Das Hamburger Schulsystem droht zu scheitern, sagten die Schulleiter der Stadtteilschulen vor fünf Monaten im Gespräch mit der ZEIT. Ihre Schulform verkomme zur Restschule, die Gymnasien zur Gesamtschule. Jetzt äußern sich erstmals die Sprecher der Vereinigung der Leitungen Hamburger Gymnasien: Christian Klug (Gymnasium Lerchenfeld), Christian Gefert (Marion Dönhoff Gymnasium) und Arne Wolter (Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer)

DIE ZEIT: Uni-Präsident Dieter Lenzen hat kürzlich gesagt, die Uni müsse Studienanfängern heute "beibringen, was man vor 30 Jahren in der gymnasialen Oberstufe lernte". Hat er recht?

Arne Wolter: So plakativ mit Sicherheit nicht.

Christian Klug: Solche Verfallsthesen sind beliebt, aber man muss genau hinschauen. Mein Eindruck ist: Der durchschnittliche Schüler ist heute auf die Anforderungen der Hochschule besser vorbereitet als früher. Die Prioritäten haben sich verschoben. Ich habe in meiner Schulzeit in Deutsch 35 umfangreiche Werke gelesen, also Ganzschriften, da kommt man heute noch auf zehn bis zwölf. Dafür sind die heutigen Abiturienten beispielsweise viel besser in Präsentationen. Statt möglichst viel Inhalt zu vermitteln, achten wir heute stärker darauf, dass die Schüler bestimmte Kompetenzen beherrschen. Die Zeiten haben sich geändert.

ZEIT: Dahingehend, dass immer mehr Schüler das Abitur machen. Sind die Jugendlichen heute klüger – oder ist das Abi leichter geworden?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wolter: Als damals der Pisa-Schock kam, war die klare Aussage: Deutschland hat im internationalen Vergleich zu wenig junge Menschen mit Studienzugangsberechtigung. Es gibt politisch und gesellschaftlich den Anspruch, mehr Menschen zu höheren Abschlüssen zu bringen. Aus dieser Sicht sind wir erfolgreich.

Christian Gefert: Wir haben heute viel mehr Studienplätze und ein breiteres Spektrum an Studiengängen – die haben ganz andere Anforderungen, deswegen hat sich zwangsläufig das verändert, was wir Hochschulreife nennen.

ZEIT: In keinem anderen Bundesland machen so viele Schüler das Abitur. Ist das Abi in Hamburg zu leicht?

Klug: Nein, die Aufgaben sind insgesamt nicht leichter geworden. Aber seit die Aufgaben im Zentralabitur von der Behörde vorgegeben werden, ist der Unterricht zielorientierter. Der Lehrer, der die Aufgabe nicht selber stellt, ist ein Trainer. Allerdings konzentriert sich der Unterricht oft auf die zentralen Themen. Was früher nebenher gemacht wurde, bleibt oft auf der Strecke.

ZEIT: Das Gymnasium als Ort der Prüfungsvorbereitung statt als Hort breiter Bildung.

Gefert: Die Tendenz gibt es, ja.

Wolter: Wir wissen, dass unsere Schüler in bestimmten, durchaus wichtigen Kompetenzen gut abschneiden. Aber wir haben keine Instrumente, um Bildung im umfassenden Sinn zu messen. In jedem Fall ist Bildung heute etwas anderes als früher.

ZEIT: Wie haben sich die Gymnasien verändert?

Wolter: Es gab einen enormen Reformdruck in den vergangenen zehn, zwölf Jahren – und wir haben in dieser Zeit viel geleistet. Wir haben heute einen viel positiveren, individuelleren Blick auf die Schüler, wir fördern sie viel stärker, unterstützen sie dabei, ihre Potenziale auszudrücken und sich von ihren Problemen freizuschwimmen. Deswegen landen mehr Schüler in der Oberstufe.