Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein Fluss führt zu gewissen Zeiten Hochwasser, was sich immer nach starken Regenfällen beobachten lässt. Der Regen ist also, so würde man dem gesunden Menschenverstand nach annehmen, eine wichtige Ursache für das Hochwasser. Doch Wissenschaftler behaupten, das Hochwasser werde durch zufällige Schocks verursacht, durch plötzlich auftretende Sonnenflecken etwa oder Meteoriteneinschläge. Ein Modell, welches mit diesen Annahmen arbeite, liefere eine gute Beschreibung der Realität, während der Regen vernachlässigt werden könne.

Dieses Szenario erscheint absurd, lässt sich aber ähnlich in der Ökonomie beobachten. Ersetzen wir das Wasser des Flusses durch das Bruttoinlandsprodukt, die Regenfälle durch geldpolitische Änderungen und nehmen an, dass es sich bei den Wissenschaftlern um Ökonomen handelt, dann haben wir eine ziemlich treffende Beschreibung des Zustandes der heutigen Makroökonomie. Dort dominieren wirklichkeitsfremde, "postreale Modelle" – darauf wies der neue Weltbank-Chefökonom Paul Romer vor Kurzem eindrücklich in seinem Aufsatz The Trouble with Macroeconomics hin.

Paul Romers massive Kritik trifft den Nagel auf den Kopf. Die heute von Makroökonomen verwendeten dynamisch-stochastischen allgemeinen Gleichgewichtsmodelle (sogenannte DSGE-Modelle) sind zwar mathematisch hochkomplex, aber realitätsfern. Also müssen Konjunkturschwankungen mit Schocks erklärt werden, deren Ursachen im Dunkeln bleiben. Romer karikiert diese Tatsache, indem er von Gremlins oder Trollen spricht, die auf geheimnisvolle Weise solche Schocks verursachen. Welche Ursachen die Schwankungen hervorrufen, ist letztlich egal. Wichtig ist nur, dass sie zufällig erfolgen und damit nicht vorhersehbar sind.

Gemäß Romer degenerierte die Makroökonomie vor allem in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als mittlerweile mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonomen wie Robert Lucas, Thomas Sargent oder Ed Prescott der bis dahin keynesianisch dominierten Makroökonomie mithilfe der Annahme von rationalen Erwartungen und sogenannten Real-Business-Cycle-Modellen die Realität auszutreiben begannen.

Damit soll nicht gesagt werden, dass die keynesianischen Modelle der Weisheit letzter Schluss waren. Kritik an ihnen war berechtigt. Aber sie hatten einen Vorteil: Geld und Geldpolitik spielten in ihnen analog zur Realität eine wichtige Rolle. Es gab noch nicht den fatalen Zwang zur Mikrofundierung aller makroökonomischen Modelle, der letztlich für die Misere heute verantwortlich ist. Mikrofundierung bedeutet, dass sich sämtliche makroökonomischen Veränderungen mit Optimierungskalkülen von Haushalten und Unternehmen in einem Gleichgewichtsmodell erklären lassen müssen. Das klappt nur in Modellen, in denen Geld keine Rolle spielt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Die Idee eines allgemeinen Gleichgewichts bildet das Herzstück der modernen ökonomischen Theorie und geht vor allem auf den Ende des 19. Jahrhunderts in Lausanne wirkenden französischen Ökonomen Léon Walras zurück. Dieser wollte gemäß seinen eigenen Worten zeigen, dass eine freie Marktwirtschaft stets zum bestmöglichen Ergebnis führt und allen anderen Wirtschaftsformen überlegen ist. Diesen Beweis wollte er mathematisch erbringen, wobei er sich die Physik zum Vorbild nahm. "Die mathematische Ökonomie", schrieb Walras, "wird dadurch den Status der mathematischen Wissenschaften Astronomie und Mechanik erreichen. Und an diesem Tag wird unsere Arbeit gebührend gewürdigt werden." Nach jahrelanger Arbeit präsentierte er 1874 sein mathematisch formuliertes Modell einer Tauschwirtschaft, das den Beweis für die stetige Überlegenheit der freien Marktwirtschaft erbrachte. Nur leider hatte sein Modell mit einer real existierenden Wirtschaft praktisch keine Gemeinsamkeit mehr. Exakte Beweise lassen sich in Sozialwissenschaften eben nur erbringen, wenn man die Realität vorher wegdefiniert und stattdessen eine hypothetische Idealwelt konstruiert.