Geboren in der Formel-1-Stadt Imola, zur Uni gegangen in Bologna, dann 23 Jahre lang bei Ferrari in Maranello, und nun seit März als Chef bei Lamborghini in Sant’Agata Bolognese: Stefano Domenicali, 51, ist ein Kind aus dem "Land der Motoren". So zumindest nennt sich die norditalienische Region Emilia-Romagna. Dort hat Alfieri Maserati nach dem Krieg Rennautos und Antonio Ducati schnelle Motorräder entwickelt. Und vor allem hat hier der Traktorenhersteller Ferruccio Lamborghini im Jahr 1963 den großen Enzo Ferrari herausgefordert im Rennen darum, wer den schnellsten, stärksten und schönsten Sportwagen baut.

Es gibt viele Versionen der Geschichte, und in der Emilia-Romagna glaubt fast jeder, die wahre zu kennen. Jedenfalls war Lamborghini unzufrieden mit seinem Ferrari, doch Enzo und seine Leute wollten von den Verbesserungsvorschlägen eines Traktorkonstrukteurs nichts wissen. Also baute der erboste Kunde selbst ein Hochleistungsauto mit zwölf Zylindern, den 350 GT. Mehr Leistung als Ferrari war das Motto. Und dem Logo des cavallino rampante, des kleinen, sich aufbäumenden Pferdes, stellte er den legendären spanischen Kampfstier Murciélago entgegen. Weltweit berühmt wurde Lamborghini aber nicht mit dem eher unauffälligen Erstwagen, sondern 1966 mit einer Designikone, dem fast 300 Stundenkilometer schnellen Miura. Und in den siebziger Jahren noch einmal mit dem keilförmigen Supersportwagen Countach, dessen moderne Linien bis heute das Design bei Lamborghini mitbestimmen.

Doch als der Countach kam, wurde schon das Öl teuer auf der Welt, und im Land der Motoren brach die Krise aus. Die Firma mit ihren Spritmonstern, die auch noch notorisch schadensanfällig waren, wurde verkauft, noch mal und noch mal – bis 1998 die VW-Tochter Audi die heruntergekommene Marke übernahm. Heute sieht man, dass der Konzern noch etwas vorhat mit der alten Automanufaktur. Die Audi auf dem Mitarbeiterparkplatz, die Zufahrt, der Eingang, das Museum mit der gesamten Lamborghini-Historie – alles neu.

Oben im zweistöckigen Verwaltungsgebäude, das Ferruccio Lamborghini auf ein eigens gekauftes Feld entlang der Landstraße von Sant’Agata stellte, steht Stefano Domenicali Rede und Antwort. Der erste italienische Chef seit mehr als einem Jahrzehnt versucht den Spagat zwischen den Idealen seiner Heimat und der deutschen Effizienzkultur. "Wir sind ein super strukturiertes, super organisiertes Unternehmen – und über Audi auch Teil der Volkswagengruppe, wo jede Marke ihre Funktion hat", sagt er. "Aber im Motorsport habe ich auch eine ganz andere Kultur kennengelernt. Das Kernwort hieß Speed. Geschwindigkeit ist eine Art zu denken und zu handeln."

Sieben Jahre war Domenicali Formel-1-Teamchef – bei Ferrari. An die Erfolge der Schumacher-Ära konnte er kaum anknüpfen. Nun will er seinen einstigen Arbeitgeber auf Landstraße und Autobahn angreifen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Die Konzernstruktur gebe einem viel Raum, um Neues zu entwickeln, sagt Domenicali. Aber er sieht auch die Gefahr, dass sich seine Leute in solch einem Gebilde zu sehr absichern. Immer sei da jemand, der einem die Entscheidung abnehme. Doch der Markt für die Luxussportwagen ändere sich rasant, dazu in jedem Land anders, da müsse sein Unternehmen schnell reagieren. Keine Frage, er will der Speed-Mann sein. Bei der Formel 1, sagt er, habe man nichts verschieben können: "Sonntags um zwei war das Rennen, egal, wie bereit der Rennstall war."

Der neue Chef ist stolz auf Lamborghinis Geschichte, darauf, dass selbst im Chaos der neunziger Jahre kaum ein Ingenieur die Firma verließ und weiterhin bemerkenswerte Autos entwickelt wurden. Eine schwere Zeit sei das trotzdem gewesen, mit jährlich nur ein paar Hundert gebauten Autos, toll im Design, aber oft schon nach ein paar Hundert gefahrenen Kilometern beim Mechaniker. Heute sind es mehr als 3.000 Autos pro Jahr in zwei Modell-Baureihen, und die Qualität erfüllt Konzernansprüche. Dann rückt der Chef ein Stück nach vorn und sagt laut: "Jetzt können wir unsere Köpfe heben und wirklich zeigen, wer wir sind."

Wer ist Lamborghini? Eine Antwort darauf gibt der Blick in die Autos.

Das ältere Modell, der Aventador, ist noch Teil der alten Manufaktur-Kultur. Den in Leder gefassten Innenraum stellt Lamborghini genauso selbst her wie den Motorblock für den Zwölfzylinder und, in einem eigens entwickelten Verfahren, sogar den Kern des Autos aus Carbon. Mindestens 320.000 Euro kostet das Fahrzeug, und mit all den möglichen Extras deutlich mehr. Jünger ist der kleinere Huracán. Mit oberitalienischer Handarbeit ist es bei dem Geschoss nicht mehr weit her. Der Zehn-Zylinder-Motor kommt von Audi. Auf der modernen Produktionsstraße bauen die Arbeiter neben Zulieferteilen aus der Region vor allem diverse Konzernteile ein. Die Basis des Autos stammt genauso vom Sport-Audi R8 wie der Allradantrieb. Das ist der Preis dafür, dass ein italienischer Superrenner, alltagstauglich und deutlich über 300 Stundenkilometer schnell, für weniger als 200.000 Euro zu haben ist.