Auf einer bekannten Uhrenwerbung, die sich seit gefühlten Ewigkeiten nicht geändert hat, sieht man einen Vater und seinen Sohn, darunter steht: "Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein." Dass ein Instrument, das das Vergehen der Zeit misst, seinerseits diesem Vergehen entzogen sein soll, dass der Zeitmesser selbst für die Ewigkeit geschaffen ist, gehört zu den Paradoxien in unserem Umgang mit dem Mysterium der Zeit. Viel naheliegender wäre es, die Uhren wie Dalí auf seinem berühmten Gemälde zerfließen zu lassen. Stattdessen stellt das Statussymbol Uhr ein Maß an Präzision zur Verfügung, das die Erfordernisse seiner Funktion demonstrativ übertrifft. Beim Träger einer edlen Uhr scheint jede Millisekunde in einer Weise kostbar zu sein, wie es sich einem normalsterblichen Erleben nicht erschließt. Der Träger bringt zum Ausdruck, dass er Herr seiner Zeit ist.

Die Uhr, so ließe sich weiter spekulieren, wurde zum Luxusobjekt, weil in ihr etwas Unbegreifliches, die metaphysische Bedingung unseres Seins, auf mechanische Weise gegenständlich wird: unsere Zeitlichkeit. Als könnte eine Schweizer Präzisionsuhr all die Fragen, die Heidegger in Sein und Zeit aufgeworfen hat, viel direkter beantworten: Das Sein als die Summe aller verrinnenden Sekunden. Und weil ein solcher Chronometer teuer ist, könnte zusätzlich noch die Illusion genährt werden, dass man mit Geld zwar nicht ins Himmelreich, aber doch ins innerste Wesen der Zeit vordringen kann.

In Uhren verbindet sich Solidität und eine Neigung zu Extremzuständen: Auch 3.000 Meter unter der Wasseroberfläche noch unzerstörbar! Dass etwas, das unsere Zeitlichkeit dokumentiert, sich dieser zu entziehen versucht, aus dieser Idee hat Christoph Ransmayr seinen neuen Roman Cox oder Der Lauf der Zeit entwickelt.

Alister Cox, von Ransmayr an den historischen James Cox angelehnt, aber dann entschlossen ins Reich der Poesie überführt, ist der berühmteste Uhren- und Automatenbauer seiner Zeit. Die Königshöfe Europas des 18. Jahrhunderts bestellen bei ihm Uhren aus den teuersten Materialien, deren feinmechanische Präzision alles übertrifft, was bis dahin technologisch möglich war. Bis nach China muss Cox’ Ruf gedrungen sein, denn er erhält eine Einladung an den kaiserlichen Hof.

Quiánlóng, Kaiser von China, sieht sich als mächtigster Herrscher der Welt. Seine Machtvollkommenheit ist umfassend, wie eine Pyramide gipfelt der ganze Gesellschaftsbau in seiner Person. Der Absolutismus eines Sonnenkönigs ist Kinderkram, verglichen mit der despotischen Hierarchie, durch die der kaiserliche Hof das Zahnradgetriebe des Reiches am Laufen hält. Aber auch die einflussreichsten Mandarine, die es bis in den Dunstkreis des Kaisers schaffen, dürfen diesem nicht in die Augen schauen. Der Kotau ist die natürliche Haltung in der Gegenwart des Allesbeherrschers, dessen Macht auch die Grenzen des Irdischen übersteigen soll, weshalb er unter seinen vielen Titeln auch den eines "Herrn der Zehntausend Jahre" führt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Alister Cox macht sich mit drei seiner besten Mitarbeiter auf den Weg nach Osten. Als die vier Engländer die Küste Chinas erreichen, werden sie sogleich und wie zur Einstimmung Zeugen einer öffentlichen Hinrichtung: Ein Scharfrichter säbelt einer Reihe betrügerischer Steuereintreiber die Nasen ab – unter der lustvoll zitternden Anteilnahme der Zuschauer. Die Erhabenheit der Macht des Kaisers verkörpert sich eben doch am eindringlichsten in seiner Grausamkeit. Die aufgeklärten Engländer, die ihre Glorious Revolution hinter sich und immerhin einen König zum Schafott geführt haben, fröstelt es beim Anblick dieses Schauspiels.

