Frage: Herr Minister, Sie sind bekannt für Ihre Verkleidungen zu Fasching. Wenn Sie als Protestant gehen müssten, wer wären Sie: Margot Käßmann, Martin Luther – oder der Protestantenfreund Papst Franziskus?

Markus Söder: Wenn ich mich zwischen diesen dreien entscheiden müsste, dann läge mir Martin Luther am nächsten.

Frage: Der bekommt gerade sehr viel Presse. Ist das Reformationsjubiläum eigentlich eine staatlich geförderte Dauerwerbesendung für den Protestantismus?

Söder: Ich halte es für ganz selbstverständlich, dass der Staat das Reformationsjubiläum feiert und die evangelische Kirche dabei unterstützt. Unsere Verfassung gründet auf dem christlichen Menschenbild. Die Menschenwürde leitet sich ganz wesentlich daraus ab. Und ohne Luther wären die Kirchen in Deutschland nicht dort, wo sie heute sind, keine von ihnen. Er hat sie auf den Boden des Glaubens zurückgebracht.

Frage: Was ist die Stärke dieses Glaubens?

Söder: In unserer Zeit, in der du immer der Schnellste, Schönste und Beste sein musst, gibt dir die christliche Botschaft die Chance, dass, selbst wenn du langsam und nicht so stark bist, du genauso angenommen wirst. Das Christentum nimmt dich, wie du bist. Ich gebe allerdings zu, dass Protestanten sich manchmal schwertun mit der Frohen Botschaft. Sie zeigen selten ein fröhliches Gesicht, wenn sie über ihren Glauben sprechen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Was stört Sie noch an Ihrer Konfession?

Söder: Manch einer betont immer noch die grundsätzlichen Unterschiede zwischen katholisch und evangelisch viel zu sehr. Wir sind doch alle Christen. In vielen deutschen Städten sind Christen nicht mehr die Mehrheit. Deshalb sollten sich die Kirchen eher unterhaken, anstatt endlose Debatten gegeneinander zu führen. Die Vereinigung steht sicher auf absehbare Zeit nicht an, wäre aber spannend. Luther wollte die Kirche reformieren, nicht spalten.

Frage: Der EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, ist der Meinung, dass es dem gebeutelten Glauben guttäte, wenn es mehr protestantische Feiertage gäbe – und hat jüngst die bundesweite Einführung zweier neuer gefordert.

Söder: Darüber kann man sicher diskutieren. Aber zusätzliche Feiertage lösen nicht die Vertrauenskrise, die viele Gläubige mit der Amtskirche haben.

Frage: Die wie genau aussieht?

Söder: Viele Menschen haben tiefes Interesse an Gott, Spiritualität und Religion. Aber sie empfinden zunehmende Distanz gegenüber der Amtskirche, die ihre geistigen Bedürfnisse nicht ausreichend annimmt. Das gelingt auch durch zusätzliche Feiertage nicht. Die führen ja nicht zu mehr christlicher Besinnung, sondern nur zu mehr Freizeit.

Frage: Insofern wäre die protestantische Kirche hier nur so eine Art Arbeitnehmervertreter?

Söder: Genau. Die Kirchen sind nicht die Gewerkschaften des Himmels. Es wäre für die Kirchen besser, sie würden sich stärker auf den Glauben konzentrieren und weniger Politik machen.

Frage: Dann ist die starke Einmischung der Kirchen in die Flüchtlingspolitik eine Kompetenzüberschreitung?

Söder: Natürlich dürfen und müssen Kirchen mahnen. Sie sollten aber keine Ersatzpolitiker sein und keine Ersatzpartei.

Frage: Wie weit darf ein solches Mahnen denn gehen?

Söder: Mahnen ja – bannen nein. Einem anderen das Christsein abzusprechen, nur weil der eine unterschiedliche Position zur Amtskirche hat, das wäre schade.