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Neunundneunzig Jahre hat das amerikanische Jahrhundert gedauert. Es begann am 6. April 1917 mit dem Eintritt der USA in den großen europäischen Krieg und endete in der Nacht zum Mittwoch, dem 9. November 2016, als Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde. Dieser Mann ähnelt mehr den monarchischen Hasardeuren und faschistischen Führern, die den alten Kontinent mehrfach ins Unglück geführt haben, als allen seinen modernen Vorgängern im Weißen Haus.

Schon seit Längerem war die amerikanische Hegemonie ins Wanken geraten, Kontrollverluste in Asien und im Mittleren Osten schienen unübersehbar, doch nun erst hat die Mehrheit des amerikanischen Volkes daraus die Konsequenz gezogen: loslassen, was nicht mehr zu halten ist, konsequenter globaler Egoismus, radikale Kürzung der Hegemonialkosten, Abschottung und, soweit es um die Sicherheit Europas geht: Verrat der Partner. Das hatte sich schon unter Barack Obama angebahnt, denn auch er ließ die Europäer mit dem von den Amerikanern angerichteten Chaos im Mittleren Osten weitgehend und mit den Flüchtlingen ganz und gar allein. Und der war noch ein Freund.

Donald Trump ist kein Freund.

Gewiss nicht von Deutschland und seiner Kanzlerin. Sie verkörpert von allem das Gegenteil eines Donald Trump. Sie ist besonnen, rational, diszipliniert, sie kontrolliert ihre Affekte, diese Frau ist, kurzum, nicht besessen von sich selbst. Sie und er werden von Stund’ an die Antipoden der westlichen Welt sein.

Wenn es den Westen dann überhaupt noch gibt.

All jene, die sich ein Leben ohne die geistige und politische Vaterschaft der USA nicht vorstellen können, werden nun auf die Selbstheilungskräfte des amerikanischen politischen Systems hoffen. Das kann man machen, hoffen ist immer gut, nur erwachsen ist es vielleicht nicht. Denn wenn die geballte Kraft beinahe aller amerikanischen Zeitungen, des Silicon Valley, von fast ganz Hollywood, der gesammelten Demokratischen und Teilen der Republikanischen Partei sowie aller bedeutenden Universitäten diesen Mann bisher nicht hat aufhalten können, wieso sollte es dann künftig der Supreme Court (den Trump neu zusammensetzen kann) oder der Kongress mit seiner Mehrheit von feigen Republikanern und durchgedrehten Fundamentalisten aller Art?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Lesen Sie weitere Stücke zum Thema "Trump total? Was der neue Präsident für Deutschland und Europa bedeutet" in der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016

Dies ist nun wirklich die Stunde, um Abschied zu nehmen vom Amerikanismus, vom naiven Atlantizismus, von leichtgläubiger Amerikahörigkeit und vom gemutmaßten US-Avantgardismus, von der Regel also, dass alles, was in den USA geschieht, wenig später auch hier kommt. Wenn das immer noch so wäre – wer wäre dann etwa der deutsche Trump?

Ohnehin muss das ganze amerikanische System nun von Trump rückwärts gedacht werden. Was alles hat dazu beigetragen, dass es zu diesem Irrsinn kommt? Die Wall Street? Die deregulierte Wirtschaft? Die Weltveränderungsfantasien des Silicon Valley? Die zerklüfteten und polarisierten Medien? Das elitäre Bildungssystem? Die hohle Selbstgerechtigkeit der "greatest nation on earth"? Alles das gehört nun auf den Prüfstand, bei alldem müssen die Europäer genau nachdenken, ob sie es auch haben möchten oder sich schon eingefangen haben.

Die Kriegsgefahr steigt

Donald Trump, ein Präsident der Abschottung Die US-Amerikaner haben sich entschieden: Donald Trump wird wohl am 20. Januar 2017 Präsident der Vereinigten Staaten. Ein Szenario, was passieren könnte....

Darauf, dass alles halb so wild wird, sollte man sich jedenfalls nicht verlassen. Donald Trump ist ein Mann der Affekte, und er ist unglaublich bedürftig nach permanenter Anerkennung, Selbstinszenierung, Rauferei, während kontinuierliches, nachhaltiges Arbeiten ihm schwerfallen dürfte. Sein Regierungsstil und seine internationale Politik müssen zuallererst den Erfordernissen seines Charakters entsprechen. Das heißt, er wird schnell agieren, Tempokratie ist seine Herrschaftsform, Erregung sein Betriebssystem, täglich wird er nach neuen Reizen und Kontroversen suchen, zwischendurch wird er schnurren wie ein Kätzchen, milde sein und auf der ganzen Welt Brüderschaft suchen mit Menschen (Männern), die ihm ähnlich sind.

