Als Agnes Ting in ihrem Einzimmerapartment in Manila aufwacht, hat sie sechs Stunden geschlafen. Das ist lang, sehr lang für sie. Die Kinder sind bei ihren Eltern. Draußen ist es still, nur wenig Verkehrslärm dringt durch das offene Fenster. In zwei Stunden fängt Tings Schicht bei Barnes & Noble an, dem größten Buchhändler der USA. In New York wird es dann 14 Uhr sein, Mittagszeit. Hier in Manila wird es dagegen schon drei Uhr morgens sein, und Ting wird mit 1.800 anderen Beschäftigten im Teletech-Callcenter am Stadtrand vor einem Computerbildschirm sitzen. Sie macht sich erst einmal einen Kaffee, duscht und schaut kurz in ihren Facebook-Account. Dann geht sie los.

In Novaliches, direkt neben der Robinsons-Shoppingmall in einem Außenbezirk der philippinischen Hauptstadt, liegt ein kleines Stück Amerika. Hier gibt es Donuts und Cola, eine Kantine, ein Fitnessstudio. Reihe um Reihe stehen Computer in riesigen Hallen. In Sälen voller Doppelstockbetten können die Angestellten schlafen, wenn sie zwischen ihren Schichten nicht nach Hause fahren wollen. Viele tun das, weil sie oft drei Stunden im Stau stehen, bevor sie die Innenstadt erreichen. Also führen die meisten Menschen, die in diesen Hallen arbeiten, Beziehungen mit anderen Callcenter-Angestellten, und nicht wenige Kinder wurden auf den schwarzen, abwaschbaren Matratzen gezeugt. Es ist eine kleine, autarke Welt, ein an amerikanische Zeitzonen angepasster Mikrokosmos mitten auf den Philippinen. Während Präsident Rodrigo Duterte das Land mit einem blutigen Krieg gegen Drogenkonsumenten und Dealer überzieht, helfen die Beschäftigten des Callcenters den Bürgern aus den Vereinigten Staaten dabei, ihre Passwörter neu einzurichten.

Ting läuft durch die Tischreihen. Zehn Stunden liegen vor ihr, in denen sie Menschen bei Problemen mit ihren E-Books helfen wird. Müde Gestalten sitzen in Decken gewickelt vor grellen Bildschirmen. Sie läuft vorbei an der offenen Controlling Station, wo die Mitarbeiter überwacht werden. Wenn jemand zu lange mit den Kunden spricht, zu lange schläft, raucht oder Pause macht, wird er hier "markiert", wie es der verantwortliche Manager Arthur Nowack ausdrückt. Zeit ist Geld. Ting setzt sich an ihren Platz und setzt die Kopfhörer mit den rosafarbenen, gehäkelten Hüllen auf.

Ein weicher, verzeihender Klang schwingt durch die Hallen. In freundlichem amerikanischem Englisch wird hier Menschen auf der anderen Seite des Pazifiks geholfen. Der amerikanische Mobilfunkriese Verizon, der Computerzubehör-Hersteller Logitech, die Yellow Pages und verschiedene australische und neuseeländische Firmen lassen hier ihre Kunden betreuen. Toshiba lässt von hier aus Geräte verkaufen, und für Logitech werden mittlerweile sogar Leute mit Deutschkenntnissen gesucht.

In den vergangenen zehn Jahren hat eine stille Revolution die Callcenter-Industrie neu geordnet: Die Philippinen, eine frühere amerikanische Kolonie, haben die Weltmarktführung übernommen, sie haben Indien als Hauptstandort englischsprachiger Callcenter überholt. Auf den Philippinen sprechen die Menschen besseres Englisch und haben eine engere Verbindung zur amerikanischen Kultur. Viele Amerikaner haben Probleme, englisch sprechende Inder zu verstehen. Agnes Ting aber isst Fast Food, schaut amerikanische Serien, ihre Freunde verfolgen die Basketballspiele der NBA. Englisch wird auf den Philippinen gesprochen, seit die Vereinigten Staaten vor mehr als 100 Jahren die Spanier als Kolonialmacht ablösten. Als im Jahr 1946 die Unabhängigkeit kam, war Englisch so gut etabliert, dass es neben Filipino Amtssprache blieb. Hinzu kommt der hohe Bildungsstandard der Bevölkerung. Acht von zehn Angestellten im Callcenter in Novaliches haben einen Universitätsabschluss.

Selten wurde ein Land so von einer einzigen Industrie verändert. Die ersten "Business Process Outsourcing"-Jobs entstanden in den neunziger Jahren. Dienstleistungen also, die nicht mehr in den USA, sondern von billigeren Arbeitskräften in Asien erledigt wurden (siehe Kasten). Heute sorgt die globale Verbreitung einer amerikanischen Massenkultur in Verbindung mit einer ebenso globalen digitalen Vernetzung dafür, dass sich eine gesamte Volkswirtschaft erholt. Aus den ineffizienten und zurückgebliebenen Philippinen wurde eine schnell und konstant wachsende Ökonomie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

Ting ist heute 26. Ihr Studium der Kommunikationswissenschaften in Manila hat sie abgebrochen, als sie zwei Kinder bekam. Sie brauchte Geld, suchte einen Job und fand ihn in einem Callcenter. Umgerechnet etwa 600 Dollar monatlich kann sie mit Prämien hier verdienen, das ist guter Durchschnitt. Üblich sind in den Callcentern von Teletech Gehälter zwischen 250 und 700 Dollar. Mit dem Geld unterstützt Ting ihre beiden Brüder, die noch studieren. Der Vater will es so. Und alles sieht eigentlich ganz gut aus, für die Familie und die Wirtschaft des Landes.

Doch auch das wird sich bald ändern. Die Digitalisierung, die zum Aufstieg der Callcenter führt, verändert sie nun. Einfache Jobs am Telefon fallen weg, weil Maschinen sie billiger erledigen.