Die Welt übt sich in Trump-Deutung. Jedes Wort, jeder Nebensatz dient als Ankerpunkt, von dem aus man zu verstehen versucht, wie der Immobilienmogul und Populist das Weiße Haus erobert hat – und welche Folgen diese Wahl für die USA und die ganze Welt haben könnte. Manchmal hilft es aber auch, zu fragen, was Donald Trump nicht gesagt hat.

Der Kandidat hat Gott weggelassen. Das mag in Europa normal sein, in den USA ist das mehr als eine Auffälligkeit. In der ersten Rede nach der Wahl beruft Trump sich nicht auf Gottes Segen, er beruft sich nicht auf "God’s own country", er meidet christliche Vokabeln, spricht nicht von Sendung und Auftrag, er betet nicht öffentlich, er wählt nicht einmal die Kreuzzugsrhetorik der traditionellen Rechten in den USA und verzichtet sogar auf den üblichen Segen. "God bless America" – so verabschiedet sich nur Hillary Clinton, die Geschlagene.

Donald Trump ist die Galionsfigur der Tea-Party-Bewegung, die mitten in der Republikanischen Partei den Sound des biblischen Kampfes gegen das verlotterte Establishment zum hysterischen Dauerton gemacht hat – und wirkt mitten in der von Prophetenworten, Gebetsphrasen und "Wir sind das auserwählte Volk"-Beteuerungen doch wie ein Alien, eine fremde Figur.

Für Trump ist das Leben eine TV-Show

Der Immobilienmogul, der durch das Reality-TV bekannt geworden ist und sich so benimmt, als wäre die Welt eine TV-Show, die nur einen guten Macher braucht, um erfolgreich zu sein, kommt ganz und gar ohne Anleihen an die christlich geprägte Theopolitik aus, ohne die seit den Achtzigerjahren kein republikanischer Präsidentschaftskandidat eine Rede überstanden hätte. Das ist mehr als einer seiner vielen Ticks, das ist Indiz für die tiefgreifenden Verschiebungen in der amerikanischen Gesellschaft, obwohl auf den ersten Blick das Amerika von gestern diese Wahl für sich entschieden hat.

Ein Widerspruch, der viel über die kulturellen Spannungen eines Landes sagt, in dem Religion im öffentlichen Raum eine erheblich größerer Rolle als in Europa spielt. Im Wahlkampf hat Donald Trump sich trotzdem die Stimmen der weißen Evangelikalen erarbeitet. Das liegt nicht nur am gemeinsamen Thema, dem Kampf gegen den Islam. Der Brückenbauer, Mike Pence, Gouverneur von Indiana und glühender evangelikaler Lebensschützer und Islamhasser, hat Trump den Zugang zu den evangelikalen Milieus eröffnet. Trump hat sich mit tausend der führenden katholischen und protestantischen Geistlichen getroffen. Das Angebot, das er ihnen macht, besticht nicht durch glühende religiöse Rhetorik. Den Kampf für das ungeborene Leben hat er sich übergezogen wie ein Karnevalskostüm, das kratzt, aber nun mal zum Protokoll gehört.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Der Presbyterianer, dessen Tochter mit der Heirat zum Judentum konvertiert ist, hält sich sogar in frommen Kreisen mit persönlichen Bekenntnissen zurück. Und doch wählen sie ihn, die Amerikaner, die ansonsten moralisch unfehlbare Lebensläufe erwarten. 81 Prozent der weißen Christen, die sich als "evangelicals" bezeichnen, haben Trump ihre Stimme gegeben. Weiße Männer, aber auch 72 Prozent der weißen evangelikalen Frauen. Der Lebenswandel des mehrfach Geschiedenen, der stolz darauf ist, jede Frau "zu kriegen", die er will, der Mann, der im Wahlkampf mehrfach betont hat, noch nie in seinem Leben Gott um Vergebung für irgendetwas gebeten zu haben, hat eine überragende Mehrheit der Frommen erreicht.

Auch viele Katholiken haben Trump ihre Stimme gegeben. Mehr als die Hälfte sind es nach verlässlichen Analysen. In den USA sind sich die Experten sicher: Die Religiösen haben die Wahl entschieden. Der exzessive Lebenswandel des Kandidaten, der gegen alle puritanischen Grundsätze verstößt, seine blasierten oder bösen Äußerungen, seine menschenverachtende Hetze gegen Einwanderer und Frauen waren zwar immer wieder Thema der Kritik von prominenten Geistlichen, aber anders als in vorhergehenden Wahlkämpfen schien die persönliche Integrität weder an Wahrhaftigkeit noch an Zerknirschungsbereitschaft des Kandidaten zu hängen.

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