Kurz bevor Guido Reil in sein neues Leben tritt, fährt er noch einmal dorthin, wo sein altes endete. Es ist Donnerstagnachmittag, ein grauer Tag. Reil wirkt nervös. Mit großen Bergmannshänden umklammert er das Lenkrad seines Jeeps. Er rollt auf das alte Stadion zu. Auf dem Rasen, wo die TSG Essen-Karnap 07 in ihren besseren Zeiten gegen Schalke 04 spielte, steht jetzt ein großes weißes Zelt. Eine Flüchtlingsunterkunft. Reil schnauft. Es ist der Ort, an dem Guido Reil der SPD verloren ging. Und an dem ihn die AfD gewann.

"Eine Unterkunft für 700 vor allem junge Männer in einem Viertel mit vielen sozialen Problemen, das passt doch nicht", sagt Reil und blickt aus dem Autofenster auf das Zelt und die alten Stadiontribünen. In der Flüchtlingspolitik habe er gemerkt, "dass die SPD keinen Blick für die Realität mehr hat".

Guido Reil war zeit seines Lebens ein Vorzeigesozi. Er arbeitet im Bergwerk, seit Jahren macht er die Nachtschicht, fährt Abend für Abend als Steiger unter die Erde. Er ist Gewerkschafter, Betriebsrat und sitzt im Essener Stadtrat. 26 Jahre lang war er aktives Mitglied der SPD. Vor wenigen Monaten ist er in die AfD eingetreten. Aus Frust. Seither bekommt Reil fast täglich Einladungen aus ganz Deutschland: Die AfD liebt seine Geschichte. Sie hofft auf viele Nachahmer, viele weitere Guido Reils. Der Mann sei "eine Marke" für die Partei, sagt einer aus dem Landesvorstand.

An diesem Abend wird die Marke Reil zum ersten Mal in ihrem alten Wahlbezirk getestet. Reil will in seiner Nachbarschaft in Essen-Karnap für die AfD werben, bei den Menschen, für die er immer der Guido von der SPD war. Er hat einen Saal gemietet und eine Rede vorbereitet. Es ist der Abend, an dem der ehemalige SPD-Ratsherr zum AfD-Politiker wird.

Während Menschen wie Reil für Frauke Petry ein Glücksfall sind, könnten sie für Sigmar Gabriel zur Gefahr werden. Bislang gilt die AfD als Problem der CDU. Man hört oft von Konservativen, die der Modernisierungskurs Merkels heimatlos gemacht habe. Oder von Ostdeutschen, die sich mit Veränderung oder Ausländern oder beidem schwertäten. Dabei geht der Zweifel längst tiefer, er nistet auch in den alten Arbeitervierteln, im Ruhrpott, tief im Westen. Dort, wo Guido Reil zu Hause ist. In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Land der Republik, wird nächstes Jahr gewählt, ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl. Wenn die SPD in NRW verlöre, wäre das nicht nur für Sigmar Gabriel ein Fanal.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Langsam, fast unbemerkt hat sich etwas verschoben. Die Sozialdemokraten müssen dort kämpfen, wo sie den Kampf nicht gewohnt sind, wo sie sich immer sicher fühlten.

Wie konnte es dazu kommen?

Reil schaut auf das Flüchtlingszelt. Die SPD-Ortsvereine aus dem Norden wollten hier Anfang des Jahres gegen das Heim demonstrieren. Sie fanden, die Stadt eröffne hauptsächlich Unterkünfte im armen Essener Norden, nur wenige im reichen Süden. "Wir haben hier ja schon einen Ausländeranteil von 30 Prozent, und viele sind schlecht integriert", sagt Reil. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ordnete aus Düsseldorf die Absage der Demo an. In Karnap fühlten sie sich missverstanden, wieder einmal.

Für Guido Reil war das Verbot der Parteispitze der Anfang vom Ende seiner Beziehung mit der SPD – nach dem Essener Parteitag im Mai trat er aus. Sein Großvater war Sozialdemokrat, sein Vater auch, mit ihm sollte nun die SPD-Geschichte der Familie Reil vorbei sein. Als er sich von seinem Ortsverein verabschiedete, weinte er.