Der Häuserblock an der 5th Avenue, New Yorks nobler Einkaufsmeile, hat sich über Nacht in eine Festung verwandelt. Rundum stehen Absperrgitter und Betonblöcke, Scharfschützen in schusssicheren Westen patrouillieren die Gegend, Polizisten kontrollieren Passanten. Hier im Trump Tower liegt das neue Machtzentrum der Welt. Ein paar Stockwerke über der Gucci-Filiale berät sich zurzeit Donald Trump, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, mit seinen Vertrauten. Wen soll er in seine Regierung berufen? Was nach seinem Amtseid am 20. Januar als Erstes tun?

Selten waren die Absichten eines neuen Präsidenten so unklar, selten die Unsicherheiten so groß, wie es nach einer Wahl mit der Supermacht USA weitergeht. Das liegt auch daran, dass Trump noch nie zuvor ein Wahlamt bekleidet hat. Für Trump gibt es keine politischen Erfahrungswerte. Seine Qualifikation für das Amt hat er im Wahlkampf vor allem mit seinem Erfolg als Unternehmer begründet, sodass Gespräche mit Mitarbeitern und Weggefährten Trumps aus seinen Jahrzehnten als Geschäftsmann am ehesten Schlüsse darüber zulassen, nach welchen Mustern er wohl handeln wird, und darüber, was er kann – und was nicht.

Trumps Unwillen, sich in neue Sachthemen einzuarbeiten, ist besorgniserregend

Der Trump Tower mit seinem in pinkem Marmor ausgekleideten Atrium ist ein guter Ausgangspunkt, um den Mann ein wenig kennenzulernen. Hier lebt er in der dreigeschossigen Penthousewohnung, sein Büro befindet sich im 26. Stock. Das Gebäude ist Wohnort, Arbeitsplatz und Aushängeschild in einem. Für den Hausherrn gibt es da keine Trennung, Trumps Leben ist sein Geschäft, und sein Geschäft ist sein Leben. "Es gibt keinen privaten Trump. Der Mann ist im geschäftlichen Umgang genauso wie im privaten", sagt ein befreundeter Geschäftsmann.

Als Trump seine dritte Frau Melania – die künftige First Lady – 2005 heiratete, gab er eine große Party in seinem Luxus-Resort Mar-a-Lago in Palm Beach, der legendären Superreichen-Enklave in Florida. Alt-Star Billy Joel spielte auf. Hunderte Prominente waren dabei, auch Hillary und Bill Clinton.

Für Trump war das Familienereignis eine gute Gelegenheit, seine Marke zu bewerben. Denn die unablässige Selbstvermarktung ist Trumps eigentliches Geschäft. Zwar gründet sich Trumps Karriere auf seine ersten Erfolge als junger Baulöwe in den Achtzigern, als er in New York Prestigeobjekte wie das Grand Hyatt errichtete. Doch in den Neunzigern scheiterte er als Casinobetreiber in Atlantic City. Vier Insolvenzverfahren meldeten Trumps Gesellschaften in den folgenden Jahren an, zulasten von Arbeitnehmern, Investoren und Steuerzahlern. Er selbst schaffte es geschickt, den privaten Offenbarungseid zu vermeiden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Trump lernte aus dem Debakel. Er besann sich auf seine wahre Stärke – die seiner Marke. Sie ist der Kern der heutigen Organisation. Auch wenn Trump sich als Immobilienmogul darstellt, hat er seit Jahren nichts mehr gebaut, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Stattdessen ist er Teilhaber an Objekten. Oder die eigentlichen Immobilienbetreiber dürfen sich mit seinem Namen schmücken, während er dafür Lizenzgebühren kassiert. Trumps Idee, die Mexikaner für die von ihm geforderte Grenzmauer zahlen zu lassen, gab Anlass zu viel Spott und Unmut im Nachbarland. Aber es ist eine Vorgehensweise, die seinen Geschäftspartnern vertraut sein dürfte.

Trump hatte Lizenznehmern durchaus etwas zu bieten, weil sie ihre Wohnungen durch den luxuriösen Ruf der Marke Trump leichter loswurden. "Mit seinem Namen konnte man Projekte verkaufen, auch wenn sie bis dahin nur in einem Bauplan oder einer Broschüre existierten", sagt der Bauunternehmer Gil Dezer, ein Bewunderer Trumps. Gemeinsam haben sie sechs Luxuswohntürme in Miami gebaut.