Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmen – nicht nur im Internet. Das Postfaktische Zeitalter bedroht die Wissenschaft. Zehn Professorinnen und Professoren über die Gefahr

Fakten? Von denen muss sich heute niemand mehr seine Weltsicht ruinieren lassen. Klimawandel? Lüge. Evolution? Gibt’s nicht. Gesetzestreue Flüchtlinge? Bullshit. Tobten Verschwörungstheoretiker sich lange Zeit in entlegenen Ecken des Internets aus, bestimmen ihre Gedenken heute Debatten im Mainstream. "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten", sagte kürzlich die Bundeskanzlerin. "Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen."

Postfaktische Zeiten? Aus Wünschen und Wahrnehmungen baut sich jeder seine Wirklichkeit, immun gegen Daten und Statistiken. Das stellt die Wissenschaft infrage. Ihr Kerngeschäft sind Fakten. Forscher finden bislang Unbekanntes heraus, gehen Dingen auf den Grund, bewerten Zusammenhänge. Im Postfaktischen Zeitalter wäre das nichts mehr wert.

Wir haben Professorinnen und Professoren dazu befragt: Welche Erkenntnisse ihres Fachgebiets sind bedroht, und von wem? Woher kommt die neue Faktenskepsis? Und wie wehren sie sich? Zehn Wissenschaftler haben uns geantwortet – von der Wirtschaftsweisen bis zum Klimaforscher.

Alte sind nicht so arm

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Sicher. So sind etwa viele Menschen davon überzeugt, dass Altersarmut in Deutschland derzeit ein riesiges Problem ist. Dabei sind gerade einmal drei Prozent der Älteren finanziell auf die Grundsicherung angewiesen – bei den Jungen sind es mehr als viermal so viele. Trotzdem hält sich das Vorurteil hartnäckig.

2. Woran liegt das?

Fakten haben in unserer Gesellschaft ein schlechtes Ansehen – sie sind kalt, schwierig zu durchschauen und langweilig. Man muss nichts mehr wissen, sondern nur wissen, wo es steht.

3. Was hat sich da verändert?

Die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich mit Fakten auseinanderzusetzen, scheinen immer weniger ausgeprägt zu sein. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass angebliche Fakten im Internet mundfertig bereitliegen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Als Ökonomin – und erst recht als wirtschaftspolitische Beraterin – sollte ich nur solche Thesen vertreten, die sich seriös empirisch belegen lassen. Genau das ist eines der leitenden Prinzipien meiner Forschung und unserer Arbeit im Sachverständigenrat der Bundesregierung.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wir dürfen als Wissenschaftler keine "falschen Wahrheiten" produzieren, selbst wenn das Wissenschaftssystem den Anreiz setzt, möglichst schnell und viel zu publizieren. In der Lehre sollten wir vermitteln, dass die Wahrheitssuche Anstrengung und Sorgfalt erfordert und dass die Studierenden Ideologien nicht als Wahrheiten akzeptieren dürfen, nur weil sie sich "richtig anfühlen".

Die Schöpfung dauerte länger als sechs Tage

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Klar! Alle fundamentalistischen Christentümer, von Pfingstlern bis zu den Piusbrüdern, leugnen Ergebnisse moderner Bibelwissenschaft. Die Schöpfung in sechs Tagen, die körperliche Jungfräulichkeit Marias oder die Verdammung der Homosexualität sind klassische Reizthemen für diese Gruppen. Politisch sehnen sie sich nach einer vormodern-autoritären Gesellschaft.

2. Woran liegt das?

Religionen drehen sich quasi naturgemäß um Dinge, die sich dem Faktischen entziehen. Deshalb sind sie für Menschen, die sich ihre Welt nach ihren Vorurteilen basteln wollen, besonders anziehend. Gleichzeitig geht es in Religionen um absolute Macht, und so sind sie eine Verlockung für Menschen, die irrationale Machtprojekte durchsetzen wollen.

