Von hier ist August Bürger geflogen. Natürlich nicht von hier, wo Sie vielleicht gelandet sind, dem Flugplatz des Luftsportvereins Ostharz. Sondern vom Stephaneum, der ältesten Schule in Aschersleben. Einer Schule unweit der gotischen Stephanikirche, die einst behauptete, der kleine August habe sich geprügelt. Er wurde der Schule verwiesen, ging nach Halle und Gelliehausen, um sein weltbekanntes Gedicht Lenore zu schreiben. Die Ascherslebener blieben.

Lenore ist die Ballade von einem Mädchen, das auf seinen Soldatenfreund wartet, bis der sie eines Tages als Toter holen kommt. Der Stoff hat Edgar Allan Poe zu seiner Erzählung Eleonora inspiriert. Poe war der mit dem Fall des Hauses Usher. "Ascher", wie Arno Schmidt treffend übersetzte. Poet des Verfalls war auch Thomas Mann. Er ließ seinen Doktor Faustus in Kaisersaschern zur Schule gehen, das man unschwer als Aschersleben erkennt.

Kalauer gefällig? Muss sein nach so viel Bildung: Wo Asche ist, war auch mal Rauch. Der Maler Neo Rauch zog aus dem schönen Städtchen nach Leipzig. Seiner Heimatstadt überließ er später eine Stiftung mit eigenen Grafiken.

Aschersleben, gesprochen "Oschersleben", liegt bei Magdeburg und ist nicht zu verwechseln mit Oschersleben bei Magdeburg, das ebenfalls "Oschersleben" ausgesprochen wird. Aschersleben ist die älteste Stadt in Sachsen-Anhalt. Hier findet man noch Kopfsteinpflaster, das in anderen Städten bequem als Klettergarten vermarktbar wäre. Teile der Stadtmauer sind erhalten und 15 Türme. Wo einmal die Burg stand, gibt es heute einen Zoo, der früher mit der größten Anzahl weißer Tiger zwischen Aschers- und Oschersleben warb. Nun sind die meisten Tiger verkauft, dafür hat sich der Zoo einen alten Zirkuslöwen eingehandelt, der zwar noch nicht verblichen, aber schon ziemlich verbleicht ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Auch in Aschersleben gab es eine Plattenbausiedlung, deren Bewohner Blümchen auf die Fassaden malten, damit die Kinder ihre Häuser fanden. Die Platte ist geputzt, die Blümchen sind Geschichte. Tausende Bürger zogen nach der Wende weg. Seitdem kreist die Abrissbirne. Zurzeit schlägt sie ein in den Halken, eine mittelalterliche Handwerkersiedlung neben der Stephanikirche, daneben steht schon ein gesichtsloses Geschäftshaus wie eine Drohung – eine leere Drohung, denn seit Jahren ist es ungenutzt.

Doch nicht nur Verfall herrscht in der Altstadt. Hinter Jugendstilfassaden und der landestypischen Mischung aus Fachwerk- und Backsteinmauern verwirklicht eine neue Generation von Ascherslebenern ihre Geschäftsideen wie die hutschachtelgroße Kinderbuchhandlung Leseratte in der Breiten Straße. Am Marktplatz rieselt das Wasser des bronzenen Hennebrunnens. An die Wände der gotischen Heilig-Kreuz-Kirche lehnt sich ein allerliebstes Stadtkino.

Schön sind die renovierten Kneipen Zum Tontopp oder Zum Schwejk und noch schöner die Parks. Dort vergnügen sich Kinder, die Zukunft der Stadt. "Das hätte es in der DDR nicht gegeben", hört man sie sagen. Später werden sie vielleicht das Stephaneum besuchen und von Lenore lernen, dass es nicht immer ratsam ist, sich an Tote oder Untote zu klammern.