Die Reeperbahn wurde verlegt. Fünf Kilometer weiter östlich ist sie jetzt zu finden, in Hammerbrook, einem Gewerbegebiet. Tagsüber werden in dieser Gegend TÜV-Plaketten geklebt und Schufa-Bescheide ausgestellt, nachts ist es leer und trostlos. Es stehen zwar einige Frauen in hohen Stiefeln am Straßenrand, doch die Touristenhorden und Junggesellenabschiede lassen noch auf sich warten. Hier, in der Süderstraße, verfilmt Jakob Lass So was von da, einen der erfolgreichsten Kiezromane der letzten Jahre.

Das Buch erzählt von der letzten Nacht eines Abrissclubs an der Reeperbahn. Es ist Silvester, nach Neujahr werden die Bautrupps anrücken und die Schuldeneintreiber, vorher soll noch einmal gefeiert werden, mit allen Freunden und Lieblingsbands, "Weltuntergangsparty". Der Autor Tino Hanekamp hatte selbst einen Kiezclub betrieben und ist einer der Gründer des Uebel & Gefährlich in der Feldstraße. Er kennt das Milieu, über das er schreibt, kennt seinen Sound, seine Drogen, kennt auch die Probleme, konkret: dass es schwierig geworden ist, sich als Live-Club an der Reeperbahn zu behaupten.

Regisseur Jakob Lass (Geheimtippfilm: Love Steaks) könnte man zu diesem Stoff gratulieren. Ein Unterhaltungsroman mit gentrifizierungskritischen Spitzen, eine Art Soul Kitchen mit Rockgitarren, was sollte da schiefgehen? Gäbe es nicht das Problem, dass es oft seltsam wirkt, wenn Statisten in Kinofilmen auf Anweisung – "Kamera, Klappe, Action!" – Tanz, Rausch und Enthemmung spielen. Bei Hanekamp mündet die Clubnacht in Kaskaden des sprachlich kaum mehr Vermittelbaren, Ecstasy, Euphorie, Herzrasen oder, wie es im Roman heißt: "Um zu verstehen, was hier vor sich geht, muss man vollkommen fertig sein, körperlich am Ende, aber geistig hellwach. Stichwort: Extremwahrnehmung. Hypersensibilität. Megafeinstofflichkeit." Wie soll man solche Sätze verfilmen?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Jakob Lass hat sich für ein Experiment entschieden. Statt am Drehbuch zu feilen, ist er feiern gegangen, hat sich Bands und DJs angeschaut, die besten von ihnen gebucht. Jetzt lässt er sie für vier Nächte in der Süderstraße auftreten. Es gibt eine Bar, freien Eintritt, alle sind eingeladen mitzufeiern. Mittendrin wird gedreht. "Die Grundprämisse ist, dass wir die Gäste nicht stören", sagt Lass. "Wir werden uns der Party unterordnen." Kann das gelingen?

Freitagnacht, gegen 24 Uhr: Der Drehortclub ist gefunden, ein Türsteher klebt den Gästen die Handykameras ab (der Abend ist fürs Kino, nicht für Instagram), eine Einverständniserklärung muss unterschrieben werden. Kann sein, dass du bald besoffen auf der Leinwand zu sehen sein wirst, steht da sinngemäß in verklausuliertem Juristendeutsch, ist das okay? Klar, okay, rein da. Dann: Extremwahrnehmung. Hypersensibilität. Aber auf die genau falsche Art.

Alles fühlt sich real und fake zugleich an. Es ist dunkel, eng und laut, eine echte Band spielt. Doch viele Gäste sehen zu hübsch aus, irgendwie gecastet. Sie bewegen sich so zaghaft, als wollten sie nicht in unvorteilhafter Pose erwischt werden.

Die Atmosphäre ist, soweit man das von einem spärlich beleuchteten Abrisshaus sagen kann, steril. Oder denkt man das nur, weil man als Reporter mit kritischer Haltung gekommen ist? Und sich Notizen macht, statt an der Bar etwas von der gefährlich aussehenden Bowle zu bestellen und die Tanzfläche zu stürmen?

Für manchen hier wird die Fiktion real. "Gerade ist ein Typ mit mir zur Bar und hat zwei Bier bestellt", schreit ein Gast gegen die Musik an. "Ich hab erst gemerkt, dass das ein Schauspieler ist, als wir statt Bier nur Apfelschorle bekamen." Jakob Lass wird das später bestätigen, seine Leute seien schließlich zum Arbeiten hier. Und so laufen immer wieder Darsteller über die Tanzfläche, dicht gefolgt von Licht, Kamera und Mikrofon. Die Schauspieler sehen aus, als seien sie die Wildesten im Club (einer trägt einen Bademantel, eine andere ein bauchfreies Nonnenkostüm), dabei sind sie die Einzigen, die nüchtern bleiben.

Kurz nach drei Uhr: Irgendwo leuchtet noch der Scheinwerfer der Kamera, aber das ist jetzt egal. Pärchen knutschen, Flaschen klirren, DJs aus Golem und Gängeviertel legen auf. Man mischt sich unter die Tanzenden. Man macht keine Notizen mehr. Endlich versteht man, was hier vor sich geht. Megafeinstofflichkeit.

Ein weiterer Drehtag ist am 18. November. Weitere Informationen und Anmeldung hier