3. Was hat sich da verändert?

Die entsprechenden Gruppen sind aggressiver, reicher und mächtiger geworden. Sie benutzen gezielt soziale Medien, da die sich für die Verbreitung ungeprüfter Behauptungen besonders gut eignen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich halte es mit Dürrenmatts Romulus: furchtlos die Dinge betrachten und furchtlos das Richtige tun.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen. Um die zu erreichen, die ihre Vorurteile für lebensnotwendig halten, muss man nicht nur besser erklären, sondern auch selbst auf die Ideologisierung der eigenen Ergebnisse verzichten: Die Erkenntnis von heute ist der Irrtum von morgen. Zudem gibt es kein Leben ohne Vorurteile. Aber wenn sie andere das Leben kosten, müssen sie bekämpft werden.

Frauen werden nicht benachteiligt

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Ich beobachte, wie in der politischen Diskussion hartnäckig eine Lohnlücke von über 20 Prozent zwischen Männern und Frauen behauptet und dabei stets unterstellt wird, es handele sich um ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Dabei ist dies nur in sehr eingeschränktem Maße, vor allem im außertariflichen Bereich der Fall, wo Gehälter frei verhandelt werden. Ansonsten geht ungleiche Bezahlung auf Teilzeitarbeit, die Wahl schlechter bezahlter Berufe durch Frauen oder Benachteiligungen durch Familienpausen zurück.

2. Woran liegt das?

Gleichstellung ist zu einer Ideologie geworden, und die Gewissheit der allgegenwärtigen Benachteiligung von Frauen ist ihr Glaubensgrundsatz.

3. Was hat sich da verändert?

Das Thema hat sich zugespitzt. Und zwar in dem Maße, wie sich die aktive Gleichstellungspolitik ideologisiert hat.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Reden, reden, reden.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Schreiben, schreiben, schreiben – das seriös Erkannte, nicht das politisch Gewünschte.

Frauen werden benachteiligt

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Ja, große Teile der Gesellschaft verleugnen die historische Konstruktion von Geschlecht, oft indem man sich auf naturwissenschaftliche "Fakten" bezieht. Ohne zu reflektieren, dass diese Fakten selbst unter dem Einfluss der historischen Konstruktion von dem, was Männer, Frauen und Menschen sind, stehen. Es wird außerdem so getan, als sei die Gleichheit der Geschlechter längst erreicht. Das vernachlässigt grob die statistischen Ergebnisse. Wenn sie doch mal zur Kenntnis genommen werden, werden sie postfaktisch umgedeutet. Die Humanwissenschaften werden so ganz nebenbei ad acta gelegt.

2. Woran liegt das?

Lange waren die Leute der Meinung, dass Eigeninteresse nicht wohlverstanden sein kann, also auch dem Allgemeinwohl dienlich. Dann einigte man sich darauf, dass es so etwas wie wohlverstandenes Eigeninteresse geben mag. Mittlerweile gilt: Unterm Strich zähle immer nur "ich", um eine besonders unglückliche Postreklame zu zitieren. Anders gesagt: nach mir die Sintflut. Wobei wahrscheinlich die meisten nicht mehr wissen, was die Sintflut war.

"Manchmal verschlägt es mir die Sprache"

3. Was hat sich da verändert?

Der Ton ist aggressiver und zynischer geworden. Die Suche nach den eigenen Vorteilen gilt als einzig legitim. Im Namen eines Pseudo-Darwinismus wird der Neoliberalismus, die gnadenlose Suche nach dem eigenen Vorteil, legitimiert. Alles andere wird als Gutmenschentum diffamiert.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche zu lächeln. Aber manchmal, das gebe ich zu, verschlägt es mir die Sprache.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Gute Frage ...

Wir verheizen die Erde

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Ja, vor allem im Internet. Da vertreten Menschen Thesen, mit denen sie praktisch alles infrage stellen, was der Weltklimarat an wissenschaftlichen Fakten zusammenträgt – obwohl sie selbst im Bereich Klima und Energie weder forschen noch veröffentlichen. Selbst die Erderwärmung, die eindeutig durch Messungen belegt ist, wird in Zweifel gezogen.

