3. Was hat sich da verändert?

Der Ton ist aggressiver und zynischer geworden. Die Suche nach den eigenen Vorteilen gilt als einzig legitim. Im Namen eines Pseudo-Darwinismus wird der Neoliberalismus, die gnadenlose Suche nach dem eigenen Vorteil, legitimiert. Alles andere wird als Gutmenschentum diffamiert.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche zu lächeln. Aber manchmal, das gebe ich zu, verschlägt es mir die Sprache.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Gute Frage ...

Wir verheizen die Erde

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Ja, vor allem im Internet. Da vertreten Menschen Thesen, mit denen sie praktisch alles infrage stellen, was der Weltklimarat an wissenschaftlichen Fakten zusammenträgt – obwohl sie selbst im Bereich Klima und Energie weder forschen noch veröffentlichen. Selbst die Erderwärmung, die eindeutig durch Messungen belegt ist, wird in Zweifel gezogen.

2. Woran liegt das?

Immer mehr Menschen informieren sich im Internet. Dort stehen Meinung, Gerücht und wissenschaftliches Ergebnis ununterscheidbar nebeneinander. Es fehlt an Orientierung und Qualitätskriterien. Die Aufmerksamkeit wird eher dem zuteil, der am schrillsten auftritt. Da kann (und will!) Wissenschaft nicht mithalten. Die traditionellen Medien, egal ob Print, Hörfunk oder TV, berichten meist ausgewogen und würden so einen Unsinn nicht bringen.

3. Was hat sich da verändert?

Die Blogosphäre wird immer aktiver. Damit zerlegt sich der mediale Raum weiter. Ich glaube aber nicht, dass das auf politische Entscheidungen einen großen Einfluss hat. Dass sich politisch nicht viel bewegt, hat andere Ursachen – vor allem die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich ignoriere diese Leute. Reagierte ich auf diese abstrusen Behauptungen, würde ich ihnen nur noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Sie sollte der Allgemeinheit selbst die besten Informationen zur Verfügung stellen, und zwar ansprechend und vor allem verständlich.

Das Netz verrät alles

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Wenn es um Zukunftstechnologien geht, leugnen oder verdrängen viele die Rückschritte, die unsere Gesellschaft in gesundheitlichen, emotionalen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen gemacht hat. Etwa durch die Art und Weise, wie sich das Internet entwickelt hat und derzeit genutzt wird. Einige behaupten, dass Privatsphäre für den modernen Menschen einfach keine Rolle mehr spiele, und sammeln Fakten für eine "Post Privacy"-Argumentation, die natürlich vor allem von Akteuren aufgegriffen wird, die vom Handel oder der Nutzung persönlicher Daten profitieren.

2. Woran liegt das?

Wir leben in einer postmodernen Zeit, in der akzeptiert wird, dass jeder seine Meinung haben und diese auch beliebig in Geschäftsmodelle umwandeln darf, solange es lukrativ ist. So bastelt sich jeder seine kleine opportune Realität zusammen, die im Zweifelsfall dem eigenen Geschäftsmodell oder Machtstreben dient. Dass bestimmte Handlungen oder bestimmte Meinungen tatsächlich falsch sein können, nehmen wir zunehmend nur noch von den hohen Gerichten an.

3. Was hat sich da verändert?

Die Polarisierung der Gesellschaft wird stärker, unterstützt und beschleunigt durch die "Filter Bubbles" im Internet. Hier suchen und bekommen wir zumeist nur noch Fakten, Argumente und News für das, was wir gerne hören möchten. Leider erhält dabei jeder unterschiedliche Informationen in seinem individualisierten Newsfeed. Das war früher nicht so, weil alle eine begrenzte Anzahl derselben Medien konsumierten und sich Meinungen auf diese Weise annähern konnten oder zumindest überschaubar blieben.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich lese keine News, sondern bilde mir meine Meinung fast nur auf Basis von ausgewählten langen Artikeln aus erstklassigen Medien oder Forschungspapieren. Und ich denke lieber nach und diskutiere mit klugen Menschen, als mich im Internet opportunistisch beschallen zu lassen.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wissenschaftler sollten keine opportune Forschung betreiben, die dafür missbraucht werden könnte, eine bestimmte Meinung mit vermeintlichen Fakten zu unterlegen. Sie müssen möglichst autonom denken und vor allem auch danach handeln, wenn sie Forschungsgelder annehmen – oder ablehnen.

Darwin hatte recht

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Kreationisten leugnen die Evolution und erklären die Vielfalt des Lebens stattdessen mit der göttlichen Schöpfung. Prominenter sind Klimawandel-Leugner. Sie verneinen den Einfluss des Menschen mit dem Hinweis, das Klima habe sich schon immer geändert. Unsere Analysen seien dagegen Teil einer "Klimahysterie".

2. Woran liegt das?

Ich nenne das "fatalistische Selbstentschuldigung". Am Klimawandel-Leugnen sieht man gut: Die Komplexitäten der Welt überlasten die Bürger, sie suchen einfache Antworten. Lehnt man die Tatsache des menschengemachten Klimawandels ab, hat man, zumindest gefühlt, ein Problem weniger.

3. Was hat sich da verändert?

Bei uns in Deutschland ist der Kreationismus etwas schwächer geworden, dafür wird der menschengemachte Klimawandel nun stärker geleugnet. Das kann man zum Beispiel am Wahlprogramm der AfD sehen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche aufzuklären und Hintergründe dieser Argumentation aufzudecken. Das mache ich ganz klassisch in öffentlichen Vorträgen, aber auch mit Wissenscomics, wie dem zur globalen Ernährung: Die Anthropozän-Küche. Es geht nicht nur um kognitive, sondern auch um emotionale Zugänge, deswegen haben wir Wissenschaftler diesen Comic im Dialog mit Bürgern aus 10 Ländern entworfen. Manchmal allerdings gerät man zwischen die Fronten: Klimaaktivisten warfen mir schon vor, ich würde Dinge schönreden, Klimawandel-Leugner, ich würde ein Katastrophenszenario aufbauen.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wir müssen akzeptieren und erforschen, inwiefern sich in Wissensgesellschaften Erfahrungen und Überzeugungen mit Wissen mischen. Damit dieses Phänomen nicht in Wissenschaftsfeindlichkeit umschlägt, sollten wir nicht arrogant auftreten und außerdem interdisziplinär arbeiten. Wir müssen auch partizipative Ansätze zulassen, damit engagierte Bürger das Wissenschaftssystem verstehen lernen.