Es ist ziemlich lange her, dass Essiggürkchen das Gefühl hatte, dieses Land sei sein Land. Essiggürkchen ist 61 Jahre alt, und wie fast jeden Tag sitzt er in Johnnie’s Diner in McConnellsburg, einem Dorf im US-Bundesstaat Pennsylvania. Er trägt eine Mütze mit dem Logo eines Traktorherstellers und einen dicken Schnauzer, mehr grau als braun. Eigentlich heißt er Eugene Horton, aber alle hier nennen ihn Essiggürkchen, weil er die so gerne isst.

Wenn Essiggürkchen redet, redet er viel und laut, und wenn er lacht, dann lacht er schallend, aber bei der Frage, wann dieses Land noch gesund war, muss er einen Moment nachdenken, es ist wirklich lange her. Unter Reagan vielleicht, wann war das, in den Achtzigern? "Ja, unter Reagan", sagt er, "da war Amerika noch Amerika."

Damals fuhr Eugene Horton noch seinen Milchtruck, 80 Stunden saß er jede Woche am Steuer, aber am Ende des Monats hatte er genug Geld für sich, seine Frau und seinen Sohn.

Damals baute der Farmer unten an der Straße noch Bohnen und Mais an.

Damals, sagt Horton, war es unvorstellbar, dass ein Muslim Präsident wird.

Viel ist passiert seitdem. Wenig Gutes. Hortons Frau verließ ihn. Der Milchbetrieb machte zu, und Horton verlor seinen Job. Er fand einen neuen, er fährt jetzt Stahl und Kies durch die Gegend, aber er verdient kaum mehr als vor 30 Jahren, obwohl alles viel teurer ist als damals. Irgendwie ist das Leben an Eugene Horton vorbeigezogen.

Auch die Farm unten an der Straße gibt es nicht mehr. Die Bohnen und der Mais wachsen jetzt in Mexiko. Die Jobs verschwanden über die Grenze, dafür kamen von dort Millionen von Einwanderern. "Illegale und Faule", sagt Horton.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

McConnellsburg ist nur zwei Autostunden von der Hauptstadt Washington entfernt, und doch ist die Distanz unüberbrückbar. Eugene Horton hatte in all den Jahren nicht das Gefühl, dass er in diesem Land etwas zu sagen hat.

Bis zum Dienstag vergangener Woche, dem Tag, an dem auch Essiggürkchen zur Abstimmung ging. Dem Tag, an dem sich 84 Prozent der Wähler in seinem Wahlkreis für einen Kandidaten entschieden, von dem die Experten gesagt hatten, er habe keine Chance. Die Experten im Fernsehen, an den Hochschulen, in der Hauptstadt.

Es ist die Woche eins nach Trump, und das heißt, es ist eine Woche, in der Amerika nicht aufhört, über die Abgehängten und Enttäuschten zu reden, die Vergessenen, die meistens weiß sind, oft nicht besonders gebildet, meistens Männer, aber oft auch Frauen. Und fast immer ziemlich wütend.

Man wusste, dass es sie gibt, man wusste, wo sie wohnen. Aber man wusste nicht, dass sie so viele sind – und so mächtig.

Es ist die Woche eins nach Trump, und das heißt, es ist die erste Woche einer neuen politischen Zeitrechnung. In Amerika, ja in der ganzen westlichen Welt ist eine neue politische Konfliktlinie aufgebrochen. Jahrzehntelang entzündete sich politischer Streit am Gegensatz von Rechts und Links. Jahrzehntelang waren es Abgeordnete in Parlamenten, Journalisten in Redaktionen, auch Hochschullehrer, Schriftsteller, Künstler, die diesen Streit austrugen, die Debatten führten, Entscheidungen fällten, den Kurs der Gesellschaft bestimmten. Sie glaubten, für die Menschen da draußen im Land zu sprechen, ihnen vielleicht sogar Vorbilder zu sein, Leitfiguren, und früher einmal waren sie das auch.

Jetzt sind sie es nicht mehr.