DIE ZEIT: Herr Hengelbrock, Sie arbeiten seit 2011 beim NDR-Sinfonieorchester, wie es damals noch hieß. Da waren die Querelen um die Elbphilharmonie in vollem Gang ...

Thomas Hengelbrock: Ich bin wegen des Orchesters nach Hamburg gekommen, nicht wegen der Elbphilharmonie, um das ganz klar zu sagen. Heute ist es natürlich ein Geschenk, mit dem eigenen Orchester ein solches Zuhause zu finden.

ZEIT: Man muss aber nicht mehr öffentlich-rechtliches Radio hören, um an klassischer Musik teilzuhaben. Was hat Sie am NDR gereizt?

Hengelbrock: Das Potenzial des Orchesters. Da war sicher noch nicht alles gehoben, aber dieses Potenzial habe ich gespürt. Ich kam aus der Oper, ich habe selber inszeniert, wie Sie wissen, Bühnenbilder entworfen, Lichtkonzepte erarbeitet ...

ZEIT: Sie sind als Musiker immer auch ein Mann des Auges gewesen.

Hengelbrock: Und dann treffe ich auf ein Orchester, das so konfliktfreudig ist, so stark von den Persönlichkeiten her, auch nicht ganz einfach natürlich im Umgang, da dachte ich: Wow! Das kannte ich so nicht als Gastdirigent, weder aus München noch aus Paris noch aus Wien. Einen Oboisten wie Paulus van der Merwe, den finden Sie nur hier, mit diesem spezifischen Ton und Klang. Das NDR-Orchester ist eines, das sich gerne reibt.

ZEIT: Architektonisch präsentiert sich die Elbphilharmonie eher als große bauliche Harmonie.

Hengelbrock: Harmonie bedeutet ja nicht, dass alle Widerstände und Widersprüche aufgehoben werden, im Gegenteil, zur Harmonie gehören auch Dissonanz, Spannung, so etwas wie Reibung. Man darf außerdem nicht vergessen: Wir kommen aus der Laeiszhalle, und die war nie unproblematisch. Die Bühne ist ein Schuhkarton, das heißt, man bekommt von hinten und von den Seitenwänden unglaublich viele Klangreflexionen direkt ins Orchester hinein.

ZEIT: Fürs Publikum klingt die Laeiszhalle recht angenehm und warm, sie mischt den Klang. Von den Musikern aber war zu hören, dass sie sich vor dem großen Repertoire regelrecht gefürchtet haben. Es war irre laut – oder man durfte eben nur Mezzoforte spielen. Das wird jetzt alles besser.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Hengelbrock: Viel besser! Insofern ist es auch nicht bloß ein Marketing-Gag oder eitel, dass wir uns in NDR Elbphilharmonie Orchester umbenannt haben. Dahinter steht die Erfahrung, dass die großen Kulturorchester dieser Welt ihre Unverwechselbarkeit und Qualität immer auch in und mit fantastischen Räumen entwickelt haben. Denken Sie an das Concertgebouw in Amsterdam, den Wiener Musikverein, die neue Pariser Philharmonie, auch in Japan und China gibt es großartig klingende Säle, ebenso in Polen. Und die Elbphilharmonie gehört ganz bestimmt dazu. Dieser Saal ist ein Meisterwerk, architektonisch wie klanglich wie atmosphärisch und optisch sowieso. Und die Akustik ist von Yasuhisa Toyota und seinem Team bis ins winzigste Detail im Modell 1 : 10 kalkuliert worden: wie die Struktur der "weißen Haut" auszusehen hat, der Gipsverschalung an den Wänden, und dass der Klangtrichter an der Decke nicht variabel ist, wie andernorts, sondern fest installiert – und am Ende kommt heraus, dass man auf jedem einzelnen der 2150 Plätze hervorragend hört.

Elbphilharmonie - Hamburg hat ein neues Wahrzeichen Mit einer feierlichen Gala und viel Prominenz eröffnete am Mittwoch die neue Elbphilharmonie. Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock spielte Werke von Beethoven, Cavalieri und Wagner. © Foto: Bodo Marks/dpa

Akustik lässt sich berechnen, das wussten schon die alten Griechen

ZEIT: Ist es nicht kühn, das jetzt schon zu behaupten, nach wenigen Proben im Saal?

