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Shakespeare würde verzweifeln an dieser Frau. Zwar ist ihre Lage absolut shakespearesk, ihr Charakter hingegen ungeeignet für Momente von Sein oder Nichtsein. Man könnte auch sagen: Dramen lehnt sie ab, für Tragödien steht sie nicht zur Verfügung. Und dennoch steckt sie jetzt mittendrin in einem Schauspiel, in dem beginnende Ohnmacht und maximale Machtprojektion aufeinandertreffen.

Angela Merkel hat es nicht geschafft, einen eigenen Kandidaten für das höchste Staatsamt zu präsentieren. Zwar hat sie Donald Trump die Stirn geboten, aber gegen die SPD und Horst Seehofer konnte sie sich nicht durchsetzen. Seehofer und Wolfgang Schäuble übernahmen es, von einer "Niederlage" zu sprechen. Merkels Niederlage, versteht sich. Auf der anderen Seite: Die New York Times nennt sie "die letzte Verteidigerin des liberalen Westens", und in vielen Kommentaren dies- und jenseits des Atlantiks ist zu lesen, Merkel müsse nun den Westen führen – wobei mit führen eigentlich gemeint ist: retten.

Wie es in Merkel selbst aussieht, wissen nur die wenigsten. Um sie herum bemüht man sich jedenfalls, die Erwartungen zu dämpfen. Natürlich sei die Kanzlerin nun nicht die Führerin der freien Welt, natürlich seien Deutschlands Möglichkeiten unendlich viel kleiner als die der USA, natürlich werde Deutschland auch in Zukunft keinen Krieg beenden – oder gar beginnen. Merkel sei nicht beeindruckt von derlei Zuschreibungen. Mindestens das aber stimmt nicht: Sie hasst das.

Der Sog, wahlweise auch der Druck, der sich aus Trumps Wahlsieg ergibt, erreicht Merkel zu einer Zeit, in der die Möglichkeiten, diesem Wunsch nach Führung zu entsprechen, nicht eben zunehmen: ohne ein Europa, das mitzieht, ohne eine Partei, die geschlossen hinter ihr steht, ohne den Rückhalt in der Bevölkerung, den sie noch vor anderthalb Jahren scheinbar unangefochten genoss.

Alles das trifft sie mitten in einem inneren Ringen um die Frage: Tritt sie wieder an?

Zuletzt wirkte es so, als müsse sich Merkel den Zeitpunkt der Verkündung erarbeiten, als sei sie gewissermaßen Kanzlerin auf Bewährung oder von bayerischen Gnaden. Zum CSU-Parteitag wurde sie nicht eingeladen, weil Horst Seehofer, aber auch sie selbst sich unschöne Szenen ersparen wollten. Gelegentliche körperliche Erschöpfung ebenso wie der natürliche Überdruss des Publikums, wie sie sich im zwölften Regierungsjahr unvermeidlich einstellen, wurden beiseitegeschoben durch eine enorme Aufladung der Politik: Merkel wurde für die einen zur Identifikations- und für die anderen zur Hassfigur. Ein CDU-Putsch fand dann nicht statt, sie hat ausgehalten, abgewettert, weitergemacht. Nur eines war zu keinem Zeitpunkt möglich: durchatmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

In dem langen und vergeblichen Ringen um die Kür eines Kandidaten für das Präsidentenamt zeigte sich denn auch die Erschöpfung, von der die politische Klasse erfasst ist: Eine CDU, die darauf pocht, dass ihr als 40-Prozent-Partei (in der Bundesversammlung) nicht zugemutet werden kann, einen anderen Kandidaten als einen "mit CDU-Label" (Seehofer) zu unterstützen, ist nicht in der Lage, eine respektable Persönlichkeit in den eigenen Reihen aufzutreiben. Die wenigen, die infrage kamen, wie Ursula von der Leyen, werden entweder noch für die "echte" Politik gebraucht oder murmelten etwas von einem Leben, das sie noch führen wollten. Diese Mischung aus Nicht-Können und Nicht-Wollen, aus Work-Life-Balance und Geschichte-wird-gemacht ist typisch für das politische Berlin dieser Tage. Nur die wenigsten kommen noch mit in Zeiten, da die Wirklichkeit schneller ist als die Politik und härter als die meisten Politiker. Davor fliehen viele heimlich in die Büsche, zurück in die postmoderne Befindlichkeit oder in beruhigende, aber oft leerlaufende Routine. Auch davon zeugt die Personalie Steinmeier: Ultranormalismus in unnormalen Zeiten. Ob das reicht?

Deutschland muss jetzt mehr führen, als es das je wollte, aber wer führt in Deutschland? Und wer von denen, die das tun, will auch bleiben? Deutschland steht nun ziemlich einzig da im Westen und die Bundeskanzlerin in Deutschland. Das ist die Lage. Wie aber steht es um die Herrin der Lage?

Angela Merkel verdankt ihre nach wie vor enorme Popularität auch der Tatsache, dass man bei ihr nie den Eindruck hat, sie habe noch andere Interessen außer dem Kanzlersein, nie scheint sie eigentlich etwas Besseres vorzuhaben. Obwohl sie das hat, sie geht in ihrem Job weder ganz auf noch unter, nur macht sie davon kein Aufhebens, nie kokettiert sie damit, dass es ihr manchmal auch zu viel sein könnte. Oft haben Politiker das Bedürfnis, klarzumachen, dass sie eigentlich ganz anders sind. Manchen wie Christian Wulff oder Rudolf Scharping wurde das zum Verhängnis. Bei Merkel hat man diesen Eindruck nie. Auf diese Art oder besser: mit dieser ihrer Art ist Merkel so ganz und gar Kanzler(in) geworden wie kein Kanzler vor ihr, Adenauer und Kohl eingeschlossen. Kanzler ist für Merkel anscheinend kein Job, auch nicht Berufung, sondern Zustand.