Jahrelang hieß es: Der Mittelstand verschläft die Digitalisierung. So klagten Berater, Medien und allerlei Digital-Experten. Inzwischen kann davon keine Rede mehr sein. Der deutsche Mittelstand ist in der Cloud angekommen. Als Cloud-Computing bezeichnet man die Verlagerung von Daten und Programmen auf die Rechner entfernter Dienstleister. Das galt deutschen Unternehmern lange als besonders heikel. Im vergangenen Jahr hat nun zum ersten Mal eine Mehrheit der hiesigen Unternehmen Cloud-Computing eingesetzt, wie eine repräsentative Umfrage von Bitkom Research im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ergab. Eine Studie des IT-Analysehauses Crisp Research zeichnet sogar ein noch Cloud-affineres Bild: Demnach sind über 85 Prozent der Mittelständler hierzulande derzeit dabei, eine Cloud-Lösung zu planen und zu implementieren, oder sie betreiben diese Dienste und Technologien bereits.

Das passt zur allgemeinen Aufbruchstimmung, die ebenfalls eine Crisp-Research-Studie vom Juli 2016 belegt: Ihr zufolge fühlen sich 85 Prozent der befragten Unternehmen stark oder sehr stark von der digitalen Transformation betroffen, die Hälfte gibt an, dass das Thema ganz oben auf ihrer strategischen Agenda stehe. Nur ein Jahr zuvor hatten noch fast drei von fünf deutschen Unternehmen angegeben, dass sie keinerlei Digitalisierungsstrategie hätten. "Das Blatt hat sich gewendet", sagt René Büst, Senior Analyst bei Crisp Research. Deswegen sei es auch nicht überraschend, dass die Unternehmen die Technologien inzwischen nutzten. "Technologie ist das notwendige Mittel zum Zweck", stellt Büst fest.

Cloud-Computing – also die Nutzung von IT-Leistungen wie Speicherplatz, Rechenkapazitäten oder Software über Datennetze – gilt unter Experten als Basistechnologie für die digitale Transformation. Sie soll Effizienzgewinne schaffen, weil sie es Unternehmen ermöglicht, auf ein eigenes Rechenzentrum zu verzichten. Und sie kann die Grundlage sein, um völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Das gilt gerade auch für kleinere Unternehmen. E-Mail-Programme, Office-Anwendungen, Kalender, all das lagert heute immer seltener auf dem hauseigenen Server. Dafür gibt es Dienstleister, die die Benutzung der Software im Hintergrund sicherstellen. Mit merkbaren Vorteilen: Verzögerte sich zum Beispiel früher der Start eines neuen Projekts aus technischen Gründen gerne mal um drei bis vier Wochen, eben so lange, bis ein neuer Server eingerichtet war, ist das heute dank des Cloud-Computings in nur wenigen Minuten erledigt.

Für diese Veränderung wurde es auch Zeit: Der typische deutsche Mittelstand, vor allem in der Industrie, ist längst weltweit aktiv. Nicht selten ist er führend in seiner Nische. Schon deshalb hat er keine andere Wahl, als auch bei der IT technologisch Schritt zu halten. "Mit einem deutschen Rechenzentrum tut man sich schwer, seinen Kunden in den USA oder Asien gerecht zu werden", sagt Büst. "Für sie brauchen Mittelständler diese globalen, massiv skalierbaren Lösungen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Gerade die kleineren und mittleren Unternehmen haben angesichts der digitalen Transformation häufig Schwierigkeiten, das richtige Personal für sich zu gewinnen – ein Problem, das sie wiederum daran hindert, am Ball zu bleiben. Auch hier können Cloud-Technologien Abhilfe schaffen: "Wenn ein Unternehmen zu klein ist, um eine eigene schlagkräftige IT-Abteilung aufzubauen, kommt die Cloud ins Spiel", sagt Christoph Meinel, Professor für Internet-Technologien und -Systeme am Hasso-Plattner-Institut Potsdam, dessen "Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0" im Rahmen einer Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums zur Digitalisierung des Mittelstands gefördert wird. Auch ein kleines Unternehmen könne sich per Cloud hochkomplexe technische Lösungen ins Haus holen – ob das nun Programme zur Datenanalyse, Software für Roboter oder Künstliche-Intelligenz-Anwendungen seien, sagt Peter Heidkamp, Partner und Head of Technology bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG: "So etwas konnten sich bisher ja nur die ganz Großen in den Keller stellen."

Aber allein die Technik einzukaufen reicht nicht. Wer sie einsetzt, hat damit den notwendigen Transformationsprozess noch längst nicht vollzogen. Dieser Wandel muss von oben, aus dem Management, begleitet, unterstützt und koordiniert werden. Und daran hapert es weiterhin in vielen Unternehmen. Oft kommt etwa der Impuls zum Schritt in die Cloud weder von der Unternehmensspitze noch aus der eigenen IT-Abteilung, die den Status quo – und damit ihre Jobs – wahren will, sondern aus den Fachabteilungen. In der Praxis bastelt sich so jeder aus der Fülle an Angeboten seine eigene Lösung zusammen. Ob die mit den Programmen der Kollegen oder Abteilungen im Stockwerk darüber oder auch nur mit den Tools harmoniert, die man selbst bereits nutzt, daran wird erst später gedacht.

So haben die Experten immer noch genug Grund, sich kritisch zu äußern. "Ich kenne Fälle, in denen kann das E-Mail-Programm dann halt nicht auf die Kundendaten im Customer-Relationship-Management-System zugreifen", sagt IT-Analyst Büst. "Und damit ist keinem weitergeholfen."