Hengelbrock: Nein, Akustik lässt sich berechnen, das wussten schon die alten Griechen, wahrscheinlich sogar besser als wir. Ich habe im Amphitheater in Epidaurus mit Pina Bausch Glucks Orpheus und Eurydike gemacht. Es war ein Urereignis für mich als Musiker, dass man auf den obersten Plätzen in einem Theater mit 12 000 Leuten noch den kleinsten Zupfer unten auf der Bühne hört, 200 Meter weit weg. Überwältigend!

ZEIT: Das heißt, es gibt akustisch bei einem Neubau kein Geheimnis, keine Magie, keinen Rest?

Hengelbrock: Doch, den gibt es. Deshalb waren wir alle auch so unglaublich angespannt, bevor der erste Ton erklungen ist ...

ZEIT: Und das war?

Hengelbrock: Brahms’ 1. Sinfonie, am 2. September 2016 um 10 Uhr, der Anfang, c-Moll, (er singt und dirigiert die ersten Takte, "espressivo e legato") – und dann nur schweigen, einfach spielen, genießen. Ein unglaublicher Moment. Wir wussten sofort, mit dem ersten Paukenschlag: Das wird fantastisch. Danach haben wir den Schluss des letzten Satzes gespielt, den großen Choral, alle Bläser, alle Streicher, und es sind jedem im Raum die Tränen heruntergelaufen, wirklich jedem.

ZEIT: Ist Brahms das Maß aller Dinge in der Elbphilharmonie? Weiß man: Wenn er klingt, dann kann der Saal alles andere auch?

Hengelbrock: Ich hatte einen Riesenstapel Partituren dabei, Brahms, Mendelssohn, Mahler, Bruckner, etwas Modernes, etwas für Streichquartettbesetzung, Mozart, eine Rameau-Suite – dieser Saal kann unglaublich viel. Künstlerisch ist das natürlich eine große Verantwortung.

ZEIT: Muss man den Saal erst einspielen?

Hengelbrock: Toyota sagt: Ja. Der Saal wird sich vor allem im nächsten Jahr noch verändern, er wird noch besser werden. Das hat in erster Linie mit dem Bühnenboden zu tun, das Holz ist frisch, da ist noch relativ viel Feuchtigkeit drin. Gerade für die tiefen Frequenzen, die Resonanzen, wird das Folgen haben. Und natürlich wird auch das Publikum Spuren hinterlassen, in jeder Beziehung.

ZEIT: Warum halten Sie das Programm des Eröffnungskonzerts geheim? Bis auf die Uraufführung von Wolfgang Rihms Reminiszenz nach Hans Henny Jahnn ist nichts bekannt.

Hengelbrock: Sie glauben ja nicht, wie viele Leute zu mir gekommen sind, aus der Politik, vonseiten der Sponsoren, diverse Gesellschaften und Vereine haben sich gemeldet, die alle tolle Ideen hatten. Irgendwann habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss! Wir veröffentlichen nichts, dann kann niemand Ansprüche anmelden und keiner meckern. Prompt war Ruhe. Aber ich darf Sie beruhigen: Es wird ein schöner und sicher auch berührender Abend.

ZEIT: Für den es 250.000 Anmeldungen aus der ganzen Welt geben soll!

Hengelbrock: Auch mich braucht bitte niemand mehr anzusprechen: Ich habe keine Karten.

ZEIT: Wer wird an wem wachsen: das Orchester am Saal, der Saal am Orchester?

Hengelbrock: Mein Orchester, das wirklich sehr gut ist, wird sich in den nächsten drei Jahren enorm verändern. Was wir hier machen, ist ein Langstreckenlauf – wobei wir nur einen Bruchteil der Mittel etwa der Berliner Philharmoniker haben, einen Bruchteil. Das darf man nicht vergessen. Wir haben einen tollen Streicherklang, selbst im internationalen Vergleich. Bei allen großen Orchestern sind die ersten Geigen insofern problematisch, als sie die schwerste Partie zu spielen haben und es extrem schwierig ist, 16 Musiker aus allen Geigenschulen der Welt stilistisch unter einen Hut zu bringen, aus der russischen, der belgischen, der amerikanischen ... Wir haben das beim NDR über das Verstehen der Musik geschafft, das Fragen, das Reden darüber. Ich komme eben aus dem deutschen Idealismus, ich kann nicht anders.