Ist das echtes Schweineglück? Zwölf Junge hat die Sau gestern zur Welt gebracht. Da liegt sie, die Ferkel wuseln um sie herum, saugen an ihren Zitzen. Wie fühlt sich die Mutter? Kann man der Sau ansehen, ob ihr wohl ist? Die Frage überrascht den Bauern. Peter Witt zögert. "Wie es dem Tier psychisch geht? Tja, gute Frage ..."

Zwar hat der Schweinezüchter aus Hemme in Schleswig-Holstein alles getan, damit Sau und Ferkel gute Überlebensbedingungen haben. Er hat die Temperatur reguliert, für Futter gesorgt und das rund 200 Kilogramm schwere Muttertier in einen Kastenstand gesteckt, damit es den eigenen Nachwuchs nicht erdrückt. "Ideal" sei das, sagt Witt stolz. "Die Sau liegt nun genau auf der Seite, die Ferkel können trinken. Allen geht es gut." Doch ob sie sich auch wirklich gut fühlen – das kann Witt nicht beantworten.

Mit dieser Ratlosigkeit ist Witt nicht allein. Auch andere Tierhalter rätseln über die Frage, wie es um den Gemütszustand ihrer Tiere bestellt ist – Zoodirektoren und Zirkusdompteure, die Wildtiere in Gefangenschaft halten, ebenso wie Forscher, die Experimente an Ratten oder Affen durchführen. Sie alle stehen unter der Beobachtung einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit. Je mehr die Wissenschaft über die Geistes- und Gefühlswelt von Tieren, auch von vermeintlich niederen Lebewesen wie Fischen und Insekten, herausfindet, desto mehr Proteste gibt es. Was müssen Tiere in deutschen Ställen, Laboren und Gehegen ertragen? Leiden sie? Langweilen sie sich? Macht sie die Gefangenschaft aggressiv? Oder depressiv?

Gelangweilt, traurig oder einfach nur hungrig? Wie fühlt sich das Schwein?

Tatsächlich weiß niemand genau, wie es in der Gefühlswelt von Tieren aussieht. Im Gegenteil: Was wir zu wissen meinen, ist meist das Resultat falscher Interpretationen und unreflektierter Projektionen. Dem will die "Wohlergehensdiagnostik" abhelfen, ein aufstrebender Forschungszweig, in dem sich Tierärzte, Biologen und Neurowissenschaftler der Frage annehmen, wie es um die Empfindungen von Tieren bestellt ist. Auch der Bund hat die Notwendigkeit dieser Forschung erkannt und fördert die Entwicklung von "Tierwohlindikatoren" mit mehr als 14 Millionen Euro.

Für Bauer Witt ist die Frage nach dem Schweineglück eher akademisch. "Natürlich ist es mir wichtig, dass es meinen Tieren gut geht", sagt der Züchter. "Aber von Glück zu sprechen wäre irreführend." Für ihn ist klar: "Die Tierpsyche ist nicht so komplex wie das menschliche Seelenleben." Wenn er von seinen Schweinen spricht, benutzt er lieber Begriffe wie "Effizienz" und "Leistung", die sich etwa an der Zahl der Ferkel pro Wurf bemisst. Wer nicht genügend Leistung bringt, kommt zum Schlachter. "Schweine sind Nutztiere", sagt Witt. "Wir betreiben hier Nahrungsmittelproduktion." Und das tierische Seelenleben lässt sich für Witt auf eine einfache Formel bringen: "Tiere haben Grundbedürfnisse, die in erster Linie durch den Hormonhaushalt gesteuert werden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Damit drückt der Züchter eine Ansicht aus, die auch in der Forschung lange Zeit verbreitet war: Das Wohlergehen von Tieren ist eine Frage der Hormone. Und deren Stand lässt sich mit einer simplen Messung bestimmen.

Auch im Nürnberger Tiergarten werden Hormone gemessen. Dort gibt es seit Jahren Streit um das Wohlergehen der bekannten Delfingruppe. Bei den Zuschauern sind die Tiere beliebt, die zu sanfter Klaviermusik Kunststücke im Wasser vollführen. Scheinbar lächelnd drehen sie sich um die eigene Achse, machen Loopings, präsentieren sich am Schluss nebeneinander wie Tänzer nach dem Auftritt. Doch jeder Tierkenner weiß, dass das Lächeln trügt: Die Delfine haben eine starre Gesichtsmuskulatur und können gar nicht anders.

Wie es den Tieren wirklich geht, das zu beurteilen fällt selbst Tierärztin Katrin Baumgartner schwer, die sich seit vielen Jahren um die Nürnberger Delfine kümmert. "Die Psyche der Tiere ist unsicheres Terrain", sagt sie. Deshalb hockt sich die Veterinärmedizinerin alle paar Monate mit einigen Plastikröhrchen an den Rand des Delfinbeckens und tupft jedem Delfin ein paar Speicheltropfen von der Zunge. Die Proben schickt sie in ein Labor und erfährt einige Tage später, wie viel Stresshormone der Speichel enthält. "In Kombination mit Verhaltensbeobachtungen können wir daran zum Beispiel ablesen, ob es akute Reibereien in der Gruppe oder Rangkämpfe gibt", sagt Baumgartner. "Wenn die Werte über längere Zeit erhöht sind, ist das für uns ein Warnsignal."