Frage: Sollten die Kirchen auf konkrete politische Vorschläge – wie beispielsweise das Ablehnen einer Obergrenze bei Flüchtlingen – gleich ganz verzichten?

Söder: Zur DNA des Christentums gehört die Barmherzigkeit. Der Staat aber muss für nachvollziehbare Gerechtigkeit sorgen. Letztlich gilt da das Wort Jesu: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Der Staat soll sich um seine Angelegenheiten kümmern, die Kirche um ihre.

Frage: An diese Teilung hält sich die Politik doch selbst nicht. Stattdessen leiht sie sich sogar das Spitzenpersonal von den Religionen aus: Auffallend viele evangelische Würdenträger, darunter Margot Käßmann und Wolfgang Huber, sind für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen worden.

Söder: Da sehe ich keinen Widerspruch.

Frage: Hat die Politik es mittlerweile nötig, sich ihre moralischen Instanzen aus der Religion auszuborgen, weil sie wegen parteipolitischer Taktierereien keinen Spitzenpolitiker mehr nominieren will?

Söder: Nein.

Frage: Ist nur blöd, dass diese ganzen Christen von der SPD vorgeschlagen worden sind, oder?

Söder: Sigmar Gabriel hat meines Wissens nach Frank-Walter Steinmeier vorgeschlagen und keinen Landesbischof. Ob er damit der Person und dem Amt genützt hat, bleibt abzuwarten.

Frage: Hat er beiden geschadet?

Söder: Diese frühzeitigen Namensnennungen nützen den Personen nicht, sie schaden eher. Kandidaten für das Bundespräsidentenamt diskutiert man zunächst hinter verschlossenen Türen, das gehört sich so.

Frage: Haben Sie selbst einen Favoriten? Wolfgang Schäuble ist auch evangelisch …

Söder: Das Bundespräsidentenamt erfordert Würde und Reife. Ich möchte diese Würde respektieren und äußere mich deshalb nicht zu Namen. Da ist die Messe noch lange nicht gesungen.

Frage: Welches wird der nächste Protestant sein, den die SPD vorschlägt?

Söder: Hat sie ja schon. Frank-Walter Steinmeier.

Frage: Wie kommt es denn, dass ausgerechnet so viele Protestanten in der Diskussion für das Amt sind – was bringen sie mit?

Söder: Da gibt es doch keinen Unterschied, ob jemand katholisch oder evangelisch ist. Das Entscheidende ist, dass man Christ ist.

Frage: Ein deutscher Bundespräsident muss Christ sein?

Söder: Das Grundgesetz schreibt natürlich nicht vor, welche Religion der Präsident und ob er überhaupt eine haben sollte. Ein Bundespräsident muss sich aber zur Verfassung bekennen. Und die Verfassung selber basiert auf dem christlichen Menschenbild. Jeder, der sich auf die Verfassung beruft, beruft sich auf diese Grundlage.

Frage: Wäre ein Muslim akzeptabel?

Söder: Ich glaube nicht, dass wir in der Bundesversammlung vor so eine Wahl gestellt werden.

Frage: Wäre er denn?

Söder: Da müsste man sich die Person jeweils anschauen, die zur Auswahl steht.

Frage: Navid Kermani? Er ist auch eine Art moralisches Gewissen der Republik.

Söder: Ich möchte hier nicht über jemanden urteilen, der gar nicht zur Wahl steht. Solche feuilletonistischen Gedankenspiele sind weder dem Amt des Staatsoberhauptes noch einem vielfach ausgezeichneten Schriftsteller gegenüber angemessen.

Frage: Aber einen Christen hätten Sie schon lieber?

Söder: Engagierte Christen haben der Republik noch nie geschadet.