2. Woran liegt das?

Immer mehr Menschen informieren sich im Internet. Dort stehen Meinung, Gerücht und wissenschaftliches Ergebnis ununterscheidbar nebeneinander. Es fehlt an Orientierung und Qualitätskriterien. Die Aufmerksamkeit wird eher dem zuteil, der am schrillsten auftritt. Da kann (und will!) Wissenschaft nicht mithalten. Die traditionellen Medien, egal ob Print, Hörfunk oder TV, berichten meist ausgewogen und würden so einen Unsinn nicht bringen.

3. Was hat sich da verändert?

Die Blogosphäre wird immer aktiver. Damit zerlegt sich der mediale Raum weiter. Ich glaube aber nicht, dass das auf politische Entscheidungen einen großen Einfluss hat. Dass sich politisch nicht viel bewegt, hat andere Ursachen – vor allem die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich ignoriere diese Leute. Reagierte ich auf diese abstrusen Behauptungen, würde ich ihnen nur noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Sie sollte der Allgemeinheit selbst die besten Informationen zur Verfügung stellen, und zwar ansprechend und vor allem verständlich.

Das Netz verrät alles

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Wenn es um Zukunftstechnologien geht, leugnen oder verdrängen viele die Rückschritte, die unsere Gesellschaft in gesundheitlichen, emotionalen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen gemacht hat. Etwa durch die Art und Weise, wie sich das Internet entwickelt hat und derzeit genutzt wird. Einige behaupten, dass Privatsphäre für den modernen Menschen einfach keine Rolle mehr spiele, und sammeln Fakten für eine "Post Privacy"-Argumentation, die natürlich vor allem von Akteuren aufgegriffen wird, die vom Handel oder der Nutzung persönlicher Daten profitieren.

2. Woran liegt das?

Wir leben in einer postmodernen Zeit, in der akzeptiert wird, dass jeder seine Meinung haben und diese auch beliebig in Geschäftsmodelle umwandeln darf, solange es lukrativ ist. So bastelt sich jeder seine kleine opportune Realität zusammen, die im Zweifelsfall dem eigenen Geschäftsmodell oder Machtstreben dient. Dass bestimmte Handlungen oder bestimmte Meinungen tatsächlich falsch sein können, nehmen wir zunehmend nur noch von den hohen Gerichten an.

3. Was hat sich da verändert?

Die Polarisierung der Gesellschaft wird stärker, unterstützt und beschleunigt durch die "Filter Bubbles" im Internet. Hier suchen und bekommen wir zumeist nur noch Fakten, Argumente und News für das, was wir gerne hören möchten. Leider erhält dabei jeder unterschiedliche Informationen in seinem individualisierten Newsfeed. Das war früher nicht so, weil alle eine begrenzte Anzahl derselben Medien konsumierten und sich Meinungen auf diese Weise annähern konnten oder zumindest überschaubar blieben.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich lese keine News, sondern bilde mir meine Meinung fast nur auf Basis von ausgewählten langen Artikeln aus erstklassigen Medien oder Forschungspapieren. Und ich denke lieber nach und diskutiere mit klugen Menschen, als mich im Internet opportunistisch beschallen zu lassen.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wissenschaftler sollten keine opportune Forschung betreiben, die dafür missbraucht werden könnte, eine bestimmte Meinung mit vermeintlichen Fakten zu unterlegen. Sie müssen möglichst autonom denken und vor allem auch danach handeln, wenn sie Forschungsgelder annehmen – oder ablehnen.

Darwin hatte recht

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Kreationisten leugnen die Evolution und erklären die Vielfalt des Lebens stattdessen mit der göttlichen Schöpfung. Prominenter sind Klimawandel-Leugner. Sie verneinen den Einfluss des Menschen mit dem Hinweis, das Klima habe sich schon immer geändert. Unsere Analysen seien dagegen Teil einer "Klimahysterie".

2. Woran liegt das?

Ich nenne das "fatalistische Selbstentschuldigung". Am Klimawandel-Leugnen sieht man gut: Die Komplexitäten der Welt überlasten die Bürger, sie suchen einfache Antworten. Lehnt man die Tatsache des menschengemachten Klimawandels ab, hat man, zumindest gefühlt, ein Problem weniger.

