Eine Gabionenwand oder Gitterzaungabione – diese Information ist zum Verständnis dieser erstaunlichen deutschen Geschichte unerlässlich – sind jene mit Kieselsteinen gefüllten Drahtkäfige, die es im Baumarkt zu kaufen gibt und die sich in deutschen Vorgärten, vor allem auf dem Dorf und in kleinen städtischen Gemeinden, seit einigen Jahren ausbreiten.

Die Mauer von Neuperlach, die ganz München und Deutschland erregt und über die weltweit als die "neue deutsche Mauer" berichtet wird, besteht aus vier je einen Meter hohen Gabionen – die Mauer verjüngt sich nach oben, die unteren zwei Steinquader sind achtzig Zentimeter, die oberen zwei sechzig Zentimeter breit. Gut dreißig Meter von der Mauer entfernt, zwischen Baufahrzeugen und Bauschutt, steht der noch nicht bezogene, von außen aber bezugsfertig wirkende Bau einer Flüchtlingsunterkunft (zwei Stockwerke, bodentiefe Fenster mit Balkonaustritten, abwechselnd hellblaue und dunkelblaue Fensterläden). 160 minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge sollen im März oder April nächsten Jahres einziehen. An den Bauzaun, den die Firma Schernthaner vor die Mauer gestellt hat, haben Kinder, wohl im Grundschulalter, Luftballons mit Botschaften ("Die Mauer ist blöt", "Die Mauer mus weg") gehängt. Es ist mit vier Meter Höhe und vierzig Meter Länge – so viel lässt sich beim ersten Anblick schon sagen – eine hohe, eine wuchtige und eine enorm billig, hässlich und merkwürdig provisorisch wirkende Mauer.

Die Nailastraße, am südlichen Ende der Münchner Trabantenstadt Neuperlach gelegen, die im nächsten Jahr 50. Geburtstag feiert, trennt ein Gewerbegebiet von einer Reihenhaussiedlung. Hier wohnt der gutbürgerliche Teil eines ehemals sozial prekären Stadtteils. Reihenhäuser, Garagen, winzige Vorgärten, die Straßen heißen Erich-Voegelin-Weg, Josef-Kiefer-Weg und Hundhammerweg. Die Häuser, von der Neuen Heimat in den siebziger und achtziger Jahren errichtet, wirken niedrig, eng, geduckt. Ansässig die Firmen Hörmann (Abdichtungstechnik) und Weishaupt (Brenner- und Heizsysteme). Die Werbung des Lidl-Marktes lautet: "Weihnachten ist für alle da."

Tatsächlich, da stehen, wie in den Fernsehbeiträgen und Zeitungsartikeln berichtet, die Neuperlacher Bürger in Grüppchen vor der Mauer beieinander und debattieren. Einer von der Bild-Zeitung, die Kameraleute von Stern TV suchen Interviewpartner. Ein Mann, mit Fleecejacke und Hund an der Leine, zeigt auf die Mauer und spricht auf gut Münchnerisch: "Wenn ich hiervor stehe, denke ich: Dahinter leben die wilden Tiere. Bei den Eisbären im Tierpark sieht’s auch nicht anders aus." Eine Rentnerin, mit der typischen Neuperlacher Wattejacke, steht abgewandt von den Reportern: "Hier reden zu viele mit, die hier nicht hingehören. Wenn Deutschland keine anderen Probleme hat, dann gute Nacht."

Deutschland im November 2016: In der Woche, in der Donald Trump in den USA zum Präsidenten gewählt und die Welt über Nacht eine andere wurde, eskaliert hier, an der Nailastraße, der Streit über ein Bauwerk. Die Mauer, von sieben Anwohnern als Lärmschutzmaßnahme erklagt, ist innerhalb einer Woche, erst in München, der Stadt, die weltweit für ihre Willkommenskultur gefeiert wurde, dann deutschlandweit, zum Symbol für deutschen Kleingeist und eine neue deutsche Ausländer- und Flüchtlingsfeindlichkeit geworden. Es gibt in dieser Geschichte, die nur auf den ersten Blick einer Vorstadt-Posse gleicht, auf den zweiten Blick aber den gesellschaftlichen Unfrieden in diesem Land abbildet, ein nur auf den ersten Blick klischeehaftes, auf den zweiten Blick aber grandios interessantes, widersprüchliches, fast tragisch ineinander verwobenes Personal.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Da wäre ein Lokalpolitiker mit einem linksliberal-humanistischen Gewissen und ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, der die ganze Geschichte ins Rollen brachte und nun wegen des Medienrummels und der Anfeindungen der Perlacher Bürger, als Nestbeschmutzer gebrandmarkt, an seine Grenzen gerät. Da wäre ein Richter, der die Klage einreichte und als Reihenhausbesitzer darauf besteht, dass er, auch in Zeiten der Flüchtlingskrise, am Wochenende in Ruhe in seinem Garten sitzen kann. Da wären eine Dritte Münchner Bürgermeisterin, die sich für eine sachliche Lösung des Konflikts starkmacht, und der OB der Stadt München, Christian Reiter, der die Aufregung um eine Lärmschutzmauer wohl bis heute unterschätzt. Da wären die Grünen im Münchner Stadtrat, die einen Antrag zum Abriss der Mauer eingereicht haben, und ein junger, erstaunlich sachlich und intelligent argumentierender CSU-Vorsitzender des Bezirksausschusses. Da sind, natürlich, die Neuperlacher Bürger, die sich um den sozialen Frieden und den Ruf ihres Stadtteils sorgen.

Der Vorgang, in wenigen Schritten erzählt: 2014 entschied die Stadt München, auf einem ihr eigenen, als Hundewiese beliebten Grundstück im Gewerbegebiet Neuperlach ein Flüchtlingsheim zu errichten. Mit dem Beschluss ging eine Petition der Neuperlacher Bürger im Bayerischen Landtag ein, die sich gegen das Heim aussprach (unter anderem mit der Begründung, dass die zu bebauende Fläche in unmittelbarer Nähe einer Spielhalle, eines FKK-Clubs und eines Wertstoffhofs liege). Sieben Anwohner reichten bei der Stadt unter Führung des Neuperlacher Bürgers Stephan Reich, 59, von Beruf Richter beim Landgericht, Klage auf Lärmschutz wegen eines geplanten, zur Unterkunft gehörenden Spiel- und Sportplatzes ein. Nach zweijährigem Rechtsstreit einigten sich die Anwohner und die Stadt München im Juni dieses Jahres auf einen Vergleich: Er sah den Bau des vier Meter hohen, noch zu begrünenden, durch Anböschungen zu verkleidenden Lärmschutzwalls vor.