Pro

Es geht nicht um Recht, sondern um eine Geste des guten Willens, meint Kolja Rudzio.

Als Kind kuschelte man sich im alten VW Käfer am liebsten in die kleine Nische hinter der Rückbank. Im Teenager-Alter stemmte man seine Beine auf dem Beifahrersitz von Papas VW Passat gegen das Handschuhfach. Später saß man als Student im eigenen VW Golf hinterm Steuer und bot Mitfahrgelegenheiten an. Und mancher nimmt inzwischen im VW Bulli die eigenen Kinder mit auf Reisen. So sind viele in Deutschland groß geworden. Der VW gehörte dazu. Er war Teil der Familie. Mehr kann sich ein Autohersteller nicht wünschen. So eine Beziehung zu seinen Kunden aufzubauen braucht Jahrzehnte. Wer das einmal geschafft hat, sollte dieses Vertrauensverhältnis hegen und pflegen. Doch VW ist jetzt dabei, es komplett zu zerstören.

Es ist schon schlimm, seine Kunden zu betrügen. Wer das tut, kann keine Treue erwarten. Vor allem dann nicht, wenn er nur das Allernötigste tut, um den Schaden wiedergutzumachen. Also eine Entschuldigung murmelt und die ins Auto eingebaute Manipulation beseitigt. Das reicht nicht.

Zu mehr sei VW aber in Europa nicht verpflichtet, heißt es. Ein börsennotierter Konzern könne auch nicht einfach Geld an seine Kunden verschenken, das erlaube das Aktienrecht gar nicht. Und die Rechtslage in den USA, wo die Betrugsopfer zusätzlich zur Rücknahme oder Reparatur ihres Autos noch bis zu 10.000 Dollar erhalten, sei eine völlig andere als in Deutschland.

Alles Ausreden.

Es stimmt, dass hierzulande andere Vorschriften gelten als in den USA. Aber das ist nicht der Punkt. Es geht ja gerade nicht darum, bloß das zu tun, wozu man laut Gesetz ohnehin gezwungen ist. Es geht um eine Geste. Um so etwas wie den Blumenstrauß, den man demjenigen ins Krankenhaus schickt, den man angefahren hat.

So einen Blumenstrauß kann auch eine Aktiengesellschaft spendieren. Daran hindert sie niemand. Denn es liegt im Interesse ihrer Aktionäre, dass die Kunden VW verzeihen. Der Schaden ist viel größer, wenn zum Gefühl, betrogen worden zu sein, nun auch noch der Eindruck kommt, man werde nur mit dem Allernötigsten abgespeist. Wenn nach dem Übers-Ohr-Hauen jetzt noch der Geiz folgt. Nach dem Motto: Bloß keinen Cent zu viel für den doofen Kunden. Der wird schon weiter kaufen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Wird er? Jedenfalls nicht zu den hohen Preisen, die er in der Vergangenheit für seine Lieblingsmarke zu zahlen bereit war. Langfristig schadet es VW, wenn der Autobauer sich nicht kulant zeigt. Das gilt im Übrigen nicht nur gegenüber seinen Kunden, sondern gegenüber allen Bürgern, die unter Schadstoffen in der Luft leiden müssen, weil Wolfsburg Schummelsoftware entwickeln ließ. Auch ihnen gegenüber wäre eine Geste angebracht – etwa durch Geld für einen Ökofonds, ähnlich wie es in den USA jetzt vorgesehen ist. Sollten sich die Manager wirklich darum sorgen, durch solche Zahlungen ihre Aktionäre zu schädigen, könnten sie auf einer Hauptversammlung um Zustimmung bitten. Wenn man will, geht das.

Es müssen auch nicht so hohe Summen sein, wie die 10.000 Dollar, die manche amerikanische Kunden nach der Einigung in den USA jetzt erhalten. Würde Volkswagen das wirklich allen rund elf Millionen Kunden zahlen, die der Konzern hintergangen hat, wäre er pleite. Aber was spricht dagegen, jedem Kunden 1.000 Euro zu zahlen? Man könnte eine Hälfte als Geldzahlung anbieten und eine Hälfte als Einkaufsgutschein für den nächsten Besuch bei einem Volkswagen-Händler. Geht nicht?

Genau das hat VW seinen Kunden in den USA schon vor einem Jahr gewährt, nur in Dollar. Freiwillig. Der Konzern war dazu nicht verpflichtet, und die Kunden mussten dafür nicht auf rechtliche Ansprüche verzichten. Es war eine Geste des guten Willens und ein kaufmännisch kluger Zug. So ein Zeichen braucht es auch in Deutschland. Für die treuesten Kunden.