Das Interview mit dem Komponisten Wolfgang Rihm findet per Fax statt, die ZEIT faxt Fragen, er faxt Antworten. So geht es einige Male hin und her. Der Komponist hat sich das von Vladimir Nabokov abgeschaut, der Interviews nur schriftlich gab. Die "Methode Nabokov" spare Zeit, findet Rihm.

DIE ZEIT: Herr Rihm, ist das Auftragswerk, das Sie zur Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar komponieren sollen, fertig? Kann Hamburg beruhigt sein?

Wolfgang Rihm: Ja, das Stück liegt seit März vor. Es heißt Reminiszenz und im Untertitel Triptychon und Spruch in memoriam Hans Henny Jahnn. Übrigens: Haben Sie Hamburg je beunruhigt erlebt – in Kunstdingen?

ZEIT: Vielleicht wenn man an die bewegten Zeiten denkt, in denen Gustav Mahler Hamburger Operndirektor war, oder an den Versuch, 1968 Hans Werner Henzes Floß der Medusa uraufzuführen, was mit Prügeleien und Tränengas endete. Haben Sie mit Ihrer Musik jemals einen Skandal ausgelöst?

Rihm: Da müssen Sie die richtigen Leute fragen. Schon das Wort "Skandal" klingt doch wie "Huch, ein falsches Messerbänkchen beim Freibier für Zaungäste!". Meist geht es sowieso nicht um Kunst, sondern um gesellschaftliche Konventionen.

ZEIT: Früher wurden Konzertsäle und Opernhäuser mit der Ouvertüre zu Richard Wagners Meistersingern eröffnet, des "festlichen" Charakters wegen. Sind Sie der Wagner des 21. Jahrhunderts?

Rihm: Das ist eine interessante Frage, pflegte John Cage in solchen Fällen zu sagen. Vielleicht hat sich auch herumgesprochen, dass die Meistersinger nicht nur Festliches in sich bergen, und eine Expertenkommission hat das Vorspiel aus dem Repertoire für Saaleinweihungen gestrichen. Jedenfalls sind meine Streichquartette besser als die Wagners.

ZEIT: Ganz schön selbstbewusst! Wie repräsentativ ist Ihre Musik?

Rihm: Das ändert sich mit der Beleuchtung. Ich bin ja künstlerisch kein Repräsentant einer Schule oder Stilistik. Meine Arbeit ist völlig subjektiv, wie könnte sie zu Repräsentationszwecken taugen? Vielleicht sieht man in mir einen, der nur der künstlerischen Freiheit verpflichtet ist und erkennt darin einen präsentationswerten Zug.

ZEIT: Das Programm, mit dem die Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 eröffnet wird, soll eine "musikalische Reise von der Renaissance bis zur Gegenwart" werden. Sie sind die Gegenwart. Wären Sie gern etwas anderes?

Rihm: Ich habe nie den Wunsch verstanden, etwas anderes sein zu wollen als gegenwärtig.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Die Besetzung des Abends sieht großes Orchester, zwei Chöre, fünf Gesangssolisten und Orgel vor. Werden die in Reminiszenz alle beschäftigt?

Rihm: Ich schrieb für einen Gesangssolisten und Orchester, in dem auch die Orgel einige wenige Auftritte hat. Die Orgel hat schon wieder mit Hans Henny Jahnn zu tun.

ZEIT: Der Schriftsteller und Orgelbauer war.

Rihm: Jahnn ist der geistige Mittelpunkt meines Stücks. Es liegt ja auch nahe. Hamburg baut ein neues Wahrzeichen, das heißt für mich, dass an die bedeutendste geistige Gestalt des 20. Jahrhunderts, die mit dieser Stadt verbunden ist, zumindest erinnert wird. So wirklich bekannt dürfte er selbst eingefleischten Hamburgern nicht sein. Wenn man sich das vorstellt: Er hat nie den Nobelpreis erhalten.

ZEIT: Im Gegensatz zu Bob Dylan.

Rihm: Sehen Sie! Da spürt man doch sofort, dass etwas nicht stimmt. Nun, Bob Dylan wird all das verkraften.