3. Was hat sich da verändert?

Bei uns in Deutschland ist der Kreationismus etwas schwächer geworden, dafür wird der menschengemachte Klimawandel nun stärker geleugnet. Das kann man zum Beispiel am Wahlprogramm der AfD sehen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche aufzuklären und Hintergründe dieser Argumentation aufzudecken. Das mache ich ganz klassisch in öffentlichen Vorträgen, aber auch mit Wissenscomics, wie dem zur globalen Ernährung: Die Anthropozän-Küche. Es geht nicht nur um kognitive, sondern auch um emotionale Zugänge, deswegen haben wir Wissenschaftler diesen Comic im Dialog mit Bürgern aus 10 Ländern entworfen. Manchmal allerdings gerät man zwischen die Fronten: Klimaaktivisten warfen mir schon vor, ich würde Dinge schönreden, Klimawandel-Leugner, ich würde ein Katastrophenszenario aufbauen.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wir müssen akzeptieren und erforschen, inwiefern sich in Wissensgesellschaften Erfahrungen und Überzeugungen mit Wissen mischen. Damit dieses Phänomen nicht in Wissenschaftsfeindlichkeit umschlägt, sollten wir nicht arrogant auftreten und außerdem interdisziplinär arbeiten. Wir müssen auch partizipative Ansätze zulassen, damit engagierte Bürger das Wissenschaftssystem verstehen lernen.

"Ein attraktives Ordnungsmuster in Krisen- und Umbruchzeiten"

Die Forschung ist frei

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Ja. Nicht nur populistische Bewegungen diskreditieren mit Schlagworten wie "Lügenpresse" und "Volksverräter" missliebige politische Haltungen. In der Friedens- und Konfliktforschung gibt es beispielsweise Gruppen, die in jedem Projekt, das sich mit Militär und Sicherheitspolitik befasst, eine Militarisierung der Forschung wittern. Anstatt sich ernsthaft mit den Inhalten und Forschungszielen auseinanderzusetzen, wird faktisch die Abschaffung der Forschungsfreiheit gefordert. Und das unter dem Deckmantel der Zivilklausel, also der freiwilligen Selbstverpflichtung der Hochschulen, nur zu zivilen Zwecken zu forschen.

2. Woran liegt das?

Wissenschaft mag zwar der Suche nach Wahrheit gewidmet sein, aber damit verbinden sich schon lange keine Absolutheitsansprüche mehr. Wenn Wahrheit aber nicht mehr absolut ist, dann wird auch die Wahrheitssuche Gegenstand politischer Auseinandersetzung um die "richtige" Wahrheit.

3. Was hat sich da verändert?

Je stärker postmoderne Theorien mit ihrer generellen Verneinung von Wahrheitsansprüchen und Rationalitäten in den Sozial- und Geisteswissenschaften geworden sind, desto stärker werden solche Politisierungen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich halte zwar nicht an absoluten Wahrheitspostulaten fest, bin aber überzeugt, dass wir uns auf gemeinsame Qualitätsstandards in der Generierung von Erkenntnissen einigen können und müssen. Das hilft uns, gute von schlechter Wissenschaft zu unterscheiden.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Es gilt das gleiche Gebot, das ich auch für den Umgang der Politik mit populistischen Bewegungen fordere: Wir müssen Stellung beziehen und streitbar sein, statt dem Postfaktischen das Wort zu reden!

Herkunft macht nicht böse

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Die Statistik weist eindeutig nach, dass Flüchtlinge nicht krimineller sind als Einheimische. Dennoch hält sich bei vielen Wählern der Eindruck, dass Flüchtlinge ein Sicherheitsrisiko sind. Die neuen rechtspopulistischen Bewegungen zweifeln außerdem an, dass der Klimawandel von Menschen verursacht wird.

2. Woran liegt das?

Das Zeitalter der Fakten scheint vorbei zu sein: Elektronische Medien haben die Qualität von Öffentlichkeit komplett verändert.

