Reality Bites, etwa: "So ein Mist!", ist ein Kultfilm der Neunziger, in dem die Lebensentwürfe junger Menschen mit der Wirklichkeit kollidieren. Wünschen wir uns, dass Donald Trump ebenfalls den Unterschied zwischen Traum und Schaum erkennt. Die ersten Hinweise lassen annehmen, dass sein Rendezvous mit der Realität Wirkung zeigt.

Aus "Ab in den Knast!"-Hillary wurde blitzschnell eine Frau, der die "Nation hohen Dank" schulde. Mit seinen Feinden will Trump "zusammenarbeiten und unser großes Land vereinen". Gegenüber dem Rest der Welt will er das "Gemeinsame, nicht das Trennende betonen – Partnerschaft, nicht Konflikt". So gehört sich’s, anders als die verkniffenen Kommentare aus Berlin.

An seinen Taten aber wollen wir Trump messen, zum Beispiel an der Ernennung des Reince Priebus zum Stabschef. Der, nicht der Vizepräsident, ist der zweitmächtigste Mann in Washington. Viele hatten den Rechtsaußen Stephen Bannon erwartet, den hemmungslosen, in der Partei verhassten Agitprop-Artisten, der mit Europas populistischen Ultras kungelt. Der darf jetzt bloß "Chefberater" sein.

"Stabschef" oder "Chefberater" – was ist der Unterschied? Priebus war der Favorit des Partei-Establishments, der Profi, der Trump in der Schlussphase die Zügel anlegte und Brücken zum Fraktions- und Parlamentschef Paul Ryan baute, der sich von Trump abgesetzt hatte. Der Stabschef hält die Fäden und kontrolliert den Zugang zum Oval Office; er, nicht Bannon, ist sein engster Berater.

Priebus wird Trump schonend beibringen, dass ein Staat keine Firma ist, wo der Befehl des CEO Gotteswort ist. John Sununu, Stabschef von Bush senior: Ein Präsident "muss lernen, wie er Vorlagen durch den Kongress steuert und Gesetzgeber überzeugt, die sich nicht steuern lassen". Mal sehen, wer in diesem House of Cards zuerst aus der Show fliegt: der unverzichtbare Priebus oder die Rampensau Bannon, die den rechten Rand abdeckt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Aus der Mexiko-Mauer ist ein "Zaun hier und da" geworden, aus den elf Millionen Illegalen, die Trump deportieren wollte, wurden "zwei oder drei", und zwar Vorbestrafte. Trump wird gecheckt haben, was die Multimillionen-"Ausschaffung" kosten würde – 600 Milliarden Dollar laut konservativer Schätzung, von den Demos und Prozessen ganz zu schweigen. Trump sieht in den Illegalen nicht mehr "Dealer" und "Frauenschänder", sondern "tolle Leute". Er will erst mal genau hingucken.

Obama, sagte Trump im CBS-Interview, sei auch "toll". Ob er sich zügeln werde? "Na ja, manchmal muss man die Leute mit gewissen Sprüchen mobilisieren ..." Weg mit Obamas Gesundheitsversicherung? Diverse Säulen blieben, beteuert Trump. Ersetzt werde, was eingerissen wird. Die Nato? Obama bescheinigt Trump, er wolle "unsere zentralen strategischen Beziehungen bewahren".

Trocken notiert Obama: "Das Amt wirkt wie ein Weckruf." Plötzlich will Trump als "nüchtern", nicht als "Hitzkopf" gesehen werden. So weit die Trumpetensignale nach einer Woche. Sind sie glaubhaft? Wenigstens klingt der Sieger versöhnlicher als in der Kampagne. Doch am Konkreten wollen wir ihn messen: an den Kabinetts-Ernennungen, den programmatischen Entwürfen, den Verfügungen, die – Kampa-Sprech – die "Obama-Präsidentschaft ausradieren" sollten. Nicht zügeln wird Trump seine Mitteilungslust, inklusive der Tweets um drei Uhr früh. Es bleibt unterhaltsam.

US-Präsident - Wer hat Trumps Nummer? Die Telefonnummer des Übergangsteams ist vielen Länderregierungen unbekannt. Sie griffen teilweise auf Privatpersonen zurück, um den designierten US-Präsidenten kontaktieren zu können. © Foto: Screenshot/Reuters