In Berlin hat das Elend jetzt einen Namen. Er lautet: Siwa. Das ist die Kurzform für "Sondervermögen Infrastruktur der wachsenden Stadt" – eine Art Bankkonto, auf das die Landesregierung einen Teil ihrer ansehnlichen Haushaltsüberschüsse einzahlt, um damit marode Schulen, Brücken und Straßen zu sanieren.

Eigentlich ist das eine gute Sache, weil die Schulen, Brücken und Straßen in Berlin tatsächlich ziemlich marode sind und nun offenbar sogar in der deutschen Pleitehauptstadt Geld vorhanden ist, um dagegen etwas zu tun. Das Problem ist nur: Niemand scheint dieses Geld zu wollen. Im Jahr 2015 wurden von den knapp 700 Millionen Euro auf dem Konto nur knapp 50 Millionen Euro abgerufen. Das sind weniger als zehn Prozent.

So ist Siwa zu einem Symbol für die Unfähigkeit deutscher Politiker geworden, das zu tun, was Politiker angeblich am liebsten tun: Geld ausgeben. In Nordrhein-Westfalen bleiben Mittel für den Breitbandausbau liegen, Schleswig-Holstein lässt Gelder für den Straßenausbau verfallen, und in Sachsen wurde im vergangenen Jahr trotz neuer Fördermittel keine einzige Sozialwohnung gebaut. Im Sommer 2015 hat der Bund 3,5 Milliarden Euro für Investitionsprojekte in finanzschwachen Kommunen bereitgestellt. Davon wurden ausbezahlt: 1,1 Prozent.

Die Zahlen werfen ein neues Licht auf das deutsche Investitionsproblem. In kaum einer Industrienation investiert der Staat gemessen an der Wirtschaftsleistung so wenig wie in Deutschland. In den vergangenen Jahren wurde zumeist nicht einmal der natürliche Verschleiß an den bestehenden öffentlichen Bauten ausgeglichen. Der Internationale Währungsfonds hat die Bundesregierung deshalb aufgefordert, 60 Milliarden Euro zusätzlich in die Modernisierung der Infrastruktur zu stecken. Doch nun zeigt sich: Geld allein löst die Probleme nicht.

Warum? Auch das lässt sich in Berlin beobachten. Wenn eine Schule renoviert werden soll, dann müssen sich in der Hauptstadt bis zu drei unterschiedliche Ämter absprechen. Und in fast allen Ämtern fehlt das Personal, um Bauanträge und andere Genehmigungen zügig abzuarbeiten, zumal die Verwaltungen mit der Integration der Flüchtlinge schon genug zu tun haben. Bei Bauvorhaben müssten "Prioritäten" gesetzt werden, heißt es aus der Stadtverwaltung. Mit anderen Worten: Was nicht zwingend sofort erledigt werden muss, wird eben aufgeschoben.

Quelle: BMF © ZEIT-Grafik

Und so läuft es nicht nur in Berlin. Mangelhafte "Planungs- und Durchführungsstrukturen auf verschiedenen staatlichen Ebenen" seien dafür verantwortlich, dass sich die öffentlichen Investitionen trotz zusätzlicher bereitgestellter Mittel "nicht noch besser entwickeln", heißt es in einer internen Analyse des Bundesfinanzministeriums.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Ein Problem ist der Mangel an qualifiziertem Verwaltungspersonal, um Bauprojekte zu planen. In Nordrhein-Westfalen etwa wurden in diesem Jahr 105 Ingenieurstellen im Straßenbau ausgeschrieben, davon waren Ende August gerade einmal 40 besetzt – und in Schleswig-Holstein hat Ministerpräsident Torsten Albig große Probleme, Fachleute für den Tiefbau zu finden.

Selbst wenn Geld für neue Stellen da ist, tun sich die Städte und Gemeinden schwer, geeignete Kandidaten zu überzeugen, weil, so schreiben Experten des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Studie, der öffentliche Dienst derzeit "nicht in der Lage ist, konkurrenzfähige Gehälter zu bieten". Der Untersuchung zufolge dürften sich die personellen Engpässe durch eine Pensionierungswelle in den kommenden Jahren sogar verschärfen, da 27 Prozent der Bauingenieure im öffentlichen Dienst älter als 55 Jahre sind.