Späte Vormittagszeit im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße. Bei ihm heißt es ja immer, er sei der beste Leiter einer Gesprächssendung im deutschen Fernsehen, beweglich, lustig, albern, asozial, bestürzend tiefsinnig und ernsthaft, wenn kein Mensch damit rechnet: Ja, stimmt wahrscheinlich alles. Jörg Thadeusz, 48, der Charmeur. Seine Sendungen (Thadeusz und die grandios anstrengende Feuilletongesprächsrunde Thadeusz und die Beobachter) laufen leider nicht in der ARD, sondern im Regionalsender rbb. Er trägt ein gut prolliges, in keine Richtung ironisch interpretierbares schwarzes adidas-Reißverschlussjäckchen. Er macht den lustigen Trick, dass er das Rührei mit Schinken schon bestellt und aufgegessen hat, als wir uns zur verabredeten Zeit treffen.

Unter uns Interviewern: Sind die frechen Fragen nicht eigentlich ein Flop? Seine klugen, braunen, schon jetzt herrlich gelangweilt guckenden Hundeaugen. Er schaut ein bisschen mitleidig, weil er, natürlich, nachdem er beruflich selbst Fragen stellt, überhaupt keine Frage mehr ernst nehmen kann, auch diese nicht. Also plaudernd einfach in irgendeine Richtung abhauen, die nichts mit der Frage zu tun hat: Vom Radio kommend, erzählt Thadeusz, nehme man Zeit ganz anders wahr. Drei Minuten seien zum Beispiel die Zeit, in der man aufs Klo gehen oder sich einen Kaffee am Automaten holen könne. Ach so, wie lautete gleich die Frage? "Das Einzige, was beim Fragen funktioniert, ist Vertrauen. Und Sympathie. Natürlich! Wenn man selbst beim Waterboarding die Wahrheit nicht rauskriegt, was sollen dann unverschämte Fragen bringen?"

Jetzt muss er am 1. Dezember ja wieder den Reporter-Preis, die Verleihung des wichtigen Journalistenpreises, moderieren. Unser Vorschlag: Wir gründen, als Gegengewicht für all die brillanten, gähnend langweiligen AfD- und Flüchtlings-Reportagen, den Frische-Preis, eine gesonderte Auszeichnung für unabgegriffene Wendungen und unterhaltsame Einstiege. Haben wir da seine Unterstützung? Er tut überrascht: "Diesen Preis hätten viele der in den letzten Jahren ausgezeichneten Arbeiten gewonnen." Ach, so ist das.

Jetzt werden, enorm kurzweilig und amüsant, ein paar Themen durchgesprochen (Politikverachtung und das Phänomen, dass der aufgeklärte Bürger heutzutage fast die Pflicht hat, wenigstens einen Politiker zu mögen: Bei ihm sind das, durch alle Parteien, die Querköpfe der Politik, Jürgen Trittin, Christian Lindner und immer, allen voran, der alte SPD-Kanzler Gerhard Schröder).

Sein nicht immer angenehmes Kokettieren mit seiner Dortmunder Arbeiterherkunft. Von welchen Verhältnissen spricht er da konkret? Sein Vater war Elektriker, die Mutter Friseurin. Gut, das sind sie wohl, die einfachen Verhältnisse. Thadeusz zitiert den Proletarier-Humor seines Vaters, der nicht immer lustig, aber eben beinhart und auf den Punkt gewesen sei. Hat der Unterhalter Thadeusz ein Geistesvorbild aus den, keine Ahnung, zwanziger Jahren, Siegfried Kracauer oder so jemanden? Den kennt er nicht mal. Thomas Gottschalk habe er mal vor 4.000 Handwerkern in Hof bei einer Wetten, dass..?- Probe gesehen: Seitdem sei Gottschalk für ihn Kaiser und Gott in einer Person.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Thadeusz hat das Gegeninterviewen gut drauf, anstatt Antworten zu geben, stellt er jetzt die Fragen. Ironie, Häme und die scheinbare Allwissenheit von Journalisten, die gehen ihm auf die Nerven. In welche ARD-Moderatorin ist er, neben seiner seit 25 Jahren andauernden Beziehung, gerade besonders verliebt, eher in Anne Will oder doch in Caren Miosga? Die komplett unironische Antwort: "Ich bin in beide, wie beide wissen, seit Jahren treu verliebt, und es bleibt in beiden Fällen unerwidert." Groß.

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