Woher die Angst? Was macht die Bilder so gefährlich, dass sie weggesperrt werden, verbannt in die tiefsten Verliese der Museen? Offenbar sind es schwer toxische Substanzen: Ein Blick auf diese Kunst, und die Gegenwart wäre braun vergiftet.

Um diesen Mythos zu entzaubern, sind in jüngster Zeit gleich mehrere jüngere Kuratoren in die Depots gestiegen und holten das, was als "Unkunst" der Nazis geschmäht war, ins helle Licht der Schausäle. Doch wurden ihre Ausstellungen von der Kritik stets knurrend aufgenommen. Und auch dem Museum unter Tage in Bochum, das nun die Eigenheiten der NS-Kunst erkundet, warf man prompt vor, es habe die zersetzende Kraft der Bilder unterschätzt. Das Böse müsse eingehegt und wegerklärt werden, gerade jetzt, da wieder ein dunkler Nationalismus um sich greife.

Die Kuratoren in Bochum, Alexander und Silke von Berswordt-Wallrabe, scheinen die Sorge sehr wohl zu teilen. Als müssten sie sich vor falschen Freunden schützen, ziehen sie die Besucher gleich zu Beginn hinein ins Grauen: eine Grube tut sich auf, mit Leichen angefüllt. Es ist ein Massengrab im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Worüber soll man sich da mehr entsetzen? Über die fotografierte Barberei oder die barsche Art, wie hier der Holocaust für didaktische Unterweisungen der Besucher herhalten muss? Zusätzlich gibt es erklärende Wandtexte, und eigens ist jedem der rund 20 Werke noch eine Art Warnhinweis beigegeben: Artig steht da, in Fraktur geschrieben. Damit auch wirklich jeder versteht, dass es sich hier um staatsfromme, irgendwie schuldbeladene und also verachtenswerte Machwerke handelt.

Mit seiner Kampagne gegen alle Künstler, die einer expressiven, abstrakten, irgendwie verfremdeten Ästhetik anhingen, hatte Adolf Hitler das Publikum erziehen und bevormunden wollen. Unter umgekehrten Vorzeichen tendiert die aktuelle Ausstellung ebenfalls zur Bevormundung, nicht auf gewaltsame oder totalitäre Weise, doch unübersehbar getragen von wohlmeinender Behütungsabsicht. Erst damit aber, das ist die ungewollte Nebenfolge, setzt sie jene Kunst unter Spannung, die ansonsten furchtbar spannungsarm wäre.

Längst hat die kunsthistorische Forschung herausgestellt, dass nur wenige Künstler der NS-Zeit auf einer agitatorischen Mission waren. Anders als im Sozialismus gab es keine Stil- und Formdiktate, keine detaillierten Manifeste, die zu erfüllen gewesen wären. Offenbar glaubte Hitler nicht an die bewusstseinserschütternde Macht der Bilder – anders als manche Kuratoren von heute.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Wenn es im Nationalsozialismus überhaupt ein künstlerisches Programm gab, dann war es Biedersinn, und der ist nun in Bochum in aller Vielfalt zu besichtigen. Die goldüberglänzte Berglandschaft, das traute Familienglück, dazu Erntehelferinnen, die nicht müde vom Feld zurückkehren, sondern resch und überglücklich. Viele Nackte gibt es auch, proper und mythologisch aufgepumpt. Nicht ohne Grund beklagt der Kurator Berswordt-Wallrabe im Katalog die "vordergründige Hohlheit und Plattheit, nichts als Künstlichkeit und leeres Pathos". Wenn aber diese Kunst "unsäglich bedeutungslos" ist, warum muss er vor ihr warnen? Weshalb braucht es – als Gegenwehr – eine Armada von Bildern, die von den Nazis einst als "entartet" ausgesondert wurden und nun in Bochum die anderen, die offiziell gelittenen Werke eskortieren?

Hier die Guten, dort die Bösen, diesem binären Schema folgt die Ausstellung, und leider vergibt sie so die Gelegenheit, endlich einmal die Halbschatten und Unschärfen der NS-Kunstpolitik zu beleuchten. In den ersten Jahren des Regimes bewarben sich bekanntlich auch manche "der Guten" für die Rolle "der Bösen", allen voran Emil Nolde, der unter anderem von Joseph Goebbels derart geschätzt wurde, dass in seiner Dienstwohnung anfangs einige Aquarelle des norddeutschen Malers hingen. Der brodelnde Expressionismus schien zunächst eine Alternative zu sein zur apollinisch-ewigen Idylle, die später zum Ideal erkoren wurde.

Doch selbst geächtete Künstler wie Hans Gött erhielten mitunter Staatsaufträge, und gelegentlich kaufte Hitler sogar surreal-verwunschene Motive wie die des Malers Edmund Steppes. Nun würde deshalb niemand behaupten, das Regime sei liberal und die Kunst frei gewesen. Alles Kritische, auch die Kunstkritik, wurde unterdrückt. Gleichwohl mussten die wenigsten Künstler zu staatlichen Ausstellungen erst gezwungen werden. Ihre pflügenden Bauern oder stolzen Seestücke, den gemalten Schmelz und die dunkle Emphase gab es auch im 19. Jahrhundert schon. Diese Malerei wurde von Hitler nicht erfunden. Er musste sie nur befördern.

Damit jedoch wird es vollends rätselhaft, warum die Kunst der NS-Zeit dämonisiert oder entzaubert werden muss. Sie speist sich aus einer Tradition, die man akademisch oder auch konservativ nennen kann und die als solche zum Unter- und Gegenstrom der Moderne gehört. Warum er ausgeblendet wird? Weshalb in den Museen nur Fortschrittsgeschichten erzählt werden?

Wer die NS-Kunst ausstellt, kommt nicht umhin, nach ihrer Vorgeschichte zu fragen. Und das wiederum würde bedeuten, den üblichen Kanon der Kunst zu weiten und mehr in den Blick zu nehmen als die übliche Avantgarde. Ob das sinnvoll ist? Oder nur öde? Erfahren wird man es erst, wenn die NS-Kunst nicht länger ängstlich umschlichen, sondern offen befragt werden wird.

Die Ausstellung "Artige Kunst" im Museum Unter Tage in Bochum läuft bis zum 9. April 2017

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