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Von Weitem, also von Google Maps aus gesehen, liegen die Chesterfieldinseln irgendwo zwischen Australien, Papua-Neuguinea und Neukaledonien im Pazifischen Ozean. Winzige Brocken Land, Felsnasen vor allem, von Seevögeln als Rastplatz genutzt, ansonsten unbesiedelt.

So gut wie niemand kriegt die Chesterfieldinseln von Nahem zu sehen. Und das stört auch so gut wie niemanden. Der touristische Reiz der Landkrümel liegt bei null.

Don Parrish hat die Inseln trotzdem besucht. Wenn auch nur sehr kurz, und auch nur eine von ihnen, stellvertretend. Das war 2011. Wegen stürmischer See und starken Regens erreichte er sie viel später als geplant und konnte nur mitten in der Nacht übersetzen. Für die Landung mussten er und sein Kumpel Bob Bonifas von ihrem privat gecharterten Schiff in ein Schlauchboot wechseln und dann im Dunkel einfach die mutmaßlich richtige Richtung einschlagen. Das war etwas riskant, klappte aber. Zur Ankunft zeterten aufgescheuchte Vögel wild herum. Parrish versuchte einen Gedenkstein der französischen Marine aufzuspüren. Vor dem wollte er sich fotografieren lassen, um seinen Besuch anständig zu dokumentieren. War aber nicht zu finden bei dem Sauwetter. Nach 40 Minuten gaben er und Bonifas auf und bretterten zum Schiff zurück.

Ein unnützer Ausflug? Parrish war zufrieden. Er konnte einen weiteren Haken setzen. Einen von 875. So viele Destinationen umfasst die maßgebliche Liste auf der Website Most Traveled People, kurz MTP. Sie listet nicht bloß Staaten auf, sondern auch Regionen, Inselgruppen, Inseln ... Wer Frankreich bereist hat, war schließlich noch längst nicht auf Martinique – oder gar auf den Chesterfieldinseln, die ebenfalls zu Frankreich gehören. On the Road to Everywhere heißt das MTP-Motto. Die Seite hat mehr als 12.000 registrierte Nutzer. Ein Ranking zeigt, wer bereits an wie vielen Orten gewesen ist. Und dem Ranking zufolge ist Don Parrish dem Everywhere am nächsten. Ihm fehlen nur noch 25 Haken. Er ist die Nummer eins – der most traveled man on earth. Zurzeit jedenfalls. Laut Liste jedenfalls. Niemand hat so viele Territorien besucht wie er. Und das stimmt wahrscheinlich sogar mit Blick auf die gesamte nicht vom Ranking erfasste Menschheit. Denn nur echte Destinationsjäger haben eigentlich Grund, die Erde gezielt nach entlegenen Ecken abzugrasen. Don Parrish nennt es "systematisch reisen", was buchhalterisch und bizarr zugleich klingt, wie ein Widerspruch in sich. Systematisch reisen – wie soll das gehen?

Begleiten kann man ihn nicht auf einer seiner Touren. Schade. Er selbst hätte gar nichts dagegen. Aber bei den Zielen, die ihm noch fehlen, ist er auf Sondererlaubnisse angewiesen, muss längere Schiffspassagen erdulden und immer abrufbereit sein für spontane Mitfahrgelegenheiten an Bord von Spezialtransporten. Da kann man sich nicht mal einfach so dazubuchen. Also trifft man den Weltreisenden Nummer eins stattdessen zu Hause in Downers Grove bei Chicago. In einer dieser typischen Vorstadtsiedlungen voller heller Giebelbauten auf grünem Rasen, locker von Bäumen umstanden. Ihm gehört hier eines der bescheidensten Häuser. "Andere leisten sich große Autos und Immobilien", sagt er fast entschuldigend, "ich leiste mir Reisen." Wie ein gegerbter Abenteurer sieht er nicht aus. Klein ist er, hat zarte Hände, geht schon leicht gebeugt. Dünne Haare, dazu ein braver Schnurrbart. 72 Jahre ist er alt. Ob er die fehlenden Destinationen noch alle erreichen wird? Die Frage verkneift man sich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Im winzigen Flur hängt eine Weltkarte. Kein einziger Pin steckt drin. "Wozu auch – die Karte wäre ja völlig übersät", sagt er mit einem breiten Grinsen. Auf Socken geht es ins Wohnzimmer. Dort sind Schuhe verboten, eine Gewohnheit, die er aus Japan eingeführt hat. Auch im Wohnzimmer gibt es kaum Hinweise auf eine einzigartige Reisekarriere, keine Souvenir-, keine Trophäensammlung. Ein paar afrikanische Statuetten, ein Landschaftspanorama aus Indonesien, zwei winterliche Wildwest-Idyllen. Gediegene Dekoration, kein globalbuntes Tohuwabohu. Aber das würde zu einem systematisch Reisenden wohl eh nicht passen.

Er holt ein A4-Blatt hervor: "Don Parrish’s Remaining 25 MTP Locations". Seine weltumspannende To-do-Liste, die Ziele in einer Tabelle alphabetisch geordnet und mit Kreuzchen für verschiedene Hürden versehen. Manche Orte sind militärisches Sperrgebiet oder strikte Naturreservate, bei manchen muss man mit sehr hohen Reisekosten rechnen, mit extremen Wetterbedingungen oder mit einem Sicherheitsrisiko. Von 25 Einträgen klingen zwei bekannt: der Gazastreifen und die US-Marinebasis Guantánamo Bay. Aber Scarborough-Riff, Sankt-Peter-und-Sankt-Pauls-Felsen, Kerguelen, Johnston-Atoll, Minami-Torishima? Nie gehört. Naheliegende Frage: Wo geht es als Nächstes hin? "Keine Ahnung", sagt er. "Ich muss viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten und auf den richtigen Moment warten, auf eine ausstehende Genehmigung, einen freien Platz auf einem halbjährlich auslaufenden Versorgungsschiff ..."