Diese natürliche Anziehung durch gleich geartete Männer wird einen Präsidenten Trump von Anfang an zu einem Wanderer zwischen den Welten machen. Beim globalen Kampf zwischen den liberalen und den autoritären Kräften auf der Welt, wie Obama ihn ausgerufen hat und wie er ja auch wirklich stattfindet, steht Donald Trump nicht fest auf einer Seite, jedenfalls nicht auf unserer. Wahrscheinlich wird er sich mit Wladimir Putin und Tayyip Erdoğan, mit Xi Jinping und Viktor Orbán besser verstehen als mit Angela Merkel, Matteo Renzi oder François Hollande.

Mit einer irrlichternden Weltmacht in Abwicklung steigt aber auch die Kriegsgefahr. Angefangen beim Iran-Deal, den Trump ja bekanntlich neu verhandeln will, was jederzeit in einem militärischen Konflikt münden kann, schon weil sich Israel hier irgendwelche Spielchen nicht lange wird anschauen können. Doch geht es um weit mehr. Gilt unter einem US-Präsidenten Trump die Beistandsgarantie der Nato noch? Steht er mit seinem Atomwaffenarsenal für die Sicherheit der Europäer ein? Fühlen sich angesichts eines irrlichternden US-Präsidenten (und Irrlichtern ist nun wirklich die einzige Form, in der dieser Mann zu leuchten vermag) nicht alle militärisch gestimmten Herrscher geradezu zum gefährlichen Spiel herausgefordert? Putin in der Ukraine, Erdoğan im Irak, China im Südchinesischen Meer?

Trump, daran kann kein Zweifel bestehen, erhöht die Kriegsgefahr weltweit.

Und zwar selbst dann, wenn er es gar nicht will. Einfach weil er die innere Logik etwa der atomaren Abschreckung nicht begriffen hat. Und natürlich weil er sich selbst so schlecht zu kontrollieren vermag. Vor allem aber, weil der abrupte Rückzug einer Hegemonialmacht vielerorts ein Vakuum erzeugt und weil infolgedessen Versuche, gegen das dadurch entstehende Chaos dann wieder impulsiv zu intervenieren, die Sache nur noch schlimmer machen werden.

Mit der Wahl Trumps, mit dem politischen Ausrasten der größten und mächtigsten Demokratie der Welt, bleibt vorderhand nur noch eine große Macht, die auf dieser Erde Demokratie und Vernunft verkörpern kann. Diese Macht heißt Europa.

Und der mächtigste Mensch auf der Erde, der weder autoritär ist noch einen an der Waffel hat, heißt seit dieser Woche Angela Merkel. Das ist, alles in allem, keine gute Nachricht. Aber vielleicht eine, mit der man leben kann. Doch darf man sich auch hier keinen Illusionen hingeben. Ohne – mindestens – Frankreich kann Deutschland in den nächsten Jahren den europäischen Laden nicht zusammenhalten, geschweige denn den Westen.

Europa wurde lange Zeit als der dunkle Kontinent angesehen, immer anfällig dafür, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Das ist nun den USA passiert, die bis dato als die Rückversicherung des alten Kontinents galten. Einen Teil der europäischen Selbstverunsicherung kann man auf die Geschichte zurückführen, einen anderen darauf, dass immer ein bisschen unerwachsen bleibt, wer seinen großen Bruder in der Nähe weiß. Diesen guten großen Bruder, diesen demokratischen Aufpasser gibt es nun nicht mehr.

Trump nicht überschätzen

Das wird, oder sagen wir vorsichtiger: das muss dazu führen, dass die EU sich endlich ihrer Stärke bewusst und ihrer Macht würdig erweist. Schließlich verfügt sie über den stärksten globalen Binnenmarkt, sie hat einen zwar alles andere als perfekten, aber dennoch leidlich funktionierenden institutionellen Organismus, mit seinem Rat, seiner Kommission und dem Parlament, mit seinen Nationalstaaten, die zugleich eine Supranation bilden. Bei aller Selbstkritik an der EU: Von heute an ist sie die am besten funktionierende demokratische Weltmacht. Die USA sind das vorerst nicht mehr, die anderen versuchen es nicht einmal.

Der Brexit – gemessen am amerikanischen Desaster noch eine Katastrophe der milderen Sorte – hatte noch nicht den europäischen Ruck erzeugt, hin zu mehr Ernsthaftigkeit und Zusammenhalt. Vielleicht, hoffentlich, wird das jetzt ein Weckruf sein.

Doch darf man sich nichts vormachen. Die Wahl eines durchgeknallten Machos zum US-Präsidenten wird auch in Europa die autoritären Kräfte zunächst jubeln lassen. So stark wie in den USA sind sie jedoch noch längst nicht. Stark, sehr, sehr stark sind die liberalen Kräfte dieses Kontinents, die trotz aller Krisenzeichen bislang ihre Muskeln noch gar nicht wirklich angespannt haben.

