Noch vor dem Sommer hast du dann Australien als Beispiel für gelungene Flüchtlingspolitik genannt. Da war längst bekannt, dass auf den entlegenen Pazifikinseln, auf die Australien Tausende Aufgegriffene pfercht, katastrophale Zustände herrschen.

Die Pläne gingen dir nicht aus: Kürzung der Mindestsicherung für Asylberechtigte, weniger Sozialleistungen für in Österreich arbeitende EU-Bürger, Verbringung von auf offener See aufgegriffenen Flüchtlingen auf nicht näher genannte Mittelmeerinseln, Burkaverbot, verpflichtende Ein-Euro-Jobs, sofortiger Beschluss einer "Notverordnung". "Die Flüchtlingsideen von Kurz gehen mir zu weit", entfuhr es da sogar dem blauen Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Das mit den Inseln gehe gar nicht.

Gibt dir das nicht zu denken? Und wo ist in Österreich "Not" ausgebrochen?

Zuletzt hast du Verständnis für jene EU-Staaten gezeigt, die sich standhaft weigern, das ihnen zugedachte Flüchtlingskontingent aufzunehmen, das du mitbeschlossen hast: Man dürfe nicht den Eindruck erwecken, "diesen Staaten moralisch überlegen" sein zu wollen. Und als Viktor Orbáns international geächtete Anti-Ausländer-Volksabstimmung an zu geringer Wahlbeteiligung scheiterte, hast du sie ihm schöngeredet: Es hätten immerhin mehr Ungarn gegen Flüchtlinge als seinerzeit für den EU-Beitritt gestimmt.

Inzwischen beteiligst auch du dich am Merkel-Bashing. Die deutsche Kanzlerin habe mit ihrem "Wir schaffen das"-Ausspruch vom 31. August 2015 das Schlamassel erst herbeigeredet, heißt es landläufig. Wie fragwürdig diese Argumentation ist, hat ZEIT ONLINE vor vier Wochen nach intensiver Recherche demonstriert: Als Merkel den heiß diskutierten Satz sprach, bewegten sich die Flüchtlingstrecks längst Richtung Mitteleuropa – von Merkel hörten sie bestenfalls unterwegs.

Sie hatten die Lager in der Türkei und im Libanon verlassen, weil die Lage dort unerträglich wurde, was nicht zuletzt auf die Kürzung der Hilfszahlungen der reichen Staaten zurückzuführen war. Bis Ende November 2015 hatte Österreich lächerliche 420.000 Euro an das UN World Food Programme für die Verpflegung der fünf Millionen in die Nachbarstaaten geflüchteten Syrer überwiesen. Insgesamt belief sich Österreichs Beitrag zu diesem Programm im Vorjahr schließlich auf 5,4 Millionen Euro, dazu kommen 3,8 Millionen für das UNHCR, insgesamt also 9,2 Millionen. Nur zum Vergleich: Öffentliche Stellen inserierten im Vorjahr um rund 25 Millionen Euro allein in der Kronen Zeitung. Schweden half 2015 mit 109 Millionen, Deutschland mit 290 Millionen.

So viel zur "Hilfe vor Ort", die du propagiert hast.

Der frühere tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg, den man nicht als linken "Gutmenschen" abtun kann, meinte in einem Interview mit der Presse: "Wenn man Parteiobmann werden will, verfällt man gern dem Populismus." Ich ergänze: Du willst Kanzler werden. Und zwar mithilfe der FPÖ und das rasch – du drängst auf Neuwahlen.

Ach, du eiliger Sebastian, dazu musst du mit deiner Partei bei den nächsten Wahlen zumindest die Freiheitlichen überholen, weil die den Fehler von Jörg Haider, dem Wahlverlierer das Kanzleramt zu überlassen, nicht wiederholen werden. Die FPÖ liegt in den Umfragen derzeit 17 Prozentpunkte vor der ÖVP, du musst also auch im FPÖ-affinen Publikum Stimmen holen.

Voilà!

Freilich ist dir klar, dass selbst diese Stimmen vom rechten Rand nicht genügen könnten, also hast du versucht, die Neos zu inhalieren, was die klarerweise als bitteren Scherz verstanden.

Für 2017 hast du in einem Interview jedenfalls schon eine Latte gelegt: 20.000 Flüchtlinge seien eine "gerade noch schaffbare Zahl". Das ist ein Flüchtling pro 400 Einwohner. Oder eine Familie in einer kleinen Stadt.

Auch eine andere Latte wäre interessant: Bei unserem Gespräch am Hannovermarkt hast du 2011 deine maximale Verweildauer in der Politik mit zehn Jahren angegeben. Gibt es neue Schätzungen?

Alles Gute!

Herbert