Ist Henry Moore etwa die Lavalampe unter den Bildhauern? Zugegeben, eine schlimme Frage. Noch schlimmer die Antwort: Er ist nicht einmal das. Während Lavalampen und all die anderen weichen, warmen Ausstattungsstücke der Nachkriegszeit ihren Weg zurück in den Alltag der Gegenwart gefunden haben – vom Nierentisch bis zum Sitzsack –, scheint die Retro-Liebe an den organisch geformten Bronzeriesen des Briten ganz vorbeizugehen. Bis weit in die neunziger Jahre galt Moore als der wichtigste Bildhauer des 20. Jahrhunderts, heute aber ist er aus der Zeit gefallen. Und könnte doch morgen schon wieder zu den ganz Großen gehören.

Viele seiner Skulpturen wogen in sanfter Monumentalität, erinnern von ferne an menschliche Leiber, nur dass Beine, Rücken, Köpfe nicht wohlsortiert auftreten, auch nicht stramm und trainiert, sondern so frei und beweglich, als wollten sie weniger Körper als Landschaft sein. Nichts splittert, nichts sticht, und anders als manche existenzialistisch gesinnten Künstlerkollegen gemahnt Moore auch nicht an Vergäng- und Vergeblichkeit. Ihm gefallen die heiteren, spielenden Formen, und seine Vorbilder sucht er nicht selten am Strand, wo Wind und Wellen alles Raue glatt gewaschen haben, vor allem die Kiesel.

Nicht zufällig war es dieses Bedürfnis nach vorzeitlicher Gründung, nach einer über alle menschliche Geschichte hinausweisenden Tradition, das Moore in den Nachkriegsjahren zum Staatskünstler aufsteigen ließ, vor allem in Deutschland. Es waren angenehm unverdächtige Gestalten, die auf Marktplätzen, vor Rathäusern, auch vor dem Bundeskanzleramt in Bonn dem zerborstenen Land zu Zeichen einer friedfertigen Westmoderne verhalfen. Nach Jahren des Kriegs galt just das Gemäßigte dieser Kunst – halb abstrakt und halb figürlich, schon groß, aber niemals übermächtig – als angemessen international und Tagesschau-tauglich.

Darüber mag man heute lächeln, zumal die meisten Künstler längst andere ästhetische Ideale verfolgen. Die Idee, elefantöse Ewigkeitswerke in die Gegend zu stellen, überhaupt die Vorstellung, dem menschlichen Körper eine neue, beschwingte Kontur zu geben, will nicht mehr verfangen. Eine umgewidmete Würstchenbude kann Bildhauerei sein und auch sonst eigentlich alles, ein Klohäuschen, ein begrünter Müllberg – aber ein frei modelliertes, golden schimmerndes Moore-Gebilde?

Dabei wäre es Zeit für eine Neuentdeckung. Nur darf man Moore nicht so ausstellen wie jetzt in Münster: kunsthistorisch wohlsortiert und im beschützenden Kreis vieler Bewunderer und Epigonen. Noch einmal wird hier der Ruhm des Meisters beschworen, als großer Europäer muss er nun herhalten. Und im Katalog lässt sich nachlesen, wie sperrig, kritisch, furchtbar modern er in Wahrheit gewesen sei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

So aber, eingelullt von falschen Lobgesängen, erscheint konventionell, was doch reizvoll, ja aufregend sein könnte, wie gemacht für eine Gegenwart, in der die klaren Grenzen flüssig werden und viele Menschen ein Leben im Sowohl-als-auch ersehnen. Moore gibt dem Ideal der Vita contemplativa eine Form, viele seiner Figuren lehnen sich zurück auf ihrem Sockel, sie lagern, und wenn es nach ihnen geht, soll die Zeit vorüberziehen, wie hektisch, wie strudelnd auch immer.

Zugleich sind Moore-Skulpturen alles andere als passiv. Innerlich bewegt, mit sich selbst im Gespräch und auf die Welt bezogen, scheinen sie eine Vita activa anzuregen, was sich schon daran zeigt, dass in Münster an fast allen Sockeln gewarnt wird: Hände weg! Denn ebendas wecken sie: den Wunsch nach Berührung.