Notenschüssel

Die Laeiszhalle galt als Phänomen moderner Akustik. Heute besticht sie mit nostalgischem Charme.

Das Neue ist die Mutter der Ungerechtigkeit. Ohne Frage wird es der Laeiszhalle einige Jahre lang ergehen wie alten Autos: Zu ihrer Zeit schick und kühn, erscheinen sie, nachdem die Design- und Technikmoden über sie hinweggegangen sind, plötzlich alt und gebrechlich. 1908 war die Laeiszhalle einer der modernsten Konzertsäle Europas und mit ihrem neobarocken Stil der Dernier Cri des aktuellen Geschmacks. 2017 wird sie geradezu sensationell überholt wirken, überstrahlt vom Glamour der Elbphilharmonie, umso mehr, als in Hamburg die architektonischen Zwischenschritte einer sich erneuernden Konzerthausmoderne fehlen. Anders als in München oder Berlin wechselt das Publikum sozusagen direkt von der Kutsche in den Raumgleiter.

Nicht auszuschließen, dass es sich, nachdem der Überwältigungsreiz des Neuen verflogen ist, auch wieder gerne in die Polster der Kutsche sinken lässt. So schlecht funktioniert die Laeiszhalle nicht. Über ihre Akustik wird zwar gestritten, mir schien bei großen Besetzungen mit viel Blech ein bedenkliches Getöse und Geklirr in der Luft zu zittern – aber andere vernahmen es nicht, und vielleicht ist es am Ende nur der natürliche Effekt heftigen Tutens und Blasens. Das Ideal von Präsenz, Durchsichtigkeit und harmonischer Ruhe wurde in historischen Konzertsälen eh immer nur ausnahmsweise, mit einem glücklichen Zufall erreicht wie im Musikvereinssaal in Wien.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

An welchem Punkt der Skala zwischen Ruhe und Turbulenz, Analytik und Zusammenklang sich die moderne Akustik der Elbphilharmonie verorten wird, muss sich erst zeigen; jetzt wird sie in allem hoch gelobt, obwohl jeder Klassikhörer weiß, dass niemals alles zusammen erreichbar ist. Wie bei einem Auto muss man sich zwischen Sportlichkeit und Komfort entscheiden oder die Schönheit im Kompromiss suchen. Die Laeiszhalle wird ihre Berechtigung, vielleicht Notwendigkeit behalten; und sei es nur für Konzerte, bei denen die erwartete Hörerzahl unter dem bleibt, was man in der Elbphilharmonie für unerlässlich hält. Kleines Ereignis: Laeiszhalle; großes Ereignis: Elbphilharmonie? Die Gleichung könnte auch lauten: Exquisites: Laeiszhalle; Massengeschmack: Elbphilharmonie. In einem sind sich die Musikstätten übrigens ähnlich: in der Anmutung ihrer Kammermusiksäle, die so karg ist, als solle das Vorurteil innenarchitektonisch bestätigt werden, dass Kammermusik etwas für Asketen sei. Insofern könnten sich die Freunde des Streichquartetts freuen, wenn die Laeiszhalle alle Orchesterkonzerte an die Elbphilharmonie verlöre und dafür den kleineren Ensembles einen hübscheren Rahmen böte.

So wird es jedoch nicht kommen. München hat drei ausgewachsene Konzertsäle. Da dürfte Hamburg genügend Bedarf für wenigstens zwei haben. Oder etwa nicht? Die einzige Unwägbarkeit in der Wette auf die Elbphilharmonie ist die Frage nach dem Publikum. Die Auslastung der Gastspiele, die der Elbphilharmonie- Intendant schon in den letzten Jahren organisiert hat, ließ manchmal skeptisch blicken. Aber der Sex-Appeal des neuen Gebäudes wird es schon richten und, wer weiß, die Musikbegeisterung der ganzen Stadt beleben.

Von Jens Jessen

Hamburg - Elbphilharmonie öffnet erstmals ihre Türen © Foto: Sean Gallup/Getty Images