Sie war einmal der absolute Hype. 2013 kürte das Time Magazine die Google Glass zu einer der besten Innovationen des Jahres, Diane von Fürstenberg schickte ihre Models mit Datenbrillen über den Laufsteg der New York Fashion Week, Prince Charles und Beyoncé ließen sich mit der Glass ablichten, und der damalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann befand, dass er mit Google-Brille viel besser aussehe als ohne.

Die Begeisterung währte nur kurz. Noch bevor das neue Must-have in Europa überhaupt in die Läden kommen konnte, wurde es Anfang 2015 von Google schon wieder vom Markt genommen. Denn in den USA hatte sich der Hype in einen regelrechten Shitstorm verwandelt: In Technik-Tests hatte die Google Glass unzählige Macken offenbart. Der ins rechte Auge eingespiegelte Bildschirm war verwackelt und vor hellem Hintergrund fast unleserlich, der Akku machte zu schnell schlapp, die Sprachsteuerung hatte Verständnisprobleme. Die größte Empörung aber löste die ins Brillengestell integrierte Minikamera aus. Mit einem Fingertipp auf den Bügel oder per Sprachbefehl konnte sie jederzeit in Betrieb gesetzt werden – ohne dass es die Menschen in ihrem Blickfeld mitbekamen. Nerds mit Datenbrille bekamen Hausverbot in Kinos und Kasinos, auf der Straße wurden sie als "glasshole" beschimpft.

War es das also mit der Wundertechnik? Nein. Die eigentliche Zukunft der Datenbrillen beginnt erst. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Technik nach dem Hype ein zweites Leben begonnen – als nützliches Hilfswerkzeug in Produktion, Logistik und Wartung.

Dazu will jetzt auch Microsoft beitragen und die holografische Datenbrille Hololens in Deutschland ausliefern. Vorgestellt wurde diese schon vor zwei Jahren, doch dann gab es Probleme in der Produktion. Nun aber sei man startklar für den europäischen Markt, verspricht Microsoft. Die Zielgruppe sind weder Computernerds noch Gamer, dagegen spricht schon der Verkaufspreis von über 3.000 Euro. Erste Testexemplare gingen an Großunternehmen wie ThyssenKrupp, Airbus oder die Nasa. Sie erproben den Einsatz der Brille für sogenannte "Mixed-Reality-Anwendungen": Dabei können dreidimensionale Bilder, die von der Brille ins Gesichtsfeld projiziert werden, nicht nur betrachtet, sondern mit Gesten oder Sprachbefehlen auch gedreht und verändert werden.

Das unterscheidet sie von der Augmented Reality, mit der alle bisher erprobten Datenbrillen arbeiten. Hierbei werden dem Nutzer zweidimensionale Abbildungen, Beschriftungen oder Bildschirme eingespiegelt. Zum praktischen Einsatz kommt das vor allem dort, wo die Arbeit einerseits den Abruf vieler neuer Informationen und andererseits zwei freie Hände verlangt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Das ist zum Beispiel der Fall bei Deutschlands zweitgrößtem Anbieter für Gebäudeautomation, Kieback & Peter. Deren Mitarbeiter sind häufig im Keller großer Gebäude zugange, dort, wo die Schaltschränke für die Haustechnik stehen – und wo der Handyempfang besonders schlecht ist. Verliert ein Wartungstechniker dort den Überblick über den Kabelsalat im Inneren der Schaltschränke, ist er buchstäblich allein gelassen.

Deshalb hat das Unternehmen nun 13.000 Euro in eine Grundausstattung der Brillentechnik investiert. Dazu gehört unter anderem ein WLAN-Hotspot mit externer Antenne für die Internetverbindung per Mobilfunknetz. Im Notfall soll sich der Wartungstechniker darüber Hilfe bei einem Experten in der Zentrale holen. Die Videokamera der Datenbrille sorgt dafür, dass der ferne Experte auf seinem Bildschirm dasselbe sieht wie der Mann vor Ort. Per Mausklick können bestimmte Stellen markiert, Dokumente, Bilder und Texte überspielt werden. Diese sieht dann der Brillenträger auf einem kleinen Bildschirm am oberen Rand seines Gesichtsfelds.