ab 10 Jahren

Es muss etwas wirklich Furchtbares sein, was Fitz auf ihr Gesicht gemalt hat. Drei Wörter hat sich die Zwölfjährige mit wasserfestem Permanentmarker auf Stirn und Wangen geschrieben, und sie sind so schrecklich, dass jeder, der sie liest, erbleicht. Auf gar keinen Fall kann Fitz so mit ins Krankenhaus! Dabei spritzt das Blut nach einem schlimmen Fahrradunfall nur so aus der Fingerkuppe ihrer kleinen Schwester heraus. Der Vater der Mädchen fällt bei diesem Anblick fast in Ohnmacht. Weil Fitz sowieso Chirurgin werden will und eine beherzte Nachbarin mit einer Tigermaske aushilft, darf das Mädchen dann doch zusammen mit Vater und Schwester in die Notaufnahme, die allerdings total überfüllt ist. Denn Fitz’ Schwester ist nicht die Einzige, die bei überfrierender Nässe einen Unfall hatte.

Der Auftakt zu Anna Woltz’ neuem Kinderbuch erinnert an den alten Dramaturgie-Ratschlag: "Beginnen Sie mit einem Erdbeben, und steigern Sie sich langsam." 175 Seiten lang erzählt die niederländische Schriftstellerin von einem irrwitzigen Tag im Krankenhaus – mit einer Rasanz, die nur vom Furor ihrer Hauptfigur übertroffen wird. Fitz, die ihren Geburtsnamen Felicia gerade abgelegt hat, ist gnadenlos wütend, seit diesem merkwürdigen Gespräch vor einer Woche: "Das Schirmgespräch fand am zweiten Weihnachtstag statt und natürlich habe ich mir den Namen nicht ausgedacht. So wird es in 'Glücklich verheiratet, glücklich getrennt' genannt. (...) Beim Schirmgespräch erzählen die Eltern den Kindern gemeinsam, dass sie sich trennen werden. Dass sie es zwar supertoll fanden, eine Familie zu sein, jetzt aber wirklich lieber wieder allein sein wollen." Schlimmer noch als diese Nachricht trifft Fitz, was sie am Morgen auf dem Flur belauscht hat: Ihre Mutter konnte das erste kinderfreie Wochenende kaum erwarten. Tage, an denen sie tun (und essen) kann, was sie will. "Quer durch den Schnee sehe ich es vor mir. Wie sie genüsslich mit einem Teller voller Muscheln und Kokosbrot und Koriander dasitzt." Mit sarkastischem Witz fängt Woltz den Zorn ihrer zwölfjährigen Heldin ein, ihr entgeht aber auch nicht deren tiefe Verunsicherung: Was sind menschliche Bindungen überhaupt wert?

Als nach schier endloser Wartezeit in der Notaufnahme endlich ein Arzt auftaucht und auch die Mutter ans Krankenbett der kleinen Schwester geeilt ist, hält Fitz es dort nicht länger aus. Immer noch unter der Tigermaske, strolcht sie durchs Krankenhaus mit seinem Geruch nach "sauberen Wunden" und "Bildern an den Wänden, die verständlicherweise kein Museum haben will". Und während die Welt draußen in Schnee versinkt, gerät das unternehmungslustige Mädchen drinnen in einen Strudel der Ereignisse, so komisch wie allerbester Slapstick und so dramatisch wie eine ganze Staffel Emergency Room – inklusive erfundener Verletzungen, geheimnisvoller Nachrichten und schmachtender Liebe.

Fitz verkuppelt einen Doktor und eine Krankenschwester, klaut den Gips, der dem Buch seinen Namen gibt, und verpasst sich selbst einen Verband. Sie muss plötzlich um das Leben ihres Vaters fürchten und begegnet einem Jungen im Rollstuhl. Der ist dann zwar gar nicht gelähmt, sieht aber ziemlich gut aus: "Seine Haare hängen ihm vor den Augen und sein Gesicht ist starr. Vielleicht bekommt man in den höheren Klassen ja sogar Training darin: Wie gucke ich, als wäre mir die gesamte Welt vollkommen egal." Adam, schon 15 Jahre alt, weiß aus eigener bitterer Erfahrung, wie Fitz sich zwischen den Trümmern ihrer Familie fühlt. "Das Allerblödeste an diesem ganzen blöden Theater ist, dass es mich selbst auch so blöd macht. Vor zwei Wochen war ich noch ein ganz normales Mädchen. Und jetzt würde ich mich am liebsten von mir selbst scheiden lassen." Wohl auch wegen der drei Wörter unter ihrer Tigermaske, die sie schließlich vor Adam abnimmt: "MAMA steht auf meiner Stirn. SOLL auf meiner rechten Wange. STERBEN auf meiner linken."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Wie Fitz den Permanentmarker wieder abkriegt, wie sie auf den Krankenhausfluren nicht nur Blut und Operationsnarben, sondern auch der Liebe begegnet, wie sie neue Freunde findet und sich am Ende sogar mit ihrer Mutter versöhnt, das alles erzählt Anna Woltz in vielen überraschenden Wendungen. Dass die Handlung dabei manchmal ein paar Kapriolen zu viel schlägt – geschenkt. Wirklich misslungen an Gips ist nur eins: das Cover. Das zeigt ein paar nicht zum Buchtitel passende Pflaster und trägt (im Unterschied zur Originalausgabe) einen irreführenden Untertitel: Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte .

Tatsächlich repariert Fitz die Welt nicht, sondern begreift ganz im Gegenteil im Laufe eines turbulenten Tages, wie brüchig sie ist. Und warum es sich trotzdem lohnt, sich auf sie einzulassen: "Jetzt verstehe ich also, warum Menschen auf der ganzen Welt immer wieder so verrückt sind und heiraten. (...) Man kann diese Menschen dumm nennen. Man kann auch sagen, dass sie keine Angst haben. Sie haben keine Lust, ewig im Wartezimmer sitzen zu bleiben, also versuchen sie es einfach. Sie leben."

Anna Woltz: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Deutsch von Andrea Kluitmann; Carlsen Verlag 2016; 176 S., 10,99 €

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 20. November stellt Radio Bremen das Buch im Programm von Funkhaus Europa und im Nordwestradio vor, nachzuhören unter www.radiobremen.de/luchs