An einer großen Ausfallstraße am Rande von Bonn, in einem Plattenbau mit grauer Fassade, liegt der Raum, in dem Arne Schönbohm die Bundesrepublik Deutschland gegen Hacker verteidigen soll. Der Raum ist klein, die Fenster sind doppelt verglast, schwere, dunkelblaue Vorhänge schirmen jeden Sonnenstrahl ab. Wer den Raum betritt, muss vorher sein Handy abgeben und in einen kleinen Stahlkasten einschließen. Wer hier spricht, kann selbst mit dem feinsten Lasermikrofon nicht abgehört werden. Kein Wort soll hinausdringen.

Der Raum ist das Cyber-Abwehrzentrum des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Jenes Amtes, das im Auftrag des Bundesinnenministeriums Deutschlands Behörden und Unternehmen vor Hackerangriffen schützen soll. Vor Spionen, die die Rechner der Minister ausspähen. Vor Kriminellen, die in die Kontroll-Software von Kraftwerken und Krankenhäusern eindringen. Vor Dieben, die Daten aus den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen deutscher Unternehmen absaugen. Vor Angreifern, die ganze Fabriken lahmlegen können.

Jeden Monat fangen seine Leute 44.000 feindliche E-Mails in Regierungsnetzen ab

In der Mitte des Raumes steht ein großer Holztisch. An dessen einem Ende hängt eine schwarze Bildschirmwand, am anderen ein Porträt von Joachim Gauck. Um den Tisch sitzen Männer vor Laptops und Aktenordnern. Sie warten auf ihren Chef. Mit einem mechanischen Summen öffnet sich das Schloss. Die schwere Tür schiebt sich langsam auf. Herein tritt Arne Schönbohm, ein kräftiger Mann mit raspelkurzem Haar. "Dann legen wir mal los, Männer", sagt er, fröhlich und laut.

Seit Februar dieses Jahres leitet Schönbohm, 47, das BSI. Einmal täglich trifft er sich hier im Cyber-Abwehrzentrum mit seinen Kollegen zum Lagebericht. "Cyber-Angriffe gibt es immer", sagt er. Was er damit meint, kann man nachlesen im Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland, den das BSI einmal im Jahr veröffentlicht. Der Bericht für 2016, der an diesem Mittwoch veröffentlicht wurde, ist 68 Seiten dick, ein Status quo des Cyber-Kriegs: Pro Woche registriert das BSI mindestens einen Angriff durch fremde Nachrichtendienste auf die Computernetze der Regierung. Jeden Monat fängt es etwa 44.000 Mails mit schädlicher Software in den Regierungsnetzen ab – viermal so viele wie 2015. Jeden Tag werden weltweit 380.000 neue Varianten solcher Schadsoftware entdeckt. Die Hacker senden E-Mails mit angehängten Trojanern, sie verschicken Spam über die E-Mail-Adressen von Behörden, sie dringen in Datenbanken ein und drohen diese zu verschlüsseln, wenn die Opfer kein Lösegeld zahlen. So wie etwa im Februar in einem Krankenhaus in Neuss, wo sich Kriminelle mit einer infizierten Mail Zugang zu den Patientendaten verschaffen konnten.

Schönbohm und seine Leute versuchen, solche Angriffe abzuwehren. Mehr als 600 Mitarbeiter hat das BSI, vor allem Männer: Informatiker, Physiker, Kryptologen, Mathematiker. Jeden Tag aufs Neue verschaffen sie sich einen Überblick über die virtuelle Bedrohungslage. Sie warnen Behörden und Unternehmen vor Angriffen. Sie prüfen und zertifizieren die Sicherheitssoftware, die auf den Handys von Politikern und den Rechnern von Beamten installiert wird. Sie entwickeln Verschlüsselungssysteme.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Trotzdem erreichen viele Hacker ihr Ziel: Jeden Monat, schreibt das BSI in seinem aktuellen Bericht, würden allein die Rechner der Bundesverwaltung 200-mal von Schadprogrammen befallen. Im vergangenen Jahr zum Beispiel griffen Hacker das Bundestagsnetz "Parlakom" an, tagelang lag es lahm.

Langsam schiebt sich die Tür des schalldichten Besprechungsraums zu. Dahinter halten die Männer – abgeschirmt von der Öffentlichkeit – nun ihre Lagebesprechung ab: Welche Behörde, welches Unternehmen wurde angegriffen? Von wem? Und mit welcher Software? Für die Besprechung lässt Schönbohm Cyber-Spezialisten aus ganz Deutschland zuschalten, ihre Gesichter erscheinen dann auf der großen schwarzen Bildschirmwand am Ende des Tisches: Verbindungsbeamte vom Verfassungsschutz und der Bundespolizei, von BKA und BND, vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und von der Bundeswehr.