Der Mann sieht, muss man sagen, zum Fürchten aus. Funkelnde Augen, langer, wilder Bart, an den Schläfen rasiert, Trainingshose, Nike-Windjacke. Ganovenstyle. Sieht schon so aus wie die Typen, die er spielt.

Den meisten Leuten ist Kida Ramadan vergangenes Jahr das erste Mal aufgefallen, als böser Dealer im Berliner Tatort. Gerade hat er den Gangsterfilm Nur Gott kann mich richten abgedreht, mit Moritz Bleibtreu, Edin Hasanovic und Birgit Minichmayr. Und wenn in ein paar Monaten die neue TNT-Serie 4 Blocks startet, in der er das Oberhaupt eines kriminellen libanesischen Clans in Berlin-Neukölln gibt, eine Art deutschen Tony Soprano, wird Kida Ramadan wahrscheinlich ein Star.

"Champions League, Dicker", sagt Ramadan. Mittagessen am Paul-Lincke-Ufer, ein Tisch draußen, wo man ungestört rauchen kann. Letzte Sonne glitzert an diesem klaren Herbsttag im Berliner Landwehrkanal, alle Bäume golden und das Leben irgendwie auch.

Ramadan ist ein Kreuzberger Junge, ein Schulabbrecher mit, wie heißt das noch, Migrationshintergrund, kurdisch-libanesisch, um genau zu sein. Er kennt das Milieu, um das es in 4 Blocks geht, nicht nur aus Filmen. Ein bisschen ist die Frage deswegen doch schon: Wieso ist er Schauspieler geworden, spielt die Gangster nur, und andere aus seiner Gegend sitzen in echt im Knast? Antwort: dumme Frage, sinnlos. "Wieso bist du Journalist geworden?", fragt Ramadan. Jeder ist, wie er ist. Alles kommt, wie es kommt. Kann man nicht planen. "Warum willst du an morgen denken?", fragt er, den Mund voller Brot und Pfeffersauce, Krümel regnen mit den Worten auf Bart, Tisch, Gegenüber. "Die Welt ist im Arsch. Aber jetzt sitzen wir hier und essen Steak. Das reicht doch. Ad hoc leben, Dicker. Die Leute sagen immer, oh, was willst du in drei Wochen machen, hast du eine Lebensversicherung, hast du dies, hast du das." Kida Khodr Ramadan, 40, Schauspieler, Ehemann und Vater von fünf Kindern, schüttelt den Kopf.

Er denke wirklich nicht an morgen, sagt er, er sei, so drückt er das aus, ein extrem gemütlicher Typ. Hat aber trotzdem was anzuziehen, ein schönes Auto, spielt Hauptrollen. Wirkt glücklich. Woher der Segen auf diesem Leben?

"Ich komm aus einer sehr gesunden Familie", sagt Ramadan, und er sagt das so, als begreife er das gerade zum ersten Mal, vorher nicht drüber nachgedacht, war einfach selbstverständlich. Er nickt noch mal anerkennend. "Sehr gutes Elternhaus, ohne Scheiß."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Elternhaus ist um die Ecke, Forster Straße, das ist hier alles der Teil von Kreuzberg, Grenze Neukölln, in dem die Gentrifizierungsbombe so richtig explodiert, es gibt in ganz Berlin allerdings auch kaum schönere Straßen als in dieser Gegend: alte Bäume, Kopfsteinpflaster, Gründerzeit. Überall machen jetzt Cafés auf, in denen man "Flat White" bestellen kann, oder Restaurants mit handgerührtem Senf aus der Dordogne. Früher hörte man in den Straßen vorwiegend Türkisch, inzwischen mehr Englisch, Deutsch, Spanisch. Ramadans Mutter sitzt noch in der alten Wohnung auf dem alten Mietvertrag, erster Stock Vorderhaus, vier Zimmer Altbau, 140 Euro Miete. Die Hipster und Yuppies in den Nachbarhäusern zahlen das Zehnfache und sind dankbar dafür.

Ramadan geht zögerlich auf das Haus zu, fast ehrfürchtig, er redet hier leiser. Bis deutlich in seine Zwanziger hinein war das sein Zuhause. Er will nicht hoch in die Wohnung, da lebt seine Mutter, die will er in Ruhe lassen mit seinem Filmkram, und man ahnt, dass das eine Sache des Respekts ist. Vielleicht wäre es was anderes, wenn der Vater noch lebte. Mohammed Ramadan ist gestorben vor sieben Jahren, nach langem Herzleiden, das war Tag X, sagt der Sohn. Wie sehr er den Vater verehrt hat, hört man in jedem Satz über den Mann.

"Wenn ich was Künstlerisches hab, dann hab ich das von meinem Papa. Der war ein guter Mensch und so ein Entertainer. Den konntest du in einen Raum setzen mit 3.000 Menschen, und er fiel auf, weil er Style hatte, weil er gut aussah. Der war so ein richtig hübscher Mann. Grüne Augen! George Clooney ist dagegen arbeitslos, Alter, weißt du, was ich meine?"

Kidas Vater, Kidas Mutter, libanesische Kurden. Ursprünglich stammt die Familie wohl aus der Gegend um Iskenderun in der Türkei. In den Siebzigern leben die Eltern in Beirut, es muss schön gewesen sein dort damals, bunt und lebendig, am Meer. Sie kriegen Kinder, eins, zwei, drei, vier, dann, Nummer fünf ist gerade unterwegs, bricht der Bürgerkrieg aus. Die Eltern fliehen. 8. Oktober 1976, irgendwo unter Fremden, irgendwo ohne Obdach, aber noch im Libanon, kommt Kida auf die Welt: geboren auf der Flucht.