Haruki Murakami, dessen Werk millionenfach in rund vierzig Sprachen verbreitet ist, hält sich "für einen ganz normalen Kerl". Als wir den japanischen Autor Ende Oktober in Odense auf der Insel Fünen treffen, empfängt er aus den Händen einer dänischen Prinzessin gerade den Hans-Christian-Andersen-Preis in Form eines goldenen Schwans. Herr und Frau Murakami sitzen im Rathaus von Odense, beide in schwarzen Anzügen, und verziehen keine Miene, als man ihnen erklärt, was den japanischen Bestsellerautor mit dem romantischen Märchenerzähler aus Fünen verbindet. Beide, sagt die dänische Literaturprofessorin Anne-Marie Mai, hätten einen ausgeprägten Sinn für das Magische und das Spirituelle im Alltäglichen.

Am nächsten Morgen, Murakami trägt wieder Sneakers und Sweatshirt, steht der goldene Schwan zwischen uns auf dem Tisch im Hotel Hans Christian Andersen. Draußen grauestes Ostseewetter. Der Preisträger möchte gerne noch in einen Plattenladen. Er habe, sagt er, zu Hause in Japan zwar schon mehr als 10.000 Vinylplatten. Er höre sie täglich, abends, nachdem die Sonne untergegangen sei, und er rieche sie auch gerne.

In Deutschland ist vor Kurzem sein neues Buch erschienen, in dem er erklärt, wie er Schriftsteller wurde und worauf es ihm beim Schreiben ankommt. Es sei sehr wichtig, schreibt er darin, in einem Text von Anfang bis Ende einen fesselnden und soliden Rhythmus beizubehalten. Seine Romane sind deswegen ein bisschen wie Jazz. Auch sein Alltag ist wie Jazz. Er halte auch dort, schreibt er, einen soliden Rhythmus ein, stehe jeden Tag sehr früh auf, mache sich einen Kaffee und beginne zu schreiben, egal, ob er Lust dazu habe oder nicht. Jeden Tag schreibe er zweieinhalb Seiten. Nach fünf oder sechs Stunden sei Schluss, auch wenn es gut läuft, höre er auf. Am Nachmittag absolviert er sein tägliches Lauftraining, selbst wenn er keine Lust habe, zwinge er sich dazu. So gehe es Tag für Tag. Das Wichtigste sei, schreibt er, nie aus dem Rhythmus zu kommen. Oft habe er dabei das Gefühl, ganz allein auf dem Boden eines einsamen Brunnens zu sitzen.

Vielleicht kommt die romantische Magie, von der die dänische Professorin sprach, aus dieser asketischen Versenkung? Er sei ja wohl ein sehr einsamer und ganz auf sich konzentrierter Schriftsteller? Ja, sagt Murakami, wenn es gut läuft, sei das Schreiben ein Traum, in dem er feststecke. Damit es eine gute Geschichte wird, mache er jedes Mal eine Reise tief auf den Grund seiner selbst. Dorthin, wo es eine tiefere Wahrheit gibt, wo es gefährlich und dunkel sei. Man müsse physisch und geistig stark genug sein für diese Reise. Dann genüge es, einfach zu beschreiben, was man dort unten sieht.

Wer sich den Kopf darüber zerbricht, warum der japanische Autor die entzauberte Gegenwart der Moderne unbedingt wieder verzaubern will, bekommt von Murakami selber meist keine Auskunft. Ein wenig ratlos las man in seinem Romanzyklus 1Q84 von einer abgedrehten Parallelwelt, in der "little people" mitten in Tokio ein märchenhaftes Heinzelmännchenwesen treiben und der Mond doppelt am Himmel steht. Auch in seinem neuen Buch behauptet er, dass man beim Schreiben "in Kontakt zu Lebewesen auf einem anderen Stern treten kann". Ist das die romantische Seite Murakamis, von der die dänische Literaturprofessorin sprach?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

"Habe ich das geschrieben?", lacht er. "Ich glaube, ich gehe immer tiefer in mich selber hinein, in mein Inneres. Wenn ich die Welt auf ihrer Oberfläche beschreibe, benutze ich einen sehr realistischen Stil. Aber sobald ich tiefer gehe, wenn ich in den Untergrund abtauche, wird mein Schreiben metaphorisch und symbolisch. Vielleicht auch poetischer. Ich gebrauche zwei verschiedene Schreibstile. Einen realistischen für die Oberwelt, einen metaphorischen für die Unterwelt." Insofern kann man schon sagen: Ober-, Unter- und Innenwelt kommunizieren für den Neoromantiker Murakami so makellos miteinander wie die Motorteile einer vor sich hin schnurrenden Luxuslimousine. Dennoch kümmern ihn die modernen Erzähltechniken der Introspektion herzlich wenig. "Ich habe wenig Ahnung von Psychologie und von Freud, solche Sachen interessieren mich auch nicht. Psychologen interessieren sich für meine Geschichten, aber mir ist das egal. Wenn man versucht, eine Geschichte analytisch zu konstruieren, geht die Vitalität verloren. Was für mich zählt: Man muss beim Schreiben träumen. Ich kann sehr bewusst und absichtlich träumen. Wenn ich einen Traum sehen will, sehe ich ihn. Ich muss mich nur konzentrieren, und die Träume erscheinen mir, ich muss sie dann lediglich noch aufschreiben."