Der erste Satz von Edmund de Waal sitzt. "Ich bin in China." Der Satz beschreibt das Gefühl, das man als Leser dieses Buches vom ersten Moment an hat: in China zu sein. In den Straßen von Jingdezhen, "in der Stadt des Porzellans, dem sagenhaften Ur, wo alles beginnt", herumzuirren auf der Suche nach der Adresse "Neben der Porzellanfabrik 2". Es gilt, sich einem hartnäckigen Schildkrötenverkäufer zu widersetzen, man quetscht sich in überfüllte Nudelshops, im nächsten Augenblick könnte man Marco Polo begegnen. Und noch ein Schritt, und man findet sich in der Londoner Werkstatt des Autors wieder, des britischen Porzellanforschers und Künstlers Edmund de Waal, der "zehn Kilo schwere Würste aus perfekt versetzter Masse in der Farbe fetter Vollmilch, grünlich angehaucht wie von Schimmel", in den Händen hält.

Edmund de Waal, Professor für Keramik an der University of Westminster, nimmt uns mit auf seine Pilgerreise zu den Ursprüngen des Porzellans, nach China, nach Deutschland, in England, immer auf der Suche nach dem "gloriosen Mysterium" seiner Herstellung, der Alchimie, man wird erfasst vom Sog dieser Erzählung, die auch jene mitreißen wird, die sich gar nicht für Porzellan interessieren. De Waal ist einer, der mit allen Sinnen und filmischer Präzision zu beobachten und zu beschreiben weiß, der Scherben zusammenfügt und mühelos zwischen den Kontinenten und Jahrhunderten wechselt, vom Profanen zum Erhabenen. Die Vergangenheit wird im Präsens seines Erzählens gegenwärtig. Das hat er in seiner Werkstatt gelernt: "Wenn man aus Ton etwas herstellt, existiert man im Augenblick."

Töpfer, so nennt er sich. Dabei ist er uns als Schriftsteller bekannt, seit er mit seinem autobiografischen Buch Der Hase mit den Bernsteinaugen vor fünf Jahren international Furore machte. Die Porzellangefäße, die er töpfert, sind keine, die man in einem Haushaltswarenladen finden würde, sondern in der New Yorker Gagosian Gallery oder im Londoner Victoria and Albert Museum, wo er als Künstler-Kurator verstaubte Schausäle oder die Toten des Depots zum Leben erweckte, indem er sie mit seinen eigenen Objekten konfrontierte, so ähnlich, wie er es in diesen Tagen in der von ihm kuratierten Ausstellung During the Night im Kunsthistorischen Museum in Wien zeigt. Es ist viel mehr als britisches Understatement, wenn de Waal sich als Töpfer bezeichnet.

De Waal fing schon als kleiner Junge mit dem Töpfern an, als Schüler verbrachte er jeden Nachmittag in der Werkstatt seines Lehrers. Dann brach er die Schule ab und lernte in Japan weiter, kam von der groben Keramik zum feinen, weißen Porzellan. Von dieser Faszination für den zarten Stoff erzählt er in seinem Buch, das ebenso sehr memoir wie Historie ist. Die eigene Biografie verwebt er mit der Suche nach dem Weiß, das ihn so fesselt wie den Künstler eine leere Leinwand: als Anfang. Als Möglichkeit, neu zu beginnen, wie er immer wieder betont, als Moment, wo alles möglich scheint. Und auch so viel schiefgehen kann. Zum Glück, dem Glück des Künstlers, den am Ende nicht die Perfektion interessiert, eher schon der Klang des Porzellans, wenn es auf dem Boden zerbricht.

De Waal ist mit derselben Leidenschaft Handwerker, mit der er Philosoph ist. Das Gestalten mit den Händen hat die Sinnlichkeit seines Denkens geprägt. Versteht sich von selbst, dass es ein Vergnügen ist, sein Buch in die Hand zu nehmen: Schon der Umschlag schimmert perlmuttweiß, der Untertitel ist in verblasstem Porzellanblau gehalten, Autorenname und Titel, Die weiße Straße, aufgeprägt, sodass man die Buchstaben mit den Fingern ertasten kann.