3. Was hat sich da verändert?

Es gibt keinen Vertrauensvorschuss mehr auf Kompetenz. Verschwörungstheorien und Verdächtigungen haben Konjunktur, weil sich in sozialen Medien systematisch Meinungsblasen bilden.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich glaube an die Faszination neuer Erkenntnisse, man sollte sie passend zur Zielgruppe vermitteln: Grafik, Text, mündlich, gefühlig und so weiter. Man kann Bürger auch mit Fakten immer noch erreichen. Die Qualität der Öffentlichkeit bedingt auch die Qualität von Demokratie. Wer die Qualität der Demokratie sichern möchte, muss sich über die neuen Mechanismen der politischen Kommunikation informieren.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Kontroversen muss man aushalten, dazu ist die Universität da. Unabhängig davon, ob die Thematik politisch korrekt ist oder nicht. Am Wichtigsten muss der Erkenntnisgewinn sein. Es geht darum, unser Wissen zu verbreitern.

Lügenpresse? Unsinn!

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Der Lügenpresse-Vorwurf der Pegida-Bewegung ist zum Wutschrei erstarrte Postfaktizität, die Ultrakurzformel einer Verschwörungstheorie. Erstaunlich ist für mich, dass pauschale Manipulationsbehauptungen, für die es keine Belege gibt, längst auch für breite bürgerliche Kreise attraktiv geworden sind und mit großer Energie vertreten werden.

2. Woran liegt das?

Das verschwörungstheoretische Denken liefert ein ziemlich attraktives Ordnungsmuster in Krisen- und Umbruchzeiten. Es ist gegen Widerlegung immunisiert: eine Weltformel des Übels, das die Ad-hoc-Einordnung vollkommen unterschiedlicher Phänomene erlaubt. Und man kann sich ohne allzu große intellektuelle Unkosten als derjenige ausgeben, der das eigentliche Geschehen "hinter den Kulissen" begreift. Das heißt: Komplexitätsreduktion und das implizite Selbstlob, durchzublicken in einer von raffinierten Manipulationen regierten Medienwelt – das erscheint mir als das Attraktivitätsgeheimnis der Lügenpresse-Vorwürfe.

3. Was hat sich da verändert?

Es gibt eine seit Jahrzehnten erforschte, viel zu lange ignorierte, schleichend wachsende Medienverdrossenheit in westlichen Demokratien. Gegenwärtig sehe ich drei Fraktionen der Medienskeptiker: 1. die klugen, analytischen Medienkritiker, die vollkommen zu Recht auf Fehler, Voreingenommenheiten und übertriebene Skandalisierung verweisen (ja, auch sie gibt es, und sie müssen unbedingt gewürdigt und ernst genommen werden), 2. diejenigen, die einfach nur ihre Wut herausbrüllen wollen, 3. die öffentlich inzwischen sehr stark wahrgenommene, sich ideologisch radikalisierende Fraktion der Medienverdrossenen, die pauschal attackieren und sich in den Echokammern sozialer Netzwerke auch in Gewaltfantasien hineinsteigern.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche in Essays und Vorträgen die gegenwärtige Situation einer radikal veränderten Informations- und Medienwelt als einen gewaltigen, noch unverstandenen Bildungsauftrag zu fassen. Doch in dunklen, pessimistischen Stunden erscheint mir der Verschwörungstheoretiker als die Symbolfigur eines drohenden Diskursinfarktes, also eines Denkens, das keinen Dialog mehr zulässt.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wir müssen als Gesellschaft eine Basis suchen und uns bemühen, eine gefährliche Polarisierung einzudämmen – und uns nicht nur über konkrete Inhalte, sondern auch über das Realitäts- und Rationalitätsprinzip des Diskurses verständigen. Hierbei sind Journalisten gefragt, die mit größerer Transparenz und echter Dialogbereitschaft reagieren. Und auch Wissenschaftler, die den Willen zur Verständigung als universalen Wert begreifen, der heute neu entdeckt und begründet werden muss.