"Jetzt merke ich erst, wie entspannt so ein Kinofilmdreh eigentlich ist", sagt Matthias Schweighöfer und lächelt müde in die Berliner Spätsommersonne. Auf einer Bierbank sitzend, gabelt er indisches Curry vom Food-Truck. Mittagspause an einem stressigen Drehtag. Der Produzent, Autor, Regisseur und Schauspieler Schweighöfer dreht gerade die sechsteilige Serie You Are Wanted. Produziert wird auf Spielfilmniveau, Schweighöfer arbeitet mit seinem bewährten Team – nur dass es weniger Geld gibt und weniger Zeit, um die 360 Sendeminuten fertigzustellen. Um schneller zu sein, verwendet er zwei Kameras gleichzeitig und fängt so zwei Perspektiven mit einer Aufnahme ein.

Es ist Schweighöfers erste Serie, und eigentlich hat er den Stress gar nicht nötig. Immerhin ist er einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Dan Maag hat er eine eigene Produktionsfirma, Pantaleon, gegründet und schon mehrere Komödien gedreht (What A Man, Vaterfreuden und Der Nanny).

Dass er jetzt trotzdem You Are Wanted macht, hat viele Gründe. Vor allem aber ist es ein Zeichen. Denn die Serie, die Pantaleon gemeinsam mit Warner Bros. produziert, entsteht nicht für das klassische Fernsehen, sondern für den Streamingdienst Amazon Video. Im Frühjahr 2017 werden die sechs Folgen der Serie gleichzeitig abrufbar sein. Alles, was der Zuschauer braucht, ist eine Amazon-Prime-Mitgliedschaft und eine Internetverbindung. Es ist die erste deutsche Produktion, die für einen Streaminganbieter entsteht.

Kino und Fernsehen verändern sich gerade radikal. Es ist eine Revolution im Gange, die Konsumenten und Produzenten betrifft. Und Schweighöfer ist mittendrin: Er produziert nicht nur die Serie für Amazon, soeben hat auch Pantaflix gelauncht, eine Internetplattform, auf der Filmemacher selbst ihre Werke hochladen und zum Leihen oder Kaufen anbieten können.

Video-on-Demand ist das Stichwort, also Video auf Anforderung, kurz VoD. Der Vorteil steckt im Namen: wann ich will, wo ich will. Einige Anbieter, wie Apple mit iTunes und jetzt auch Pantaflix, stellen Filme und Serien einzeln zum Leihen und Kaufen zur Verfügung. Andere, wie Netflix, setzen auf ein Abomodell: Für 7,99 Euro im Monat kann der Kunde online auf das gesamte Netflix-Archiv zugreifen. Amazon und Maxdome kombinieren das Abo mit zusätzlichen Kauf- und Leihoptionen. Dabei setzen vor allem Netflix und Amazon immer mehr auf selbst produzierte Serien und Filme und machen damit nicht nur dem Fernsehen, sondern auch dem Kino Konkurrenz. Netflix produziert zum Beispiel gerade die Kriegssatire War Machine mit Brad Pitt, die Hollywood zu heikel war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

In Deutschland geht es dem Fernsehen noch gut. Aber während die Zahl der durchschnittlich vor dem Fernseher verbrachten Minuten, immerhin 223 pro Tag, stagniert und in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen rückläufig ist, steigt die Zahl der VoD-Nutzer stetig an. Inzwischen nutzt jeder Fünfte einen kostenpflichtigen Streamingdienst. Die Mehrzahl der Nutzer, etwa 70 Prozent, zahlt pro Video, etwas mehr als 40 Prozent haben ein Abonnement. Einige greifen auf beides zurück. Die Hauptgründe für das Streaming sind zeitliche Flexibilität gefolgt von dem Vorteil, mehrere Folgen einer Serie hintereinander zu schauen – also Binge-Watching.

Die neuen Player wollen nicht nach den alten Regeln spielen

"Klar wollen wir das auch erreichen", sagt Schweighöfer und grinst. "Die Leute sollen längst ins Bett wollen, aber sie können nicht, weil sie unbedingt noch eine Folge You Are Wanted sehen müssen." Was ihn am meisten an der Serie reize, sei der Stoff. "Ich wollte mal wieder was anderes machen als romantische Komödien", erzählt er. "You Are Wanted ist ein Thriller, das hätte ich mich im Kino nie getraut. Da läuft das Genre einfach nicht gut, die Erfahrung mussten schon viele machen." Aber zu Hause, wo man auf dem Smart TV oder Computer mehrere Folgen schauen kann, funktioniert Spannung ganz hervorragend. Passenderweise erzählt auch You Are Wanted von den Möglichkeiten der Digitalisierung, allerdings von deren Kehrseite: Ein Mann (Schweighöfer) scheint nach einem Hackerangriff alles zu verlieren, seine Frau (Alexandra Maria Lara), seine Identität. "Wir zeigen anhand einer Figur ganz konkret, wie abhängig vom Internet wir schon sind", sagt Schweighöfer. Inzwischen habe auch er seine Passwörter und Sicherheitseinstellungen überarbeitet.

Wie bei Amazon-Eigenproduktionen üblich wird die Serie in alle Amazon-Prime-Länder exportiert, derzeit sind das neben Deutschland die USA, England, Japan, Österreich und bald Indien. "You Are Wanted ist für uns die perfekte Mischung", sagt Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Instant Video Deutschland. "Wir haben ein international relevantes Thema nach Deutschland, nach Berlin, geholt."