De Waal interessiert sich also für das Material und mindestens so sehr für die Menschen, die es entwickelt haben, die davon so besessen waren, wie er selbst es heute ist. Einfühlsam erzählt er von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, dem Mathematiker, der eine so wichtige Rolle bei der Entdeckung des Porzellans in Deutschland spielt und dessen Name hinter dem von Johann Friedrich Böttger verblasst ist. De Waals Geschichte des Porzellans ist ebenso eine Geschichte des Scheiterns wie des Triumphs. Sein Herz gehört jenen, die zu den Verlierern der Geschichte zählen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Das Buch berichtet von einer großen Abenteuerreise, es erzählt mit Hochspannung. Die Reise führt durch 1.000 Jahre Geschichte, durch Fabriken, Bibliotheken, Museen, zu Mönchskappenkännchen, in Archive und nicht zuletzt durch Berge von Büchern – die der Sammler ebenso gern zu besitzen scheint wie das Porzellan.

Der Leser wird an der Recherche beteiligt, auch an Irrwegen und Zweifeln. Es empfiehlt sich, dieses von Brigitte Hilzensauer großartig übersetzte Buch langsam zu lesen, um nicht trunken zu werden von Eindrücken, Zitaten, Ideen. De Waal ist ein Erzähler von nervöser Empfindlichkeit, er hat sich 20 Jahre lang mit Proust beschäftigt. Manchmal mögen einem die Gedankengänge zu überhöht erscheinen oder die Sprache zu pathetisch. Meist aber holt de Waal sich selber wieder runter. Geht einen Teller Nudelsuppe essen, erzählt von der schlechten Laune seines chinesischen Chauffeurs. Als Brite pflegt er einen trockenen Humor. "Falls möglich, sollte man immer ein Kind nach Italien mitnehmen", empfiehlt er, nachdem er sich an der Hand seines Sohnes Zugang zu einem römischen Allerheiligsten verschafft hat. Ganze Dramen kann er in einen Satz verpacken, nach dem er dann nicht selten einen Absatz macht.

"Ich habe Moby Dick gelesen", schreibt de Waal, dessen Buch mit einem Zitat von Herman Melville beginnt – "What is this thing of whiteness?". Er schreibt über das Melvillesche Weiß: "Ich glaube, ich kenne die Gefahren seiner Obsession vom Weiß, den Zug zu so etwas Reinem, so Totalem in seiner Möglichkeit, unterzutauchen, verwandelt zu werden, verändert, sodass man fühlt, man könnte neu beginnen."

Kein Weiß ohne Schwarz: In seiner gegenwärtigen Ausstellung im Wiener Kunsthistorischen Museum fokussiert Edmund de Waal auf die Ängste, die aus dem Dunkel kommen können, er widmet sich den Ängsten und der Nacht, ausgehend von einem Albtraum Dürers. Objekte des Museums aus den unterschiedlichsten Abteilungen und Epochen bringt er zusammen mit einer Installation eigener, dunkler Gefäße. Er zeigt seine Werke inzwischen nicht mehr als Einzelobjekte, er arrangiert sie in Gruppen zu plastischen Bildern. Im Museum macht er es wie schon beim Schreiben, so wie seine Leser es bereits aus seinem Buch Der Hase mit den Bernsteinaugen kennen: Alles hängt mit allem zusammen, man muss es nur sehen können.

Weiß ist auch die Farbe der Trauer, wie de Waal betont, und Porzellan ist gefährlich, seine Herstellung ebenso wie die Obsession mit dem Stoff. Porzellan wird in der Hölle gebraten, bei 1.300 Grad. Am Ende des Buches und der Suche nach dem Reinen erzählt der Schriftsteller von der Obsession der Nazis mit diesem Stoff – ihr Allacher Porzellan wurde im Lager von Dachau gefertigt. Darunter kam als Stempel der Doppelblitz der SS.

Edmund de Waal: Die weiße Straße. Auf den Spuren meiner Leidenschaft; a. d. Engl. v. Brigitte Hilzensauer; Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016; 463 S., 26,– € 

Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer: "During the Night" ist noch bis zum 29. Januar 2017 im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen