Am 14. November 1978 arbeitet Gerónimo Díaz García auf seinem Maisfeld in der Nähe von Guadalupe y Calvo, als eine Gruppe von bewaffneten Soldaten auftaucht und ihn mitnimmt. Zusammen mit anderen Bauern wird er nach Culiacán ins Gefängnis gebracht. Es folgt eine Tortur: "Sie fesselten uns die Hände auf den Rücken und begannen, mir Schläge in bestimmte Körperteile zu geben, und füllten mir Wasser in die Nasenlöcher, damit ich gestehe, dass ich Leute kenne, die Mohn und Marihuana kaufen und anbauen." Solche Leute kennt Gerónimo aber nicht, und auch die 250.000 Pesos kann er nicht bezahlen, die die Soldaten für seine Freilassung verlangen. Im Juli 1979 sitzt er noch immer im Gefängnis, ohne Prozess, wie es scheint. Seine siebenköpfige Familie hungert, deshalb schreibt Gerónimo an den Präsidenten. In unbeholfenem Spanisch fordert er eine Untersuchung seines Falles, Großbuchstaben und Satzzeichen verwendet er eher nach dem Zufallsprinzip, den Namen seines Dorfes schreibt er falsch.

Ich mache ein Foto von dem Brief und blättere vorsichtig weiter. Meine Baumwollhandschuhe sind zu warm und zu groß, aber ohne sie darf ich die Akten nicht anfassen, sonst bekomme ich Ärger mit dem schnurrbärtigen Archivar, der ein paar Tische weiter YouTube-Videos guckt. Die nächste Seite ist ein rosafarbenes Formular, es geht um Gerónimos Brief. Irgendein Beamter hat entschieden, den Fall zu den Akten zu legen, das Formular ausgefüllt, alles abgeheftet. Danach taucht Gerónimo nicht mehr auf. Gab es einen Prozess? Kam der Maisbauer frei? Die Unterlagen des mexikanischen Militärs, die im Nationalarchiv in Mexiko-Stadt vor mir auf dem Tisch ausgebreitet sind, geben keine Antwort.

Guadalupe y Calvo liegt im südlichsten Zipfel des Bundesstaates Chihuahua, in der Nähe der Grenzen zu Sinaloa und Durango. Bis nach Culiacán, der Hauptstadt von Sinaloa, sind es 285 Kilometer, doch das Dorf befindet sich 2.550 Meter über dem Meer, mitten in der Sierra Madre Occidental, sodass man auch heute noch mit dem Auto über acht Stunden für die Strecke braucht. Hier in den Bergen im Nordwesten Mexikos begann der Krieg, der in den vergangenen 16 Jahren vermutlich mehr als 100.000 Mexikaner das Leben gekostet hat.

Sinaloa, Chihuahua und Durango werden von mexikanischen Drogenexperten als das triángulo crítico bezeichnet, als das kritische Dreieck. In der Abgeschiedenheit dieser mexikanischen Berglandschaft legten im späten 19. Jahrhundert vermutlich chinesische Einwanderer die ersten Schlafmohnfelder an. Seit sie von 1882 an nicht mehr in die USA einwandern durften, kamen sie verstärkt ins Land. Unter der mexikanischen Sonne gedieh der chinesische Schlafmohn prächtig, und Opium wurde neben Cannabis zur lokalen Feldfrucht. Von den reifen Fruchthülsen des Schlafmohns schabten die Bauern in mühsamer Handarbeit das Rohopium ab, trockneten es und verwendeten es als Schmerzmittel. Aus der Cannabispflanze wurde Marihuana gewonnen, das bei der ländlichen Bevölkerung beliebt war.

Der mexikanische Drogenanbau interessierte lange niemanden, das globale Drogenproblem steckte noch in den Kinderschuhen. Dann kam der Zweite Weltkrieg, auf Atlantik und Pazifik schnitten die U-Boote der Achsenmächte den Handelsschiffen den Weg ab, und die USA hatten mit Rohstoffproblemen zu kämpfen. Um die Versorgung mit Morphium als Schmerzmittel und Hanf zur Herstellung von Seilen für die Marine sicherzustellen, wandten sie sich an Mexiko. So wurden die psychoaktiven Feldfrüchte aus dem kritischen Dreieck zur Exportware.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Der Weltkrieg verursachte aber nicht nur auf den legalen Märkten Lieferprobleme. Auch die Mafiafamilien in New York, die den amerikanischen Heroinmarkt sonst mit türkischem Opium versorgten, saßen plötzlich auf dem Trockenen. Auch sie wandten sich an Mexiko.

Mit dem Kriegsende erfolgte der Rückschlag. Wer in den USA Opium brauchte, kaufte es wieder jenseits des Atlantiks. Der Cannabishandel zwischen Mexiko und Kalifornien ging zwar weiter, doch die Nachfrage hielt sich in Grenzen. Dann kamen die sechziger Jahre. Von San Francisco bis Boston machten die Blumenkinder LSD und Cannabis zu Symbolen ihrer Revolte gegen das Spießertum. Gleichzeitig verschärften sich in den Innenstädten der Metropolen die sozialen Probleme, immer mehr Menschen suchten Trost im Heroinrausch. Anfang der siebziger Jahre kletterte die Zahl der Herointoten in besorgniserregende Höhen. Zunächst profitierte davon vor allem die Mafia in New York und Marseille, die den Heroinimport aus der Türkei organisierte. Doch 1971 wurde in der Türkei der Opiumanbau verboten, und die US-Drogenbehörde brachte eine Reihe von wichtigen Mafiaunternehmern hinter Gitter.

Da besann man sich auf die Nachbarn im Süden. Zwischen 1972 und 1975 stieg der Anteil des mexikanischen Heroins am amerikanischen Markt von ungefähr 15 auf bis zu 90 Prozent. Mexican mud wurde die bräunliche Substanz genannt. Nachdem mexikanische Anbieter in den sechziger Jahren bereits den Cannabismarkt in den USA dominiert hatten, war das Land nun auch im Heroingeschäft zum Marktführer aufgestiegen. Sehr zum Missfallen der US-Drogenbehörde in Washington, D. C.