Doch für sie, für uns, gilt es, einige bittere Lehren zu ziehen aus dem Desaster der Demokraten in den USA. Zu erleben war in diesem Wahlkampf die begrenzte Wirkung der Hypermoral: "When they go low – we go high!" – so riefen es Michelle Obama und die anderen immer wieder in die Menge. Das kommt offenbar nicht als Vornehmheit rüber, sondern als Abgehobenheit. Dieser Anspruch verleugnet, dass es in den Hochherzigen und Guten auch Niedriges und Gemeines gibt. Und dass es ganz offensichtlich Bedingungen gibt für Offenheit und voll ausgebildete Multikulturalität. Zum Beispiel privilegiert zu sein.

Womit denn auch der zweite Kardinalfehler der Liberalen im Kampf gegen den "Lowgoer" benannt ist: Viel zu lange und viel zu sehr haben sie sich mit dem großen Geld arrangiert, haben den Liberalismus an den Neoliberalismus verkauft und dabei die kleinen Leute an die Ressentiment-Dealer verloren. Im Nachhinein kann man nur darüber bestürzt sein, dass in der Phase, da die sogenannte Erste Welt noch gigantische Gewinne erwirtschaftet hat, diese in grotesker Weise an die Reichen verschwendet wurden, anstatt die Mittelschicht zu stabilisieren und den Armen wirklich zu helfen. Nun, da ökonomischer Verdruss und Existenzangst in Aggression und Vorurteil umgeschlagen sind, lässt sich mit Umverteilung von oben nach unten und spürbar sozialerer Politik allein die autoritäre Bewegung nicht mehr stoppen (gleichwohl muss es geschehen).

Längst schon geht es um Identität und Ehre, weswegen es auch so bodenlos falsch war, den ökonomisch Benachteiligten auch noch ihre moralische Niedrigkeit vorzuhalten (they go low) und sich auf der anderen Seite selbst als ethisch hochwohlgeboren zu gerieren. Bei aller Selbstkritik kann es allerdings bei den liberalen, menschlichen und ökologischen Standards im Angesicht eines bekennenden Machos und Öko-Ignoranten an der Spitze des mächtigsten Staates der Welt keine Kompromisse geben. Dies sei hier von einem alten, weißen, privilegierten, heterosexuellen Mann gesagt: Ein Land, in dem sich die Migranten, die Feministinnen, die Behinderten und die Schwulen fremd fühlen, ist nicht das Land, für das man Jahrzehnte gekämpft hat; eine Welt, in der die Natur zerstört und ihre Zerstörung obendrein geleugnet wird, ist nicht die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Dies nur, damit wir uns nicht falsch verstehen. Es ist jetzt eine Zeit des Kampfes, da gibt es nichts zu heulen, da wird dann halt gekämpft.

Man soll diesen Trump bei aller Bestürzung auch nicht überschätzen. Selbst für das konsequent Böse wird seine Konzentration nicht ausreichen. Und es ist etwas anderes, postfaktischen Wahlkampf zu betreiben, als kontrafaktische Politik zu machen. Er wird sich hart an den Sachen stoßen. Und an uns.

Angela Merkel hat kürzlich in einem Hintergrund auf die etwas keck und halb lustig vorgetragene Frage, was passieren würde, wenn Trump Präsident würde, geantwortet, sie müsse mit jedem gewählten Präsidenten zusammenarbeiten. Nun, da hat sie sicher recht. Sie muss im Übrigen ja auch mit jedem nicht gewählten Präsidenten zusammenarbeiten. Doch war diese banale Tatsache mit der Antwort womöglich gar nicht gemeint, sondern etwas anderes: Die deutsche Kanzlerin wird alles tun, um diesen überspannten, überemotionalisierten Präsidenten in ihre Sachlichkeit, in ihren unübertrefflichen Nobullshitismus einzuhüllen. So wie sie es mit Wladimir Putin auch probiert hat, über weite Strecken mit Erfolg.

Darin kann eine Hoffnung liegen. Darin zeigt sich aber auch der Abgrund: dass man nämlich für den amerikanischen Präsidenten demnächst ein ähnliches Verhaltensrepertoire – um nicht zu sagen: Erziehungskonzept – braucht wie für den Autokraten im Kreml.

Nun, jeder hat seine eigenen Methoden, mit dieser neuen geschichtlichen Situation umzugehen, jeder andere Talente. Klar ist jedoch spätestens seit dieser schrecklichen Wahlnacht, dass nun die größte politische und kulturelle Auseinandersetzung begonnen hat, die wir Nachkriegsmenschen erlebt haben. Der Kampf um die Demokratie ist wieder offen.