ab 14 Jahren

Warum ziehen Jugendliche, die in Europa oder den USA aufgewachsen sind, in den Dschihad? Warum lassen sie sich von Salafisten locken, die einen Gottesstaat anstreben, aufgebaut auf pervertierten Regeln aus dem 7. Jahrhundert? Das sind Fragen, die Politiker, Wissenschaftler und Verfassungsschützer seit Jahren beschäftigen – und Eltern quälen. Befriedigende Antworten konnte bisher niemand liefern. Jetzt haben sich auch Jugendbuchautoren dieser Fragen angenommen, gleich eine ganze Reihe an Romanen dazu ist dieses Jahr in Deutschland erschienen.

Ein großer Name ist darunter: Morton Rhue, Autor des Klassikers Die Welle, der von der Verführungskraft des Faschismus handelt. In Dschihad Online erzählt Rhue die Geschichte von Khalil. Der ist 17 Jahre alt und lebt mit seinem großen Bruder Amir in den USA, "in einer weißen Stadt mit hübschen Vierteln und hohen Collegeaufnahmequoten". Die Eltern, einst aus Srebrenica geflohen, ziehen zurück nach Bosnien, ihre Kinder bleiben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Khalil soll einmal aufs College gehen, doch der ältere Bruder Amir rutscht ab in die Kleinkriminalität und droht abgeschoben zu werden. Seinen jüngeren Bruder zieht er mit in eine Abwärtsspirale: Khalil fliegt von der Schule, verliert erst die Freundin, dann die Orientierung in seinem Leben. Und schließlich führt der große Bruder ihn in eine Gruppe von Islamisten ein. Wie Gift sickern deren Einflüsterungen in Khalils Denken. Irgendwann ist er überzeugt: Als Muslim hast du keine Chance in den USA, du wirst nur gehasst. Du bist niemand. "Aber stell dir mal vor", sagen die Verführer, "du wärst jemand, stell dir vor, du wärst Teil von etwas, das so groß und mächtig ist, dass es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten schlaflose Nächte bereitet." Rhue gelingt mit Dschihad Online die anschauliche Erzählung einer Radikalisierung, als Vorlage diente ihm das tschetschenische Brüderpaar, das 2013 einen Bombenanschlag auf den Boston-Marathon verübte.

Bis in die Hölle des selbst ernannten IS-Kalifats führt der Roman Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten. Kadir, Sohn türkischer Eltern und aufgewachsen in einer Hamburger Hochhaussiedlung, ist auf dem Fußballplatz ein Talent, in der Schule ein Versager. In der neunten Klasse schmeißt er hin und verdient sein Geld in einer Waschstraße. Seine Zukunft verspricht – nicht viel. In einer Moschee gerät Kadir an Salafisten, verfällt den Worten der Prediger, fühlt sich auserwählt. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Doch ihn quält, dass er untätig dabei zusieht, wie in Syrien Brüder und Schwestern sterben. Die Propaganda-Videos der Dschihadisten faszinieren ihn, irgendwie erscheinen ihm die Jungs auf den Pick-ups mit den schwarzen Fahnen cool. Und sie tun was. So zieht auch Kadir in den Dschihad, aber was er in Syrien erlebt, ist nicht das, was er erwartet hatte. Traumatisiert kehrt er zurück nach Deutschland.

Das Autorenduo Benno Köpfer und Peter Mathews vermittelt ein genaues Bild von der Salafistenszene in Deutschland und dem Leben und Sterben in Rakka. Köpfer ist Islamwissenschaftler und arbeitet beim Verfassungsschutz, für Kadir hat er mehrere reale Lebensläufe verdichtet. Erzählerisch schwächelt das Buch allerdings, und die Hauptfigur bleibt eigenartig blass, was vor allem daran liegt, dass Kadirs Geschichte aus der Perspektive seines deutschen Freundes erzählt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Dschihad Calling von Christian Linker beschreibt die Geschichte eines Konvertiten: Jura-Student Jakob verliebt sich in eine Salafistin. Deren Bruder Adil radikalisiert sich, und auch Jakob fühlt sich von den Islamisten angezogen. Wenngleich sich das Buch spannend liest, krankt es an dem wenig plausiblen Hopplahopp-Übertritt der Hauptfigur.

Was in all diesen Dschihad-Romanen irritiert, ist, mit wie viel Verständnis die Figuren beschrieben werden, so als bleibe ihnen gar kein anderer Weg als der in den Islamismus. Sie werden gezeichnet als verführte Opfer, die schnell bisherige Werte wie unnützen Ballast über Bord werfen, weil sie tatsächlich oder vermeintlich chancenlos sind. Ein Motiv taucht dagegen kaum auf: die Lust an Gewalt und daran, Macht ausüben zu können, das treibende Gefühl, endlich besser zu sein als die anderen, die Ungläubigen.

Man würde auch gerne mehr darüber erfahren, wie die frischgebackenen Dschihadisten wurden, was sie sind. Aber ihr Vorleben ist in allen Titeln stark verkürzt, sie durchleben stattdessen eine Art Blitzradikalisierung. Umso ausführlicher dagegen wird der Weg nach Syrien beschrieben, die ersten Wochen in den Trainingslagern des IS. Die Tagebucheinträge des Dschihadisten Adil lesen sich bei Christian Linker wie romantisierte Frontberichte. Der Horror wird zwar nicht verschwiegen, aber er kommt insgesamt zu kurz.

Früher ansetzen will Antonia Michaelis in Die Attentäter. Allerdings gerät das Buch mehr zu einer Beziehungsgeschichte dreier Jugendlicher in Berlin. Durch einen eigenwillig prätentiösen Erzählton, der gelegentlich ins Kitschige schwappt, wirkt der Islamismus fast nebensächlich, wie eine eher zufällige Klammer.

Es wäre vermessen, von Literatur zu verlangen, dass sie die Antworten auf Fragen liefert, an denen Fachleute seit Jahren scheitern. Aber neue Impulse könnte sie schon geben. Doch bis auf Morton Rhues Dschihad Online lesen sich die Neuerscheinungen streckenweise wie nach Rezept geschrieben: Man nehme einen Teenager mit muslimischem Background, der in einer Lebenskrise steckt und sich chancenlos und an den Rand gedrängt fühlt. Das mögen Fakten sein, nur darf man von einem Roman etwas fordern, das über Fakten hinausreicht. Schade ist das, denn eine wirklich starke politische Jugendliteratur wünscht man sich in Zeiten von Terrormilizen wie dem IS und weltweit bröckelnden demokratischen Gesellschaften mehr denn je.

Morton Rhue: Dschihad Online. Deutsch von Nicolai von Schweder-Schreiner; Ravensburger Verlag 2016; 256 S., 14,99 €

Benno Köpfer/Peter Mathews: Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten. dtv 2016; 340 S., 14,95 €

Christian Linker: Dschihad Calling. dtv 2015; 320 S., 12,99 €

Antonia Michaelis: Die Attentäter. Oetinger Verlag 2016; 448 S., 19,99 €