunder" bezeichnet: Im Oktober 2015 entdeckte ein Scout beim Stöbern auf einem Pariser Flohmarkt eine vollständige Version der grimmigen Prophezeiung, die ungefähr 30 Minuten länger dauert als das bisher bekannte Fragment.

Auch die neu entdeckte Kopie, in der sich die Synagogen-Szene befindet, ist reichlich ramponiert, doch wundersamerweise verhalten sich die Fehlstellen beider Fassungen beinahe komplementär zueinander. "Wenn uns eine vollständige Restauration gelingt", erzählt Nikolaus Wostry, der technische Leiter des Filmarchivs, "dann ist es wieder möglich, den Film so zu sehen, wie er ursprünglich intendiert war, und nicht in der geglätteten, verstümmelten Version, über die wir jetzt verfügen."

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Stadt ohne Juden wollte, sowohl als Buch wie auch als Film, in der Entstehungszeit nicht mehr sein als politische Kolportage und ein provokantes Gedankenspiel, welches das damals vorherrschende Meinungsklima reflektierte: Im Wien der Nachkriegszeit, gepeinigt von Inflation und Arbeitslosigkeit, werden die Juden als Ursache allen Übels denunziert und schließlich von einem christlich-sozialen Bundeskanzler des Landes verwiesen. Doch statt wie erhofft neu aufzublühen, "verdorft" die Stadt, die eleganten Salons veröden, die vornehmen Hotels sind entvölkert, und im einst mondänen Zentrum dominieren Loden und Haferlschuhe. Reumütig entschließt sich der Bundeskanzler, die Ausgewiesenen zurückzuholen, auf dass sie wieder als "Sauerteig" der Gesellschaft wirken können.

Der über weite Passagen satirische Roman von Hugo Bettauer, der von der antisemitischen Presse als "jüdisches Schwein" und "perverses Kloakentier" beschimpft und wenige Jahre später von einem Nazi-Parteigänger ermordet wurde, war ein riesiger Erfolg. Der Film, in dem der spätere Publikumsliebling Hans Moser als wütender Antisemit zu sehen ist, konnte daran nicht ganz anschließen. Zeitgenössische Kritiken bescheinigten dem "Kitschfilm" (so die Arbeiter-Zeitung) zahlreiche künstlerische Mängel. Man monierte eine nur oberflächliche Aneignung jener expressionistischen Schräglagen und Hell-Dunkel-Kontraste, die als "Caligarismus" bekannt geworden sind.

Und das Fachblatt Kinematograph mokierte sich auch darüber, dass im Film zwar vom Reichtum und der Bedeutung der Juden die Rede sei, der Auszug aber so gezeigt werde, "als ob die Bewohner eines Ghetto (sic!) im tiefsten Russland ihre Stadt verlassen". Immer wieder wurden Aufführungen der Stadt ohne Juden vom antisemitischen Pöbel gestört. Am 11. Oktober 1924 erreichten die Ausschreitungen ihren Höhepunkt: "Stinkbomben als Kulturhüter" nannte die Wiener Mittags-Zeitung einen Bericht aus Wiener Neustadt.