Ransmayrs Erzählen nimmt selber poetisch-zeremoniöse Züge an

Einen Vorteil hat die unumschränkte Alleinherrschaft: Der Kaiser muss sich nicht von einem Parlament mit Budgetrecht seine Ausgaben bewilligen lassen. Er gibt bei Meister Cox, der eine Werkstatt in der Verbotenen Stadt bezogen hat, eine "Zeitlose Uhr" in Auftrag, deren Uhrwerk ohne menschliches Zutun bis in alle Ewigkeit laufen soll – ein Monument, so unzerstörbar wie die Chinesische Mauer. Maßlos sind die Wünsche des Kaisers, jeder Materialwunsch Cox’ wird von den Hofbeamten erfüllt. Tatsächlich gelingt Cox eine solche Uhr, die einem Perpetuum mobile nahekommt. Die Reaktion des Kaisers darauf sei hier aber nicht verraten.

Ransmayr zählte schon immer zu den Autoren mit metaphysischer Wissbegierde. Realistische Erzählverfahren, die auf die drängenden Fragen nur irdische Antworten geben können, hat er deshalb immer schon transzendiert. Auch Cox oder Der Lauf der Zeit ist kein realistisch historischer Roman, sondern eher ein allegorisches Märchen, in dem sich das Figurenpersonal so choreografisch bewegt wie im japanischen No-Theater: Hier ist alles Künstlichkeit und Bedeutung. Man könnte sagen: Indem Cox von Europa nach Asien kommt, verlässt er eine Welt des psychologischen Realismus, um in eine Welt der Zeremonien und Protokolle einzutreten, eine Kunstwelt von despotischer Unerbittlichkeit. Seine bürgerlich-psychologischen Privatgedanken behält Cox da mal besser für sich.

Ransmayrs Erzählen, und das macht seinen Reiz aus, nimmt dabei selber poetisch-zeremoniöse Züge an. Weil im Reich der Mitte nichts ohne den Willen des Kaisers geschieht, gibt es auch keinen Wildwuchs der Natur, überhaupt keine Natürlichkeit, nur von seinem höchsten Willen bestätigte Kunstformen. Und folgerichtig beschreibt der Erzähler die künstlich angelegten Teiche in der Sommerresidenz des Kaisers auch nicht wie ein Stück Natur, sondern als würde er die Umrisse und das Farbenspiel einer Tuschezeichnung nachvollziehen. Alles, wovon hier erzählt wird, ist allegorische Kulisse.

Das macht den poetischen Reiz dieses sehr besonderen Buches aus, es benennt aber auch seine Grenzen: Seit Goethe wird die Allegorie als eine künstliche Veranschaulichung eines abstrakten Gedankens abgewertet gegenüber dem Symbol, in dem auf natürliche Weise eine höhere Wahrheit sich offenbare. Mit dieser Unterscheidung ist man auch beim Kern(problem) von Ransmayrs Roman. Der Kaiser interessiert sich so sehr für Uhren, weil ihn das Geheimnis der Zeit fasziniert. Ransmayr zögert nicht, die Uhren, die Cox für den Kaiser herstellt, mit poetischem Überschwang zu beschreiben, wie man es nur Phänomenen gegenüber tut, die eine höhere Sphäre berühren. Aber was er beschreibt, ist nicht das Geheimnis unserer Vergänglichkeit, sondern eine zwar sehr anspruchsvolle, aber zuletzt eben doch nur technische Konstruktion. Die Uhr ist eine mechanische Allegorie der Zeit, sie wird nicht dadurch zu einem tiefsinnigeren Symbol unserer Endlichkeit, weil ihr Uhrwerk immer diffiziler wird. Der Anblick der untergehenden Sonne ist metaphysisch ergiebiger. Cox’ Uhrwerke mögen über staunenswert viele Komplikationen verfügen, ein höheres Geheimnis verbirgt sich in ihnen nicht.

So weckt Ransmayr mit dem Sujet seines Romans eine spirituelle Erkenntnissehnsucht, die er mit den dann gewählten Mitteln nicht befriedigen kann. Nun, vermutlich kann das auch gar nicht anders sein, sonst wären wir Ransmayr-Leser jetzt alle Erleuchtete ... Wenn Ransmayr Naturszenen schildert, wie etwa die Fäden des Regens Himmel und Erde zusammennähen, ist man ganz beglückt. Wenn er sich dann aber wieder einer Coxschen Uhr zuwendet, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass das feinmechanische Triebwerk seines Romans, das er mit großer Kunstfertigkeit konstruiert hat, allzu reibungslos abschnurrt.

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit
Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 304 S.; 22,– €, als E-Book 19,99 €