Lieber Sebastian,

Man mag sich über diese vertrauliche Anrede wundern. Ich kann mich noch erinnern, wie wir in den Duz-Modus verfallen sind: Wir standen damals in einer Gruppe mit anderen Journalistenkollegen, du hast alle geduzt – mich hast du gleich mitgeduzt. Das war mir insofern recht, als es mir schwerfällt, deutlich jüngere Leute mit Sie anzusprechen. Es schien mir auch nicht gegen die journalistischen Sitten zu verstoßen, da ich in meiner recht langen Verweildauer in dieser Branche mit der Sie-Anrede nie auch die Kritikbereitschaft aufgegeben habe.

Wie du gleich merken wirst.

Du warst noch nicht ganz 25 Jahre alt, als dich Michael Spindelegger im Sommer 2011 zum Integrationsstaatssekretär machte. "Ich mache meinen Staatssekretär bei Humboldt", spottete die Facebook-Blase.

Ich hielt diese Häme für ungehörig. Natürlich hatte auch ich die Aktionen deiner Jungen ÖVP im Wiener Wahlkampf belächelt, als du mit einem Geil-o-mobil durch die Stadt gekurvt bist und Parteimädchen schwarze Kondome unters Volk warfen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wenige Wochen nach deinem Amtsantritt verabredeten wir uns am Hannovermarkt in der Brigittenau, einem Wiener Multikulti-Grätzel. Einige Standler haben dich erkannt und dir Tee angeboten. Viele Türken würden dich "Herr Kürz" nennen, hast du mir zugeraunt und bist erschrocken, weil du meintest, ich könnte das als ungehörig empfinden. Ich fand deine Reaktion sympathisch.

Du umgabst dich mit erfolgreichen Vorzeige-Zuwanderern, brachtest einen zivilisierteren Ton in die Ausländerdebatte und warst bei öffentlichen Auftritten proper wie ein Schwiegersohn aus dem Katalog. Einige sinnvolle Vorschläge, etwa jener nach eigenen Deutschklassen für Zuwandererkinder, zerschellten am Koalitionspartner: Die SPÖ hielt das für diskriminierend.

Als du im Spätherbst 2013 das Außenministerium übernahmst, warst du bereits der zweitbeliebteste Politiker Österreichs hinter Heinz Fischer. An einem solchen Talent könne die ÖVP nicht vorbeigehen, raunte man, obwohl doch gerade erst Reinhold Mitterlehner das Ruder übernommen hatte.

Du machst dich gut im Kreis deiner weit älteren Amtskollegen. Interessiert hörst du ihnen zu, wenn sie dir etwas erzählen (Zuhören ist eine deiner Stärken). Noch heute näherst du dich den Größen der Weltpolitik mit leicht hochgezogenen Schultern, als wollest du dich vor ihnen kleinmachen. Journalisten, die Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl und dich auf einer Indienreise begleitet haben, berichteten danach beeindruckt, du hättest sie am Flughafen eigenhändig mit Getränken versorgt.

In den nun häufiger angefragten Interviews konnte man dich kaum je auf das Glatteis führen.

Politisch ergaben deine Aussagen Sinn: Nach dem Anschlag auf das Magazin Charlie Hebdo warntest du davor, alle Muslime pauschal als Dschihadisten zu sehen. Nach deinem Besuch beim tschechischen Außenminister wurde in einer gemeinsamen Erklärung beklagt, dass nicht alle EU-Staaten das sich abzeichnende Flüchtlingsproblem ernst nehmen. Materielle Hilfe vor Ort sei das beste Mittel, um Wanderungsbewegungen zu verhindern, meintest du.

Als die Flüchtlingswelle ab August 2015 über Mitteleuropa schwappte, geschah Denkwürdiges: Wie 1956 während der Ungarnkrise eilten jetzt Tausende zu den Bahnhöfen, diesmal, um Syrer und Iraker mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Flüchtlinge waren seit Wochen unterwegs gewesen, viele Kinder waren krank. Kirchen, Jugendorganisationen, Caritas, Volkshilfe, Diakonie und Scharen von hilfsbereiten Privatpersonen leisteten das, was der Staat in diesem Moment nicht leistete.

Der Bundespräsident kam, um den Helfern zu danken, der heutige Bundeskanzler organisierte als ÖBB-Generaldirektor die eingeschobenen Sonderzüge vor Ort.

Dich hat man auf keinem Bahnhof gesehen. Auch an einen Besuch von dir im Flüchtlingslager Traiskirchen erinnert sich niemand.

Das ist insofern verwunderlich, als doch gerade Jüngere meist mehr Empathie zeigen als vom Leben Abgestumpfte. Und du bist schließlich noch immer Obmann der schwarzen Parteijugend. Gegen das Grauen auf den Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und den Erstickungstod in einem Kastenwagen von Schleppern hattest du stets ein Rezept: Die Leute sollen halt bleiben, wo sie sind. Humanitätsduselei kann dir niemand vorwerfen.

Um die Balkanroute zu schließen, hast du Vertreter aus den Anrainerstaaten nach Wien geladen und vorsorglich Griechenland und Deutschland vergessen. Warnungen, auf den griechischen Inseln drohe das Chaos, irritierten dich nicht. "Es wird ohne hässliche Bilder nicht gehen", meintest du in einem Interview. Prinz Eisenherz lautete der Titel eines Artikels in profil über dich.