"Alle waren so freundlich zu uns"

Khaled Karimo und Hiba Albassir haben den Chef des Jobcenters mit einem Dankesbrief überrascht

Khaled Karimo, 47, hat zusammen mit seiner Frau Hiba Albassir, ebenfalls 47, in Damaskus Gartenmöbel produziert. Albassir (in Syrien behalten Ehegatten ihre Namen) betrieb außerdem eine Reitschule. Als sie im Herbst 2015 zum Gespräch in die ZEIT-Redaktion kamen, waren sie schon seit zwei Jahren in Deutschland und hatten gerade ein Möbelgeschäft in Berlin eröffnet. Karimo spricht wenig Deutsch, Albassir, die in Mainz studiert hat, spricht für beide.

Die letzten zwölf Monate waren ein ständiges Auf und Ab. Wir haben alles versucht, um unser Möbelgeschäft in Schwung zu bringen, aber das war schwierig. Am Anfang hörten wir von Kunden, sie hätten gezögert hineinzugehen, weil sie nicht gewusst hätten, was wir verkaufen. Dabei war unser Schaufenster voller Möbel! Aha, dachten wir da, die Deutschen erwarten ein großes Schild, auf dem "Möbel" steht, damit sie wissen, dass es ein Möbelgeschäft ist. Das haben wir dann angebracht. Wir haben auch Rabattaktionen gemacht, Flyer verteilt, Möbel auf den Gehweg gestellt. Aber es half alles nichts. An manchen Tagen ist überhaupt niemand in unseren Laden gekommen.

Dabei hatte Khaled auf dem Fahrrad ganz Berlin erkundet, um den besten Standort zu finden. In Zehlendorf gibt es schöne Häuser mit großen Gärten und schicken Autos. Das schien uns perfekt zu passen. Unsere Gartenmöbel sind nicht billig. Aber viele haben bloß neugierig ins Schaufenster geguckt und sind dann weitergegangen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Kopftuch trage. Vielleicht sind die Menschen es gewöhnt, Gartenmöbel in großen Geschäften wie Bauhaus, Obi oder Ikea zu kaufen. Wir wissen es nicht. Ende September haben wir aufgegeben und den Laden geschlossen.

Etwa 350 Gartenstühle, Tische und Bänke haben wir vor dem Krieg gerettet und nach Deutschland gebracht. Vielleicht ein Drittel haben wir verkauft, der Rest lagert jetzt in einer Halle. Wir hoffen, dass wir Möbelhändler finden, die unsere Ware per Kommission verkaufen. Dass wir wieder einen eigenen Laden aufmachen oder neue Möbel produzieren, daran ist erst einmal nicht zu denken.

Wir leben jetzt von der Teilzeitstelle, die ich kurz nach meiner Ankunft in Deutschland bekommen hatte. Ich arbeite beim Syrian Heritage Archive. Das ist ein Projekt, das vom Auswärtigen Amt finanziert wird. Wir dokumentieren syrische Kulturgüter – für den Fall, dass wir unser Land eines Tages wieder aufbauen können. In einem Büro in Berlin-Mitte übertrage ich handschriftliche Notizen des deutschen Archäologen Michael Meinecke zu alten Dia-Aufnahmen in eine Datenbank. Aber wir erfassen auch Fotos von den Zerstörungen, die syrische Bürger heute im Krieg aufnehmen. Wie lange das Projekt weitergeht, ist unklar. Jedes Jahr heißt es, das sei jetzt das letzte Jahr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Bis vor ein paar Monaten haben wir Geld vom Jobcenter bekommen. Aber wir wollten das nicht mehr. Uns ist es unangenehm, von staatlicher Hilfe zu leben, und außerdem hat es die Wohnungssuche behindert. Immer wenn ein Vermieter hörte, dass wir von Hartz IV leben, schieden wir als Kandidaten aus.

Als wir uns im Jobcenter abgemeldet haben, habe ich mir dort einen Zettel genommen, auf dem man seine Beschwerden notieren kann. Ich habe daraufgeschrieben, dass wir sehr dankbar sind und dass alle Menschen im Jobcenter immer so freundlich zu uns waren. So war es, auch wenn das Jobcenter uns bei unserer Existenzgründung oder bei der Suche nach Arbeit nicht helfen konnte. Eine Woche später kam ein Brief vom Leiter des Jobcenters. Er schrieb uns, solche freundlichen Worte würden sie ganz selten erhalten. Wenn wir einverstanden seien, würde er unsere Nachricht an seine Mitarbeiter weiterleiten.

Jetzt haben wir wenig Geld, fühlen uns aber besser. Und wir haben tatsächlich eine bessere Wohnung gefunden. Früher hatten wir nur zwei Zimmer, und unsere Kinder mussten auf dem Flur schlafen, jetzt leben wir in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Alt-Kladow, das gehört zum Bezirk Spandau. Allerdings haben wir zur Zeit eine andere Flüchtlingsfamilie zu Gast, Nachbarn aus Damaskus. Sie sind vor einem Monat nach Deutschland gekommen. Wir helfen ihnen bei der Wohnungssuche. Bis das klappt, leben wir zu neunt in unserer kleinen Wohnung. So ist das in diesen Zeiten.

Wir haben schon öfter Freunde, Verwandte oder ehemalige Mitarbeiter aufgenommen. Meine Tochter hat einmal gefragt: "Mama, ich verstehe das nicht: Wenn Leute aus dem Ausland anreisen, kommen die normalerweise immer am Flughafen an, haben schöne Koffer dabei und bringen Geschenke mit. Nur bei uns kommen sie zu Fuß an, haben kaum Gepäck und sind oft schmutzig." Ja, habe ich gesagt, das ist der Krieg.

Unsere Kinder sollen sich gut in Deutschland integrieren, aber sie sollen ihre eigene Kultur nicht verlieren. Sie sind Syrer, und sie sollen auch Arabisch lernen. Deutsch ist für sie kein Problem. Unser Sohn ist 17 und bereitet sich auf das Abitur vor, unsere Tochter ist 14, sie lernt auch Englisch und Spanisch. Beide fühlen sich hier sehr wohl. Dass es unseren Kindern so gut geht, das ist für uns der einzige Lichtblick in diesen dunklen Zeiten.