Vor ein paar Monaten bin ich umgezogen. Als wir in Hamburg angekommen waren und die drei Umzugshelfer vor Hunger das Klavier nicht mehr heben konnten, habe ich mich sofort in die Küche gestellt und etwas Gutes gekocht – kleiner Scherz: Nein, ich habe Pizza bestellt. Bei einem Pizzabäcker um die Ecke, im Internet rausgesucht. Die Pizza schmeckte bombastisch, wir haben sie zwischen halb ausgepackten Kisten und halb zusammengebauten Schränken gegessen und dazu Cola getrunken, ebenfalls geliefert. Später habe ich noch ein paarmal dort bestellt. Bis ich merkte, dass es beim ersten Mal nur so gut geschmeckt hatte, weil wir durch die Schlepperei ausgehungert gewesen waren.

Heute bestellen wir, meine Familie und ich, nicht mehr dort. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir ein schlechtes Gewissen hätten, wie es uns Julia Friedrichs hier nahegelegt hat. Sie stellte in ihrem Artikel die "neue anonyme Dienstbotenklasse" vor, das sind im Internet gebuchte Putzhelfer, Lieferanten, Babysitter, Essensboten, die Arbeit für die Mittelschicht erledigen. Auch Friedrichs beschäftigt sie; und sie sagt, sie schäme sich dafür. Ich schäme mich nicht. Ich bestelle weiter, und zwar dort, wo die Pizza besser schmeckt.

Ich habe mich, wenn der Bote klingelte, noch nie geschämt. Nie habe ich gedacht, ich sollte das Essen besser selbst mit dem Auto holen, um dem Boten die Arbeit zu ersparen. Ich schäme mich auch nicht, wenn der Paketzusteller mir Bücher bringt, die ich selbst in der Stadt hätte kaufen können. Und wenn bei den Nachbarn die Putzfrau klingelt, frage ich mich keineswegs: Können die nicht selbst ihr Klo putzen? Ich denke eher: Das brauche ich auch.

Es gibt auch wenig Grund für Scham. Denn während die einen darüber lamentieren, dass sie schlecht bezahlte Arbeitsplätze schaffen, sind die anderen häufig froh, dass sie einen Job gefunden haben. Unser DHL-Paketbote in der alten Stadt sprach fast kein Deutsch. Dafür war er so strahlend freundlich, wie es ohne Worte ging, und er war so fix, dass er innerhalb weniger Wochen genau wusste, wer wann wo zu Hause war. Zu uns kam er oft abends. Und wenn er ahnte, dass wir kurz vor Nikolaus dringend noch dieses Päckchen brauchten, klingelte er auch mal um 21 Uhr. Das sind lange Tage für ihn, ich weiß. Doch welche bessere Stelle hätte er finden können mit so wenig Deutsch?

Er lief übrigens wie die meisten Kuriere, Putzfrauen, Pizzaboten, die ich kenne, keinesfalls vor Scham gebeugt durch die Gegend, immer bereit, zur Seite zu springen, wenn die Herrschaften, wir Kunden, vorbeiwollten – so wie die Dienstmädchen in alten Filmen. Dienstleister sind keine Diener und erst recht keine erbarmenswerten Lakaien. Mein Paketbote und seine Kollegen schauen mir selbstbewusst in die Augen. Und das, verdammt noch mal, zu Recht. Denn wer hat eigentlich gesagt, dass sich der Wert einer Arbeit und das Selbstwertgefühl eines Menschen vor allem daran bemessen, wie viel er verdient? Sollen Hausfrauen vor Elend im Boden versinken, weil niemand sie bezahlt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

So wie der Journalist stolz ist auf den Artikel, den er für seine Kunden geschrieben hat, und der Kfz-Mechaniker darauf, dass er aufgespürt hat, wieso das Auto immer so schlecht anspringt – so freut sich die Putzfrau, wenn sie eine Wohnung poliert hat (viel schneller, als wir es können), und der Babysitter, wenn er zwei rotzfreche Kinder ganz ohne Gejammer ins Bett bekommen hat (netter, als wir Eltern es oft schaffen). Es ist ihre Arbeit, und sie sind Profis. Kein Grund, sich zu schämen.

Das gilt für beide Seiten: die Bedienenden und die Bedienten. Es ist gut gemeint, wenn man sich so um die neue Dienstbotenklasse grämt, dass man sie nicht mehr beschäftigt. Aber es ist auch bevormundend und wirklichkeitsfremd. Jahrelang haben die Deutschen um Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Familien gebangt und gefragt, ob es für viele gering qualifizierte Menschen jemals wieder eine Stelle geben werde. Denn wenig macht Menschen so unglücklich wie die Arbeitslosigkeit.

Schwarzarbeit, bei Putzfrauen nach wie vor sehr verbreitet, schafft dabei nur neue Probleme. Ohne Rechte, ohne Versicherungsschutz bleiben Menschen mit geringer Ausbildung am Rand der Gesellschaft. Jetzt auf einmal hat das Land legale Arbeit für sie. Man könnte es als kleines Beschäftigungswunder feiern, als Möglichkeit für einige, selbst den Aufstieg zu schaffen. Die Dienstboten von heute sind viel freier als die Diener von damals. Wer sagt denn, dass mein DHL-Bote nicht bei der Arbeit Deutsch lernt und dann etwas besser Bezahltes findet?