Selten hat ein freies Konzertprojekt auf politischer Ebene so viel Wind gemacht. Im November 2015 feierten die Dresdner Sinfoniker in Berlin die Premiere von Aghet – Ağit, einer Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern vor hundert Jahren. Markus Rindt, der Intendant der Sinfoniker, und der Gitarrist Marc Sinan hatten die Idee, deutsche, armenische und türkische Komponisten und Musiker wirkten mit. Man plante Reisen nach Dresden, Belgrad, Jerewan und Istanbul. Der Türkei, die den Völkermord bis heute leugnet, missfiel das kleine Projekt so sehr, dass sie im April aus dem beteiligten EU-Förderprogramm ausstieg und außerdem dafür sorgte, dass das für den 13. November im deutschen Generalkonsulat in Istanbul vereinbarte Gastspiel kurzfristig abgesagt wurde. Wir haben die Sinfoniker nach Armenien begleitet, zu den Menschen, um deren Geschichte es geht.

Sonntag, 6. November

Nach Jerewan gibt es hauptsächlich Nachtflüge, warum auch immer. Am Gate in Wien-Schwechat tollen kleine Mädchen mit weißen Schleifen im Haar umher. Ihr Armenisch klingt rundlich, weich, ein bisschen so, wie die Schrift aussieht. Jeder hier führt drei oder vier Stücke Handgepäck mit sich, große Tüten, kleine Tüten, Tüten in Tüten. Im Flieger fühlt man sich wie auf Klassenfahrt in einem prallvollen Bus. Wir landen sicher. Viele Autos in Jerewan haben das Steuer rechts, obwohl nach guter postsozialistischer Sitte kein Linksverkehr herrscht. Das frühmorgendliche Dunkel riecht säuerlich, nach Nikotin, Chlor und Smog. Ein Vierteljahrhundert ist die armenische Unabhängigkeit jetzt alt.

Montag, 7. November

Vor dem Hotelfenster: ein irres Plattenbautensammelsurium. Die Fassaden sind unverputzt, zwischen Satellitenschüsseln und Klimakästen trocknet Wäsche. Hoch über der Stadt thront "Mutter Armenien", eine 56 Meter hohe Statue aus der Sowjetzeit, die den Sieg über die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg feiern soll. Aus der Ferne wirkt die "Mutter" eher beängstigend als beschützend. Und doch hat sie etwas Wehrhaftes. Wer so unfassbar gequält und seiner Identität beraubt wurde wie das armenische Volk, legt solche Symbole nicht einfach ab wie einen alten mottenlöchrigen Hut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Die Dresdner Sinfoniker sind ein Projektorchester, zur Kernbesetzung gesellen sich jeweils örtliche Kräfte hinzu. Ohne diese würde das Ganze nicht nur ideell nicht funktionieren. Die ersten Proben finden im Haus der Kammermusik statt, benannt nach Komitas, dem Urvater der klassischen Musik in Armenien. Von außen sieht das Ding aus wie ein Bunker, von innen wie ein zusammengefaltetes Kirchenschiff. Die Arbeitssprache ist Englisch, auf dem Probenplan steht Helmut Oehrings Massaker! Hört ihr: MASSAKER!, der deutsche Beitrag zu Aghet – Ağit. Ein Melodram für E-Gitarre, Frauenchor und Streichorchester, dem es an Deutlichkeit nicht fehlt. Oehring selbst ist nicht mit nach Jerewan gekommen, lässt zur Pressekonferenz aber Grüße ausrichten, die alles sagen: "Hard times need hard music." Anfang September hat der 55-Jährige seine Partitur aktualisiert und den agitatorischen Gestus noch verschärft. Textlich sind Auszüge aus der Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern hinzugekommen sowie Erdoğans Propaganda gegen deutsche Abgeordnete mit türkischen Wurzeln: "Manche sagen, das seien Türken. Was denn für Türken bitte? Ihr Blut muss durch einen Labortest untersucht werden."

Während eine Geigerin die Anweisungen des Dirigenten Andrea Molino ins Armenische übersetzt, fragt man sich, was Begriffe wie "Völkermord" oder "Massaker" durch Musik gewinnen. Oder verlieren. Sind sie ästhetisierbar? Ist das Unfassbare, indem es gesungen wird, plötzlich fassbar, das Unsagbare sagbarer? Oder hat man es hier mit westlicher Wichtigtuerei zu tun, gar mit einem neuen kulturellen Paternalismus? So sieht das die Türkei. Aghet – Ağit wird vom deutschen Auswärtigen Amt unterstützt, von der EU und vom armenischen Kulturministerium. Für das geplante Istanbul-Gastspiel des Projekts war es nahezu unmöglich, erzählt Markus Rindt, türkische Musiker zu gewinnen. Türkische Musiker aus der Türkei wohlgemerkt. Kaum hatte die Regierung Erdoğan bei Creative Europe interveniert, dem Förderprogramm der EU, häuften sich die Absagen, aus Krankheits- oder Zeitgründen, aus Angst. Die jüngsten Verhaftungswellen in der Türkei geben diesen Reaktionen auf schreckliche Weise recht.