Kurz nachdem Amazon die Produktion von You Are Wanted verkündete, legte Netflix mit einer eigenen deutschen Serie nach. Die Mysteryserie Dark entsteht unter der Regie von Baran bo Odar (Regisseur von Who Am I – Kein System ist sicher). Es geht um Horror in einer typischen deutschen Kleinstadt. Genaue Zahlen für Deutschland geben weder Amazon noch Netflix heraus. "Solange wir uns unterscheiden, können wir nebeneinander existieren", sagt Schneider. Es gebe schließlich auch mehrere Fernsehsender.

Ihre Eigenproduktionen können die Streaminganbieter ohne Auflagen weltweit zur Verfügung stellen, bei eingekauften Filmen und Serien müssen sie die Lizenzen in jedem Land einzeln verhandeln. Und sich an die dort gängigen Verwertungsketten halten. Doch die ändern sich gerade – das ganze System ist im Umbruch. Die neuen Player wollen nicht nach den alten Regeln spielen. Die Serie Vikings zum Beispiel hat Amazon noch nach altem Lizenzmodell vom kanadischen Sender History Television gekauft. Als die deutsche Free-TV-Premiere bei ProSieben anstand, musste Amazon die aktuelle Staffel von der Plattform nehmen, sehr zur Empörung vieler Kunden, die sich in den Kommentaren bitter beschwerten. "Inzwischen", sagt Schneider, "machen wir das nicht mehr. Wenn wir eine Serie zu uns holen, bleibt sie auch bei uns, selbst wenn der Exklusivitätszeitraum ausläuft."

Bei Filmen ist die Verwertungskette noch stärker getaktet: erst Kino, sechs Monate später DVD oder VoD zum Leihen und Kaufen, je zwölf Monate später Pay-TV, dann Free-TV. Das Pay-TV-Fenster sichern sich auch in Deutschland immer häufiger Streamingdienste, nächstes Jahr wird Amazon Prime Bullyparade – Der Film sogar schon sechs Monate nach Kinostart im Abo-Angebot haben. In den USA erscheinen immer häufiger Titel zeitgleich im Kino und als Kauf-VoD – in der Hoffnung, so noch mehr Zuschauer zu erreichen.

"Die meisten europäischen Produktionen schaffen es nie in die USA"

Mehr Zuschauer erreichen wollen auch Matthias Schweighöfer und sein Geschäftspartner Dan Maag mit der Plattform Pantaflix. Maag ist bei der Produktionsfirma Pantaleon für das Wirtschaftliche zuständig. "Unsere Arbeitsteilung hat sich ganz natürlich ergeben", sagt Maag, "Matthias hat das Gespür für gute Storys – und ich für gute Deals."

Auf pantaflix.com können Filmschaffende und Produzenten weltweit ihre Filme anbieten und einen Preis für sie festsetzen. 75 Prozent der Einnahmen gehen an die Produzenten, 25 Prozent bleiben bei Pantaflix. Damit es keine Konflikte mit bereits bestehenden Lizenzverträgen in einzelnen Ländern gibt, können Regionen ausgeklammert werden. Dass ein Film nicht an jedem Standort abgerufen werden kann, das sogenannte Geoblocking, ist in der Branche üblich.

Zielgruppe der Filme auf Pantaflix sind vor allem Austauschstudenten, Expats, alle, die nicht in ihrem Heimatland wohnen, aber heimische Filme sehen wollen. "Die meisten europäischen Produktionen schaffen es nie in die USA oder auch nur ins europäische Ausland", sagt Maag. "Das wollen wir ändern. Wir haben das mit unseren eigenen Filmen erlebt. Wir bekommen oft Mails von Deutschen im Ausland, die den neuesten Schweighöfer-Film sehen wollen, aber nicht an ihn rankommen. Dabei wissen sie, dass es technisch möglich ist." Und wenn es doch mal ein Film ins Ausland schafft, geht der bisherige Weg über den Weltverleih, der die Rechte wiederum an Regionalverleihe abtritt, die an einzelne Länder verkaufen. Und jedes Mal bleibt Geld hängen. Maag will mit Pantaflix die Zwischenhändler überspringen und dem Publikum sofort geben, was es will.

Auch Amazon hat mit Amazon Video Direct ein ähnliches Angebot wie Pantaflix: Filmschaffende können ihre Videos hochladen und werden direkt an den Einnahmen beteiligt. Es ist der Traum von der Demokratisierungsmacht des Internets, der hier wahr werden könnte. Dass die Konsumenten bereit sind, für kreative Inhalte zu zahlen, haben sie vor einiger Zeit schon bewiesen: Im März überholte Netflix zum ersten Mal das kostenlose – und illegale – Streamingportal kinox.to bei den Zugriffszahlen. Allerdings reichen die Einnahmen über das Streaming noch bei Weitem nicht. Um ihre Filme zu finanzieren, brauchen Produzenten immer noch die künstliche Verknappung durch die Verwertungskette. Zumindest im Kernterritorium, für Schweighöfer und Maag ist das Deutschland, Österreich, Schweiz. Warner Bros. und ProSieben finanzieren ihre Filme mit – im Gegenzug bekommen sie die Kino- und Fernsehrechte. "Anders funktioniert das momentan noch nicht", sagt Maag. Deswegen ist der Schweighöfer-Hit Der Nanny über Pantaflix zwar in den USA, nicht aber in Deutschland abrufbar, wo Warner und ProSieben die Rechte halten.

Und deswegen ist Maag auch gegen die Aufhebung des Geoblockings für Medieninhalte, wie sie die EU-Kommission diskutiert. Christoph Schneider hat eine andere Haltung zum Geoblocking. "Auch für Lizenzinhalte wäre eine europa- oder sogar weltweite Ausstrahlung für uns sicher interessant. Voraussetzung dafür sind aber neue Finanzierungsmodelle, die sich für alle lohnen – auch für die Filmschaffenden selbst", sagt er. Der Umbruch hat gerade erst begonnen.