Ist es möglich, dass in Hamburg Polizisten, Staatsanwälte und Richter gemeinsam versucht haben, Unschuldige hinter Gitter zu bringen? Junge Männer, die nichts verdächtig macht außer ihrer Herkunft – sie sind Flüchtlinge – und ihrer Anwesenheit in der Nähe eines Tatorts?

Ganz so weit ist die Richterin, die vor ein paar Wochen drei Angeklagte der Silvesterübergriffe auf St. Pauli freigesprochen hat, in ihrer Kritik der Hamburger Ermittlungs- und Strafjustiz nicht gegangen. Wer in dem Prozess aber Anhaltspunkte für eine Verschwörung sehe, so die Richterin in ihrem Urteil, dem könne sie kaum widersprechen.

Bemerkenswert war das Strafverfahren zweifellos: Freigesprochen wurden, nach einem halben Jahr Haft, drei junge Männer, von denen zwei den Täterbeschreibungen des Opfers nicht einmal entfernt ähnelten. Zuvor hatte eine einzige triviale Frage die gesamte Anklage zusammenbrechen lassen: ob nämlich die Fotos der vermeintlichen Tat, auf denen das Opfer mit den angeblichen Tätern zu sehen war, überhaupt den Tatort zeigen.

Wie ist das möglich – nach monatelangen Ermittlungen durch eine Sonderkommission der Polizei, beaufsichtigt und angeleitet von einer Staatsanwaltschaft, die selten so triftige Gründe hatte, ihre Weisungs- und Leitungsbefugnis ernst zu nehmen? Drei erfahrene Richter des Oberlandesgerichts hatten den Angeklagten zwischendurch bescheinigt, der Übergriffe auf wehrlose Frauen dringend verdächtig zu sein. Wenn all diese Vorwürfe so haltlos waren, wie es im Rückblick scheint, dann geht es hier nicht nur um mögliche Fehlleistungen Einzelner. Versagt hätten weite Teile von Strafverfolgung und Justiz, bis hoch zum Polizeipräsidenten und zum Generalstaatsanwalt, die in der vergangenen Woche die Arbeitsweise ihrer Untergebenen öffentlich verteidigt haben.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

So kompliziert die Ermittlungen zu den Übergriffen in der Silvesternacht waren, so übersichtlich war am Schluss die Anklage: Sie stützte sich fast ausschließlich auf die Aussage des 18-jährigen Opfers und auf mehrere Fotos eines Partyfotografen, die eine Menschenmenge von oben zeigen. Wie gut sich die Zeugin erinnert und was auf diesen Bildern wirklich zu sehen ist: Das sind die beiden Schlüsselfragen dieses Strafverfahrens.

Gerade dieser Mangel an Beweismitteln hätte vermuten lassen, dass die Ermittler ihre beiden Erkenntnisquellen strikt trennen würden: hier die Fotos, dort die Erinnerungen der Zeugin. Diese Vermutung ist aber falsch: Schon vor ihrer ersten Vernehmung bei der Polizei ließ man die junge Frau mit den Bildern allein, wie ein Aktenvermerk der Polizei zeigt. Nach einer ersten kurzen Befragung konnte die Zeugin ein weiteres Mal die Bilder unbeobachtet betrachten. Erst danach gab sie belastende Details bekannt, an die sie sich zuvor nicht erinnert hatte.

Unter Juristen gehen die Ansichten darüber auseinander, ob dieser Umgang der Ermittler mit der Zeugin ihre Aussage komplett unbrauchbar machte oder deren Aussagekraft nur schwächte. Fest steht, dass es sich um einen schwerwiegenden Ermittlungsfehler handelt. Es wäre erstaunlich, wenn die Beamten das nicht gewusst haben sollten – in jedem Fall aber hätte die mit der Leitung der Ermittlungen betraute Staatsanwaltschaft sie darauf hinweisen müssen.

Heute, zehn Monate nach den Taten, weiß man, dass die vermeintlichen Beweisfotos mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vom Tatort stammen. Sie zeigen offenbar eine Szene in der gleichen Menschenmenge, aber zu einem anderen Zeitpunkt und an einer anderen Stelle. Umso bemerkenswerter ist, wie die Polizei diese Fotos einsetzte. Sie gab dem Opfer nicht nur reichlich Gelegenheit, sich mit den Bildern vertraut zu machen. Sie führte die junge Frau auch in die Irre.